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Wolf Richter - Inflationserwartungen unverankert: Preiszunahmen sollen Lohnzuwächse verschlingen

15.10.2021
Die Menschen fangen an, zu begreifen: Die Inflation steigt schneller, wird auch weiterhin rapide ansteigen und wird auch fast doppelt so schnell steigen wie ihre Lohnzuwächse. Sie verstehen, dass die Inflation ihre Lohnzuwächse sowie auch ihr Mittag- und Abendessen verschlingt. Die Menschen schlagen die stets unsicheren Behauptungen der Fed in den Wind, dass diese Inflation nur "temporär" oder "vorübergehend" sei und sich auf magische Weise irgendwie selbst verflüchtigen wird; trotz massiver geld- und fiskalpolitischer Stimuli, die dort draußen noch immer angewendet werden.

Die durchschnittlichen Inflationserwartungen der Verbraucher innerhalb eines Jahres sind im September (rote Linie) nun um 5,3% gestiegen, die höchsten Umfragedaten seit 2013 und die elfte, aufeinanderfolgende, monatliche Zunahme, so das Survey of Consumer Expectations der New Yorker Fed. Inflationserwartungen für die nächsten drei Jahre sind nun auf 4,2% (grüne Linie) gestiegen, ebenfalls die bisher höchsten Umfragedaten.

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"Inflationserwartung" sind ein Maßstab, den die Fed genau beobachtet. Der Begriff tauchte zwölfmal im Protokoll des FOMC-Treffens am 27. bis 28. Juli auf. Die Fed beschrieb diese Inflationserwartungen als "gut verankert", was dreimal erwähnt wurde. Doch diese Inflationserwartungen sind nun "unverankert." Der Gedanke ist, dass Verbraucherpreisinflation Teil eines psychologischen Phänomens ist, also dass Inflationserwartungen ein Hauptfaktor im Vorantreiben der zukünftigen Inflation ist.

Die Idee dahinter ist, dass sich Verbraucher, sobald sie in Zukunft Inflation erwarten und diese akzeptieren - was man als inflationäres Denken bezeichnen könnte - daran anpassen und die höheren Preise zahlen werden, anstatt sich zu weigern, zu diesen Preisen zu kaufen.

Wir haben dies bereits an vielerlei Orten beobachten, auch mit den verrückten Preiszunahmen der Fahrzeugpreise. Und damit, so heißt es in der Theorie, ermöglichen es diese steigenden Inflationserwartungen den Unternehmen, ihre Preise zu erhöhen und damit davonzukommen, was es somit der Inflation ermöglicht, in die Höhe zu schnellen. Diese Inflationserwartungen sind bereits seit Monaten in die Höhe geschnellt und die Fed wird sich schwer tun, zu erklären, sie seien noch immer "gut verankert."


Kategorisch sind Inflationserwartungen deutlich schlimmer

Die Menschen erwarten deutlich schnellere Preiszunahmen, wo sie tatsächlich ihr Geld ausgeben - Wohnen, Lebensmittel, Benzin, Gesundheitswesen und Hochschulbildung - als das, was sie für die allgemeine Inflationsrate erwarten. Diese Kategorien sind innerhalb des Korbs an Waren und Dienstleistungen des Consumer Price Index (CPI) dominant. Immobilienkosten - basierend auf verschiedenen Mietmaßstäben - machen ein Drittel des CPI aus.

Es ist also interessant, dass Verbraucher erwarten, dass die Inflationsrate innerhalb eines Jahres auf 5,3% steigen wird, jedoch die dominanten Faktoren, die diese Rate nach oben treiben, von 5,9% für Hochschulbildung und 9,7% für Miete, deutlich höher ausfallen sollen:
  • Immobilienpreise: den vierten Monat in Folge gesunken auf +5,5% (nach einem Höchststand von 6,2% im Mai).
  • Mieten: +9,7% (neuer Rekord)
  • Lebensmittelpreise: +7.0%
  • Benzinpreise: +5.9%
  • Gesundheitspflege: +9.4%
  • Hochschulbildung: +5.9%.

Sie gehen davon aus, dass der Preisanstieg ihr Einkommen bei weitem übersteigen wird

Die Menschen erwarten, dass ihr Einkommen in einem Jahr um 2,9% höher sein wird als heute (grüne Linie), aber sie erwarten, dass die Preise insgesamt um 5,3% höher sein werden (rote Linie). Schlimmer noch, sie erwarten, dass die tatsächlichen Preise in den wichtigsten Kategorien - Wohnen, Lebensmittel, Benzin, Gesundheitsversorgung und Hochschulbildung - zwischen 5,9% und 9,7% steigen werden.

Die Menschen erwarten, dass die Inflation ihre gesamten Einkommenszuwächse und obendrein ihr Mittag- und Abendessen verschlingt. In Stimmungsumfragen haben die Verbraucher bereits ihre Enttäuschung über dieses Konzept zum Ausdruck gebracht, da sie langsam begreifen, dass die Inflation nur der Verlust der Kaufkraft ihrer Dollar und ihrer in Dollar ausgedrückten Löhne ist und kein "Wachstum" darstellt:

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Diese Inflationserwartungen werden auch durch die Geldpolitik der Fed genährt - die Nullzinspolitik und QE in Höhe von 120 Milliarden Dollar im Monat - sowie durch die stimulierenden Auswirkungen der Defizitausgaben der Regierung. Die Fed, die angekündigt hat, diese Maßnahmen zurückzufahren, hat den Fuß noch nicht vom Gaspedal genommen, sondern fährt über eine rote Ampel nach der anderen. Für die Verbraucher ist der Kaufkraftverlust ihrer Arbeitskraft real und schmerzhaft.

Für wohlhabende Vermögensbesitzer ist die Kaufkraft des Dollar weniger ein Problem, und weiter oben auf der Vermögensskala ist sie kein Thema. Dort ist der Angstfaktor, was die Fed tun könnte, um gegen die Inflation vorzugehen, denn das würde die Anleihekurse senken (da die Renditen steigen), und es würde die Aktienkurse senken, da die Zinssätze steigen und Kredite teurer und schwieriger zu bekommen sind, und höhere Anleiherenditen würden Dividendenanleger von Aktien weglocken, und es würde die Immobilienpreise senken, da die heutigen überhöhten Preise bei viel höheren Hypothekenzinsen keinen Sinn mehr machen.


© Wolf Richter
www.wolfstreet.com



Dieser Artikel wurde am 12. Oktober 2021 auf www.wolfstreet.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.


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