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Den Insidern über die Schulter geschaut

08.01.2005  |  Alexander Hirsekorn
- Seite 3 -
Die wöchentliche Veränderung

Die wöchentliche Veränderung der Netto-Position einer Gruppe ist die Gegenüberstellung der Positionierung der aktuellen Woche mit der Positionierung der Vorwoche. Diese Veränderung besitzt im Zusammenhang mit der Preisveränderung im Betrachtungszeitraum eine große Aussagekraft. Eine Divergenz zwischen Preis- und Positionsveränderung ist dabei sehr aussagekräftig.

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Anhand des Positionierungsverhaltens der Commercials im S&P 500 lassen sich zwei Aspekte zeigen. Zum einen reduzierten die Commercials bei den CoT-Daten vom 4.3.2003 ihre Short-Positionierung um 24.767 Kontrakte, was an sich bereits eine außergewöhnliche wöchentliche Veränderung darstellt, die zuvor in diesem Jahrzehnt lediglich am 18.9.2001 sowie am 17.9.2002 annähernd erzielt wurde. Im Gegensatz zu diesen beiden Daten fiel die Preisbewegung des S&P500 mit einem Wochenverlust von lediglich etwas mehr als 1% marginal aus, und somit war diese große Positionsveränderung bei gleichzeitig geringer Preisveränderung ein positives Zeichen für eine nahende Trendumkehr, die dann in der darauf folgenden Kalenderwoche eintrat. Ebenso besitzt eine deutliche Positionsveränderung in einem sehr kurzen Zeitraum von 2 bis 3 Wochen bei gleichzeitig geringer Preisveränderung eine starke Aussagekraft. Obwohl der S&P500 im November und Dezember 2003 deutlich um beinahe 7% zulegen konnte, blieb die Positionierung der Commercials nahezu unverändert und stellte damit ein bullishes Signal dar. Ein bearishes Signal ergab sich dann Ende Juni 2004, als die Commercials im Juni bei nur einer Preissteigerung von 2% deutlich die Short-Positionen erhöht hatten und die bearishste Positionierung seit Juni 2003 aufwiesen.


Das Open Interest

Das Open Interest (OI) entspricht der Anzahl der offenen Positionen in einem Future. Das OI eines Basiswertes entspricht dabei der Summe der Long-Positionen der drei Händlergruppen, und diese Summe entspricht wiederum der Summe der Short-Positionen. Jeder Long- steht somit eine Short-Position gegenüber. Das OI entwickelt sich normalerweise trendfolgend zum Preis. Eine Divergenz bei der Entwicklung des Preises zum OI ist dabei aussagekräftig. Ein Kursanstieg geht in der Regel mit einem steigenden OI einher.

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Der Goldpreis stieg nach seiner Korrekturbewegung im Frühjahr 2003 von ca. 320 auf 430 US$ im Januar 2004 an. Bei diesem Preisanstieg stieg das OI ebenfalls an (Abb. 10). Als der Goldpreis Anfang April das Januarhoch noch einmal testet und damit ein charttechnisches Doppeltop kreiert, ergibt sich eine bearishe Divergenz beim OI. Bei gleichen Preisen existierte ein höheres OI, und damit lag eine größere Spekulationsneigung vor (grüne Markierung). In Abb. 12 wird dieser Chart noch einmal modifiziert. Diese Divergenz stellte somit ein Verkaufssignal dar. Im weiteren Jahresverlauf hat sich im Goldmarkt am Terminmarkt eine bullishe Divergenz ergeben, da der Goldpreis sein Preistief bereits im Mai und das OI seinen Tiefpunkt erst Anfang August erreicht hatte. Anfang August lag somit bei einem höheren Preis als im Mai ein niedrigeres OI und somit weniger Spekulation vor, was somit ein Kaufsignal für einen Markt darstellt (rote Markierung). Eine Analyse des OI ist insbesondere im Bereich der Rohstoffe sinnvoll. Um bei der Interpretation der CoT-Daten auf der richtigen Seite zu stehen, muß der Beobachter die folgenden "6 goldenen Regeln" beachten:


Die 6 goldenen Regeln

1. Korrekte Trenderkennung
Abb. 6 und Abb. 7 zum S&P 500 und zum Gold verdeutlichen die Notwendigkeit, daß der Beobachter erkennt, daß eine Netto-Long-Positionierung der Commercials eine unterschiedliche Aussagekraft in den einzelnen Märkten besitzt.

2. Trendwenden durch Extrempositionierungen
Abb. 6 mit dem Kursverlauf des S&P 500 seit 1987 zeigt an, daß die Commercials im Laufe des Jahres 2000 immer stärker auf die Shortseite gewechselt sind, und damit war bei einer relativen Betrachtung frühzeitig erkennbar, daß die kommerziellen Akteure eine wachsende bearishe Grundhaltung gegenüber dem S&P 500 einnehmen, die signifikant höher ausfiel als in den Vorjahren. Sind Märkte hingegen eher trendlos, so lieferte Abb. 8 mit dem Positionierungsverhalten der Commercials bei Mais ein weiteres Beispiel für ein frühzeitiges Erkennen eines nahenden Trendwechsels.

3. Korrekturen in Bullenmärkten zum Einstieg nutzen
In einem Bullenmarkt stellen Korrekturen immer eine gute Einstiegsgelegenheit dar. Um diese nutzen zu können, muß man erkennen können, wann diese enden. Die Preishausse des Schweizer Franken gegenüber dem USDollar begann in der zweiten Jahreshälfte 2001. Wann immer die Commercials während der Preishausse per Saldo wieder auf der Longseite positioniert waren, war ein Preistief unmittelbar nahe.

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4. Erkennen von Divergenzen
In Abb. 10 wurde anhand des Goldpreises ein Beispiel erläutert, wie insbesondere im Rohstoffbereich die Entwicklung des Open Interest ein wichtiger Indikator sein kann. Modifiziert man diesen Chart leicht, indem man die Positionierung der Commercials hinzunimmt, dann ist eine negativere Positionierung der Commercials bei gleichen Preisen eine negativ zu wertende Divergenz, die ein Verkaufssignal darstellt.

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5. Besonderheiten von Märkten beachten
Eine Besonderheit stellt der Silbermarkt dar, da die Commercials in diesem Markt auch während der Preisbaisse der 80er und 90er Jahre nie per Saldo long positioniert waren (Abb. 13). Um in diesen Märkten ein Einstiegssignal finden zu können, ist es notwendig, eine Engstelle bei der Positionierung der Commercials und der Großspekulanten zu finden.

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Eine Engstelle bei der Positionierung bildete sich zu Beginn der Preishausse bei Silber, wenn die Großspekulanten ihre Long-Positionierung vollständig abgebaut hatten und die Commercials nur marginal short positioniert waren. Diese Konstellation lag an den Preistiefs im Winter 2001 sowie im Winter 2002 und im Frühjahr 2003 vor. Im Laufe der Hausse hat sich dieses Niveau nach oben verschoben, und Preistiefs im Winter 2003 und im Juni 2004 ergaben sich bereits bei einer Long-Positionierung der Großspekulanten von ca. 20.000 Kontrakten. Dieses Beispiel verdeutlicht auch, daß sich in einem Bullenmarkt die Grenzen der Commercials und Großspekulanten nach oben hin verschieben und andere Einflußgrößen wie eine saisonale Zyklik unbedingt beachtet werden müssen.

6. Bestätigung und Nicht-Bestätigung eines Signals durch Paarbildung
Dieser Aspekt ist eminent wichtig, da sich durch die Bestätigung eines Kaufsignals in einem Future durch einen Future der gleichen Gattung ein sehr starkes Signal für den jeweiligen Markt ergibt.

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Die Positionierung der Commercials im Dow Jones erreichte während der Korrekturphase im Sommer 2003 bereits Anfang August eine auf Rekordniveau befindliche Long-Positionierung auf Basis der letzten fünf Jahre. Diese extreme Long-Positionierung wurde durch die Positionierung der Commercials im S&P 500 zu diesem Zeitpunkt nicht bestätigt. Erst die nochmalige Preiskorrektur im September sorgte dann auch für ein Kaufsignal im S&P 500 auf relativer Basis, da die Short-Positionierung der Commercials auf das niedrige Ausgangsniveau der Rally im März 2003 zurückging. Dies war dann der Startschuß für die Jahresendrally bis in den Januar 2004. Daher ist es sinnvoll, wenn man ein Signal in einem Markt mit einem anderen Markt des gleichen Gebietes kombiniert, um Fehlsignale zu eliminieren. Mit dieser Methode, innerhalb der US-Standardaktienindices beide großen Indices zu analysieren, war es zudem möglich, Longsignale für den US-Aktienmarkt zu erkennen.

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In der Preisbaisse ab 2000 konnte im September 2001 ein starkes Longsignal für den Dow Jones Industrial erkannt werden, da die Commercials nicht nur per Saldo long waren, sondern zudem stärker long positioniert waren als in den Vorjahren (Abb. 15). Ebenso erreichte die Long-Positionierung der Commercials im März 2003 das höchste Niveau seit September 2001, und diese Rekordpositionierung auf Sicht der letzten 18 Monate verknüpft mit der niedrigsten Short-Positionierung der Commercials im S&P 500 seit 2000 ergab ein weiteres starkes Handelssignal. Das Übertreffen dieser signifikanten Long-Positionierung während der Korrekturphase der US-Standardaktienindices im Sommer 2003 war darüber hinaus das Zeichen für eine Fortdauer der Aufwärtsbewegung. Eine solche Paarbildung wie bei den US-Standardaktienindices ist auch in anderen Märkten sinnvoll. Im Währungsbereich ist es z.B. sehr sinnvoll, die Positionierung der Commercials im Euro gegenüber dem US-Dollar mit der Positionierung der Commercials im Schweizer Franken zu vergleichen, da dieser exakter funktioniert.


Interpretation der aktuellen Daten

Die beiden Haupteinflußgrößen auf die Entwicklung des US-Aktienmarktes in 2004 waren die Entwicklung des Erdölpreises und die Entwicklung des US-Dollars. Diese beiden Faktoren korrelieren beide invers zum Aktienmarkt: Ein steigender Erdölpreis bzw. US-Dollar ging einher mit einem fallenden Aktienmarkt und vice versa. Die CoT-Daten zeigen an, daß vor allem steigende Energiepreise auch im kommenden Jahr ein Thema an den Märkten sein werden. Zudem steht der USDollar vor einer größeren temporären Erholung (siehe Interview mit Larry Williams). Die seit Ende Oktober laufende Rally am Aktienmarkt dürfte nur noch ein begrenztes Potential aufweisen. Das Chance/Risiko-Verhältnis im US-Aktienmarkt ist angesichts der bearishsten Positionierung der Commercials im S&P500 seit 28 Monaten zumindest auf Sicht der kommenden Wochen als sehr ungünstig einzustufen.


Fazit

Die CoT-Daten sind ein Hilfsmittel für einen Top-down-Ansatz, um Chancen und Risiken eines Marktes einzuschätzen und die eigene Investitionsquote festzulegen. Sie stellen zudem einen Filter dar, um beim Erkennen von Extrempositionen auf Einoder Mehrjahressicht auf Märkte aufmerksam zu werden, die über Potential auf der Long- oder Shortseite verfügen. Insofern sind die Daten als vorauslaufender Indikator gegenüber der Preisentwicklung einzustufen und können daher den Betrachter für einen nahenden Trendwechsel rechtzeitig sensibilisieren. Damit eignen sich die Daten insbesondere für ein Swing-Trading.

Ab der kommenden Ausgabe finden Sie eine regelmäßige CoT-Rubrik im Smart Investor.


© Alexander Hirsekorn



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