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Freundlicher Wochenauftakt - D: Industrie fordert Steuersenkung - EZB: Falken und Tauben

24.01.2023  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,0873 (05:42 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,0847 im europäischen Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 130,20. In der Folge notiert EUR-JPY bei 141,61. EUR-CHF oszilliert bei 1,0022.


Finanzmärkte: Freundlicher Wochenauftakt

An den Finanzmärkten ergab sich ein freundlicher Wochenauftakt geprägt von leichter Risikobereitschaft. US-Aktienmärkte legten zu, allen voran der NASDAQ (+2,14%), und wirkten sowohl auf Europas als auch Japans Aktienmärkte unterstützend. China feiert unterdessen das Jahr des Hasen (Beginn 22. Januar). Wofür steht das Jahr des Hasen? Es ist traditionell ein gutes Jahr, um ein Baby zu bekommen (Japan, siehe unten) oder ein neues Unternehmen zu gründen, und wer bereit ist, ein gewisses Risiko einzugehen, hat in einem Hasenjahr angeblich Glück.

An den Rentenmärkten kam es zu einer weiteren Versteifung. 10 jährige Bundeanleihen rentieren mit 2,20% (Vortag 2,17%) und 10 jährige US-Staatstitel mit 3,52% (Vortag 3,47%). Der EUR hält die erhöhten Niveaus weitgehend. Gold gewann geringfügig, Silber verlor Boden.


Deutschland: Die Industrie will Steuersenkungen

Die deutsche Industrie dringt wegen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit auf Steuersenkungen. Die Steuerpolitik sei eine wesentliche Stellschraube, um wettbewerbsfähige Wertschöpfung zu ermöglichen, so der Präsident des BDI. Die Unternehmenssteuern sollten zumindest auf ein international durchschnittliches Niveau gesenkt werden, von aktuell rund 30% auf maximal 25%. Vorbilder für Steuersenkungen seien laut BDI-Chef Frankreich und Österreich.

Kommentar: Die deutsche Wirtschaft steht nach wie vor unter existentiellem Stress. Die Frage der nachhaltigen Energieversorgung zu Preisen, die internationale Konkurrenzfähigkeit erlauben, ist bestenfalls temporär entschärft dank des 200 Mrd. EUR-Subventionspakets, eines bisher milden Winters und rückläufiger Rohstoffpreise an den internationalen Märkten. Das Problem ist nicht gelöst. Dann auch noch unter steuerlichen Gesichtspunkten international benachteiligt zu sein, verschärft das Problem, den Industriestandort Deutschland zu halten. Dieser Industriestandort (Kapitalstock, Geschäftsmodell) ist für unsere ökonomische, gesellschaftspolitische und politische Stabilität unverzichtbar. Hier geht es um Struktur (Aristoteles)!


EZB aktuell: Zwei "Tauben", ein "Falke"

Italiens Notenbankchef Visco widersprach der Sichtweise, dass die Zinsen in der Eurozone besser stärker als schwächer angehoben werden müssten. Bei beiden Vorgehensweisen seien die Risiken seiner Meinung nach gleich groß. Er sei nicht davon überzeugt, dass es heute besser sei, eine zu starke Straffung zu riskieren, als zu wenig zu tun.

Flankiert wurden Viscos Einlassungen von einer Stellungnahme des griechischen Notenbankchefs Stournaras. Die EZB sollte aus seiner Sicht aufgrund der rückläufigen Konjunktur die Zinsen nicht mehr so stark erhöhen. Seiner Meinung nach sollte die Anpassung der Zinssätze gradueller sein angesichts der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in der Eurozone. Hinsichtlich der großen Unsicherheit, der anhaltenden geopolitischen und makroökonomischen Turbulenzen als auch der Volatilität an den Märkten sei es sehr schwierig, das Niveau exakt vorherzusagen, auf dem die Zinssätze festgesetzt werden müssten.

Aber auch das Lager der Falken lieferte Verbalakrobatik. Der EZB Ratskollege Kazimir aus der Slowakei argumentierte, dass ein Rückgang der Inflation in zwei aufeinanderfolgenden Monaten zwar eine gute Nachricht sei, aber kein Grund, das Tempo der Zinserhöhungen zu drosseln. Er sei überzeugt, dass zwei weitere Zinserhöhungen um 50 Basispunkte vorgenommen werden müssten.

Kommentar: Die Verbalakrobatik seitens der EZB-Ratsmitglieder belegt, was auf der letzten EZB-Ratssitzung deutlich wurde. Es gibt keinen breiten Konsens. Festzuhalten ist, dass das Lager der so genannten "Falken" in den letzten Monaten stärker geworden ist, nachdem es über mehr als eine Dekade größtenteils "flügellahm" war.

Mehr „Falken“ im EZB-Rat bedeutet, dass das Lager der "Tauben" kleiner wird. Die Chance, dass die Spitze im Leitzinserhöhungszyklus oberhalb der Marke von 3,00% angesiedelt ist und Richtung 3,50% mäandert ist real.

Die Wirkung der aktuellen Verbalakrobatik zeigt sich weniger am Aktien- und Rentenmarkt als am Devisenmarkt. Die aktuelle Stärke des Euros ist das Resultat. Damit dreht sich das Risiko auch ein Stück weit im Inflationsszenario. Wurde mit der EUR-Schwäche Inflation importiert, ergibt sich jetzt eine konträre Konstellation.

Daneben wird auch die Handelsbilanzsituation entschärft. Dort gab es im Rahmen des EUR-Verfalls historisch hohe Defizitgrößen in der Größenordnung von circa 40 Mrd. EUR. Mit dem Anstieg des Euros seit Ende September als auch dem Rückgang der Rohstoffpreise seit letztem Sommer entspannte sich das Bild merklich (zuletzt Defizit bei circa 15 Mrd. EUR).

Als Fazit lässt sich ziehen, dass Stabilitätspolitik kurzfristig schmerzhaft ist. Es ist eine bittere Medizin, die am Ende positiv wirkt und unverzichtbar ist und bleibt. Den Granden der Bundesbank war das immer bewusst. In diese Reihe fügt sich Joachim Nagel perfekt ein. Seit seiner Berufung zum Chef der Bundesbank ist die Neuausrichtung in der EZB unverkennbar. “Merci!“



Japan will Geburtenrückgang stoppen

Ministerpräsident Kishida will die sinkende Geburtenrate in Japan mit staatlichen Maßnahmen bekämpfen, nachdem es letztes Jahr zu einem Allzeittief mit weniger als 800.000 Geburten gekommen ist (Durchschnittsalter 49 Jahre = Weltrekord). Japan stünde am Scheidepunkt, ob es seine gesellschaftlichen Funktionen aufrechterhalten könne. Wenn es um die Geburten- und Erziehungspolitik gehe, heiße es jetzt oder nie - das ist ein Thema, das einfach nicht länger warten könne.

Kommentar: Ja, es ist höchste Zeit, das gilt aber nicht nur für Japan!


Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden:

Eurozone: Aufhellung unter Erwartung

Der Index des Verbrauchervertrauens ist laut Erstschätzung per Januar von zuvor -22,0 (revidiert von -22,2) auf -20,9 Punkte gestiegen. Die Prognose lag bei 20,0 Zählern.


USA: Frühindikatoren schwächer als erwartet

Die Index der Frühindikatoren nach Lesart des Conference Board verzeichnete per Berichtsmonat Dezember einen Rückgang um 1,0% (Prognose -0,7%) nach zuvor -1,1% (revidiert von -1,0%).


Japan: Erstschätzungen Jibun Bank PMIs per Januar besser ausgefallen

• Jibun Bank PMI Verarbeitendes Gewerbe: 48,9 nach zuvor 48,9 Punkten
• Jibun Bank PMI Dienstleistungen: 52,4 nach zuvor 51,1 Punkten
• Jibun Bank PMI Composite Index: 50,8 nach zuvor 49,7 Punkten

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, dass bei dem Währungspaar EUR/USD eine neutrale Haltung favorisiert.

Viel Erfolg


© Folker Hellmeyer
Chefvolkswirt der Netfonds Gruppe



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