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Nobelpreis für Graphen: genialer Stoff der Zukunft

15.01.2011  |  Hans Jörg Müllenmeister
Weder die Verleihung des Physik-Nobelpreises noch das "Übergeben" eines sogenannten Friedensnobelpreises können wir Laien kaum nachvollziehen. Oft fehlt uns dazu das Verständnis. Dieser Artikel skizziert keine wissenschaftlichen Aspekte, vielmehr die faszinierenden Anwendungsmöglichkeiten, die der Superkohlenstoff Graphen bietet: im Alltag von Morgen!

Ein seit Urzeiten bekanntes Naturprodukt ist Ausgangspunkt für die Forschungsarbeiten der diesjährigen Physik-Nobelpreisträger Andre Geim und Konstantin Novoselov. Mit diesem Urstoff geht die Menschheit mehr als 7000 Jahre um, aber erst 1775 beschrieb Lavoisier diese elementare Substanz. 1% stecken davon in der Erdkruste und über 10% im menschlichen Körper. Gemeint ist der Kohlenstoff in seinen drei Erscheinungsformen oder Bindungsstrukturen: Diamant, Graphit und Fullerene; dagegen sind Ruß und Aktivkohle keine Kohlenstoffmodifikation, vielmehr mikrokristalline Formen des Graphits. Die Fähigkeit des Kohlenstoffs, lange Ketten oder Ringe zu bilden, befähigt das Element geradezu als Gerüstsubstanz biologischer Organismen. Die gesamte Biomasse der Erde enthält 300 Milliarden Tonnen gebundenen Kohlenstoff.


Das kommende Graphen-Zeitalter

Was ist aber das Epochale an dem neuentdeckten, Nobelpreis-geadelten Stoff Graphen, dessen "Flachwurzeln" im atomaren Aufbau des Graphits stecken? Es sind seine verblüffenden Materialeigenschaften, die unsere Naturwissenschaftler und Ingenieure verzaubern. Experten sagen dem neuen Werkstoff eine grandiose Zukunft voraus: er sei der exzellente Halbleiter-Kandidat der Post-Silicium-Ära. Überschwenglich könnte man vom kommenden Graphen-Zeitalter reden, ähnlich wie etwa die Bronzezeit eine der prägenden Epochen der Menschheit war. Noch gibt es Probleme bei der Herstellung komplexer Schaltungen aus Graphen; noch gibt es kein mechanisches oder chemisches Verfahren, mit dem sich wenige Atome große Strukturen exakt fertigen lassen.


Graphenschicht: Sprößling der "Graphitmutter"

Ehe wir uns dem Wunderwerkstoff Graphen nähern, beschäftigen wir uns eine Weile mit seinem Ausgangsstoff, dem Graphit. Graphit gehört zur Kohlenstoff-Silicium-Familie; er hat atomar gesehen, plane Sechsringgitter. Im kristallinen Graphit liegen diese Gitterschichten übereinander: ein Millimeter Graphit besteht aus drei Millionen Lagen Graphen. Diese parallel verlaufenden ebenen Schichten heißen Basalebenen oder Graphen-Schichten. Eine Schicht hat fest verknüpfte Sechsecke aus Kohlenstoff-Atomen. Innerhalb dieser Ebenen herrschen starke Bindungskräfte zwischen den Atomen; indes besteht zwischen den Ebenen eine wesentlich schwächere Bindung.

Diese extreme Richtungsabhängigkeit (Anisotropie) der Bindungskräfte im atomaren Bereich bewirkt auch nach außen eine deutliche Richtungsabhängigkeit der mechanischen, elektrischen und thermischen Eigenschaften des Graphits: leichte Spaltbarkeit entlang der Basalebenen, deutlich höhere Festigkeit entlang der Kristallschichten; thermische und elektrische Isolation senkrecht zu den Basalebenen, dagegen einer nahezu metallischen Leitfähigkeit entlang dieser Ebenen. Genauer betrachtet, besteht das Halbmetall Graphen aus einer zweidimensionalen Lage von Kohlenstoffatomen in Bienenwabenstruktur wie ein Maschendraht. Im Modellvergleich stellen die einzelnen Drähte die Bindungen zwischen den Atomen dar. Die sechseckigen Maschen sind exakt symmetrisch; die Knotenpunkte des Maschendrahtes entsprechen mikrokosmisch der Position der Kohlenstoff-Atome.


Tesafilm löst Graphen aus dem Graphitblock

In Zusammenhang mit dem Ablösen einer Graphenschicht aus einem Graphitblock machte ein technisches Klebeband wiederholt Reden von sich. Damit verbunden sind kuriose Geschichten. Als nämlich der technische Unglückswurm eines mißlungenen Wundpflasters versagte, vermarktet 1934 der umtriebige Hugo Kirchberg von Beiersdorf kurzerhand das Produkt unter dem Namen Citoplast als Klebfilm zum Flicken beschädigter Fahrradschläuche. Eben diesen Tesafilm entdeckte die Wissenschaft 1998 als effizientes Medium zum Speichern großer Datenmengen auf kleinstem Raum - wie eine CD-ROM. Auf einer handelsüblichen Tesa-Rolle lassen sich theoretisch Daten von 10 GByte speichern.




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