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Warum auch ein vorübergehender "Inflationsausreiser" problematisch ist

27.12.2022  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Selbst ein vorübergehender "Inflationsausreißer" führt zu einem dauerhaften Kaufkraftverlust des Geldes. Denn Zentralbanken korrigieren eine Zielverfehlung bei der Inflation nicht.

Die aktuelle Hochinflation sei ein "Ausreißer", der sich in den kommenden Jahren wieder abbaut, so ist vielfach zu lesen und zu hören. Selbst wenn das so sein sollte, wäre das jedoch kein Grund, um Entwarnung zu geben. Denn auch ein vorübergehender Inflationsausreißer führt zu einem dauerhaften Kaufkraftverlust des Geldes. Hier die Erklärung. - Die Güterpreisinflation wird heutzutage anhand von statistischen Größen (Preisindizes) ermittelt. Man spricht von Güterpreisinflation, wenn die Güterpreise in einer Periode (Monat, Jahr) gegenüber der Vorperiode ansteigen. Eine Güterpreisinflation von 2 Prozent pro Jahr wird dabei üblicherweise als "akzeptabel", als "verträglich" angesehen.

Allerdings setzt auch eine Güterpreisinflation von 2 Prozent - auch wenn diese Rate recht gering zu sein scheint - die Kaufkraft des Geldes bereits in empfindlicher Weise herab. Das Halten von unverzinslichem (Bar-)Geld macht den Geldverwender unter diesen Bedingungen ärmer. Die "Inflationsziele", die die Zentralbanken verkünden, sind in der Regel für Jahresabschnitte definiert. Kommt es zu Zielverfehlungen (fällt also die tatsächliche Inflation höher oder niedriger aus), wird die Abweichung in der Folgeperiode nicht korrigiert, sondern als gegeben hingenommen (im englischen sagt man dazu "Let bygones be bygones"). Dazu nachstehend zwei einfache Illustrationen.


Fall 1: Eine Inflation von 2 Prozent pro Jahr

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Quelle: eigene Berechnungen.


Im ersten Fall steigen die Güterpreise um 2 Prozent pro Jahr an. Für ein Gut, das zum Beispiel 100 Euro kostet, muss man folglich in einem Jahr 102 Euro bezahlen. Diese Entwicklung der Güterpreise ist in Abb. 1 a dargestellt. Die Inflation wird in Abb. 1 b gezeigt. Sie entspricht dem zweiprozentigen Anstieg der Güterpreise gegenüber dem Vorjahr. Abb. 1 c illustriert die Entwicklung der Kaufkraft des Geldes. Steigen die Güterpreise im Zeitablauf an, nimmt die Kaufkraft des Geldes ab; man bekommt immer weniger Güter für sein Geld.

Im zweiten Fall beträgt die Inflation der Güterpreise in den ersten zwei Jahren jeweils 2 Prozent pro Jahr, und im dritten Jahr steigt sie auf gut 6 Prozent für ein Jahr an (es handelt sich also um einen "Inflationsausreißer"), und im vierten Jahr fällt sie wieder auf 2 Prozent zurück. Abb. 2 a zeigt die Güterpreisentwicklung, Abb. 2 b die Inflation und Abb. 2 c die Kaufkraftentwicklung. Wie zu erkennen ist, beschleunigt der Inflationsausreißer nicht nur den Güterpreisanstieg beziehungsweise den Kaufkraftverlust des Geldes. Er erweist sich auch als dauerhaft, weil die Zentralbank ihn nachfolgend nicht mehr rückgängig macht.


Fall 2: "Einmaliger Inflationsausreißer"

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Quelle: eigene Berechnungen.


Der Rückgang der Inflation in Abb. 2 b im vierten Jahr ist so gesehen also keine "Entwarnung". Er steht zwar für einen Rückgang der Güterpreissteigerung und damit eine Verringerung des Kaufkraftverlustes des Geldes. Aber es bedeutet eben doch, dass die Güterpreise gestiegen sind und die Kaufkraft des Geldes abgesunken ist. Und selbst wenn die Inflation wieder auf der Zielmarke von 2 Prozent angekommen ist, dann bleiben die Güterpreise erhöht, und man bekommt weniger Güter für sein Geld als vorher.

Verringern sich die offiziellen Inflationsraten dies- und jenseits des Atlantiks in den kommenden Monaten - was aufgrund der Preisrückgänge für Energieträger durchaus wahrscheinlich ist -, klingt das zunächst nach Erleichterung. Doch Vorsicht: Es ist zu befürchten, dass ein Nachlassen der Hochinflation sehr wahrscheinlich zeitlich begrenzt sein wird. Denn beispielsweise ist der "Geldmengenüberhang" im Euroraum nach wie vor sehr beträchtlich - wir schätzen ihn aktuell auf etwa 9 Prozent -, so dass mittel- bis langfristig gesehen der Auftrieb auf die Güterpreise hoch bleiben dürfte.

Zudem ist es nicht wahrscheinlich, dass die Energiepreise dauerhaft nachgeben - im Gegenteil! Die Verknappung der fossilen Energieerzeugung im Zuge der 'grünen' Politik bei gleichzeitig weltweit zunehmender Energienachfrage spricht vielmehr für eine strukturelle Verteuerung der Energie in den kommenden Jahren.

Bei einer weiterhin expansiven Geldpolitik kann sich daher gerade die Energiepreisverteuerung als Überträger für erhöhte Inflation erweisen. Nicht zuletzt kann ein Vertrauensverlust eintreten: Angesichts der höchst unliebsamen Überraschung mit der jüngsten Hochinflation passen die Menschen ihre Inflationserwartungen "nach oben" an, rechnen fortan mit einer Inflation, die höher ist als die, die Ihnen die Zentralbank verspricht. Entsprechend werden Lohn-, Miet- und Kreditverträge an die erhöhte Inflationserwartung angepasst. Und die Inflation wäre gekommen, um zu bleiben.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


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