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Die Odysseus-Strategie

15.10.1999  |  Reinhard Deutsch
Wäre es in diesem Jahrhundert nicht die beste Strategie gewesen, irgendwann einmal Aktien zu kaufen und diese liegen zu lassen? Das behaupten jedenfalls die Verfechter der Odysseus Strategie und sie können gute Gründe anführen. Die Strategie verlangt, daß man sich bei der Aktienanlage nicht mit irgendwelchen Analysen oder Theorien aufhält. Weder Fundamentalanalyse noch Chartanalyse kann uns wirklich helfen und auch gesamtwirtschaftliche Analysen stiften letztlich nur Verwirrung. Das hängt mit der "Reflexivität" aller wirtschaftlichen Vorgänge zusammen, der Tatsache nämlich, daß in der Wirtschaft alles wechselseitig zusammenhängt und sich wechselseitig beeinflusst.

Anders als in den Naturwissenschaften kann man in der Wirtschaft nämlich nicht zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden. Kaufen die Leute Aktien, weil die Kurse steigen oder steigen die Kurse, weil die Leute Aktien kaufen? Steigt die Geldmenge, weil die Leute mehr Kredit nehmen, oder nehmen die Leute mehr Kredit, weil die Geldmenge steigt. Wegen dieser Reflexivität, so behaupten die Odysseus-Leute, kann man sich auf die Ergebnisse von komplizierten Analysen und Theorien in der Wirtschaft nicht verlassen, im Gegenteil, man liegt meist genau falsch damit. Die allgemeine Lebenserfahrung legt nahe, daß an diesen Überlegungen etwas dran ist. Die Odysseus Strategie empfiehlt daher, Aktien zu kaufen und sich dann fest anzuschnallen, wie das Odysseus auch gemacht hat und sich von den Sirenenklängen der Gurus und Theoretiker nicht zum Verkauf verlocken zu lassen. Auch wenn die Aktien einmal fallen sollten, auf lange Sicht werden sie nur immer höher steigen und auch mehr abwerfen als alles andere, wie etwa Immobilien, Anleihen oder gar Gold. Wer irgendwann in diesem Jahrhundert die Aktien des Dow Jones gekauft hat und hat sie liegenlassen, der hat gutes Geld verdient, trotz Börsencrash und Wirtschaftskrise. Selbst wenn er auf dem Höhepunkt kurz vor dem Crash gekauft hätte, stünde er heute besser da als mit den meisten anderen Anlageformen. Noch besser fährt man allerdings, wenn man nicht alles auf einmal kauft, weil man dann Gefahr läuft, gerade am Höhepunkt wie etwa 1929 oder 1987 einzusteigen und anschließend erst einmal tief in den Keller zu fallen. Am Besten kauft man konsequent für einen festen Betrag jeden Monat Aktien (cost averaging) und läßt sich durch nichts davon abbringen und vor allem läßt man sich nie zum Verkauf verleiten. Selbst auf dem heutigen hohen Niveau müßte man konsequent weiter kaufen, wenn auch, wegen des festen Betrages, geringere Mengen, denn an der Börse kann man kein Geld verlieren so lange man nicht verkauft.

Obwohl die Freunde der Odysseus Strategie eigentlich jede Theorie ablehnen, liefern sie für ihre eigene Strategie sogar eine sehr plausible Theorie, warum die Aktienkurse auf Dauer immer weiter steigen müssen. Das kapitalistische System muß aus sich selbst heraus immer weiter und schneller wachsen, wegen des Schuldendruckes. Eine Art Schneeballsystem, das Stillstand nicht zuläßt. Um die Schulden mit Zinsen und Rückzahlung bedienen zu können, ist immer mehr Wachstum erforderlich und dieses Wachstum schlägt sich eben zwangsläufig am Aktienmarkt nieder, weil dort das zusätzliche Bruttosozialprodukt erzeugt wird.

Wenn man sich den Dow Jones ansieht, wird diese Theorie offenbar bestens bestätigt. Er ist mit Schwankungen immer nur gestiegen und auch immer schneller. Kein Wunder, daß immer mehr Leute zu der Überzeugung kommen, daß es am Aktienmarkt zwar Korrekturen gibt, die man zum Einstieg nutzen kann, aber letztlich immer wieder neue Höchststände erreicht werden. Man kann also nur verdienen, sofern man nicht verkauft.

Gibt es irgendwelche Argumente oder Ereignisse, welche diese simple Erfolgsstrategie erschüttern könnten? Ich denke ja. Man muß einfach zwischen realem und monetären Wachstum unterscheiden. Die reale Wirtschaft (reale Güterproduktion) wächst langfristig ziemlich konstant mit etwa 3 % p.a. und dies schlägt sich gewiß auch in den Aktienkursen nieder. Die Geldmenge aber ist sehr viel zappeliger (volatiler), weil man Geld sehr viel leichter erzeugen kann als Güter. Die Geldmenge wächst zuweilen sehr rasch, explodiert förmlich (wie 1923 in Deutschland oder 1980 in USA oder jetzt weltweit), nur um anschließend zu implodieren, um dann wieder von neuem zu wachsen. Bei konstanter, oder gleichmäßig wachsender Geldmenge würde der Dow Jones wahrscheinlich eine sanft ansteigende Linie zeigen, statt dessen hat er die Form von zwei großen Hockeyschlägern, (1929 + 1999) die sich aus lauter kleinen Hockeyschlägern zusammensetzen. In dem Beitrag von Ure (siehe www.gold-eagle.com Top Analysts Ure)kann man bewundern, wie schön die zwei großen Hockeyschläger zusammenpassen.

Woher kommt diese merkwürdige Hockeyschlägerform? Nun ganz einfach - Bewertung ist ein subjektiver, psychologischer Vorgang. Die Menschen bewerten offenbar denselben Sachverhalt einmal höher und einmal niedriger. Denselben Gewinnstrom kann man mal mit dem 10-fachen oder auch mal mit dem 80-zig fachen bewerten. Offenbar entstehen immer wieder sich selbst verstärkende Prozesse (Blasen) aus Kredit, Verschuldung und Höherbewertung von Aktien und Vermögensgegenständen, die dann platzen mit entsprechender Vernichtung von Vermögenswerten und Rückkehr zu einer realistischen Bewertung. Das sind die kleinen Hockeyschläger. André Kostolany hat dafür ein sehr schönes Bild gefunden mit seinem Börsendackel. Die sanft steigende 3 % Linie ist gewissermaßen das Herrchen und der Kursdackel eilt mal weit voraus oder bleibt weit zurück, kehrt aber letztlich immer wieder zum 3 % Herrchen zurück.

Aber woher kommt die große Hockeykurve, warum steigen die kleinen Hockeykurven in Form einer großen Hockeykurve immer schneller immer weiter an? Dies ist offenbar kein reales (güterwirtschaftliches), sondern ein monetäres (geldwirtschaftliches) Phänomen. Die Kurve hängt nicht nur von der realen Produktion, sondern auch von der vorhandenen Geldmenge ab, und wir haben eben auch immer mehr gelernt, wie man Geld erzeugt. Bis vor etwa 25 Jahren wurde dieser Prozeß durch die Bindung an Gold noch einigermaßen gebremst. Aber heute gibt es (scheinbar) keine Grenze mehr. Wie Alan Greenspan klar gesagt hat: "Wir haben heute die Macht, unbegrenzt Geld zu erzeugen und werden davon auch Gebrauch machen". Mit der Rettung der japanischen Banken und den Rettungsaktionen des IWF für Asien, Rußland und demnächst wohl Amerika wird uns dieser Prozeß gerade anschaulich vorgeführt. So etwa 140 Milliarden Dollar wurden auf diese Weise rasch zusätzlich erzeugt und ins System geschossen.
Diese explodierende Geldmenge erzeugt am Aktienmarkt die schöne große explodierende Hockeykurve.

Kann das auf Dauer funktionieren? Leben wir jetzt in einer neuen Ära weil wir unbegrenzt Geld erzeugen können? Wohl kaum, denn wenn diese Logik stimmt müßte ja eigentlich niemand mehr etwas arbeiten. Wir könnten ja dann einfach Geld erzeugen, so das jeder soviel bekommt wie er braucht, nicht nur die Banken. Aber wahrscheinlich funktioniert das nicht so und wir haben doch keine neue Ära. Wahrscheinlich ist es doch nicht viel anders als früher, und die Realität holt uns genauso wieder zurück, wie bei der Südsee- oder Missisippi-Blase, bei der Tulpenzwiebel-Hysterie, oder wie 1929. Nur die Dimensionen sind größer geworden. Der Dackel läuft viel weiter voraus und hängt dann‚ auch weiter zurück. In Japan und Asien ist er ja schon zurückgekommen, nur in Europa und Amerika tobt er noch am Horizont und wartet, daß Inflation oder Deflation ihn zurückpfeift.

Was könnte man tun, damit der Börsendackel wieder mehr in der Nähe der 3 % Linie bleibt, und die Finanzblasen vermieden werden? Nun, ich denke, das kann nur über eine Korrektur des Geldsystems gelingen, mit einem neuen Geld, das wieder mehr an die reale Güterwelt gebunden ist. Gold war dafür ein hervorragender Anker. Vielleicht sollte man auch bei der Gelderzeugung mehr auf die Odysseus Strategie vertrauen statt auf Geldmengentheorien. Vielleicht sollte man sich wieder fest ans Gold binden und nicht auf Monetaristen oder Keynesianer hören.


© Dipl.-Kfm. Reinhard Deutsch (1998)



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