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Charles Kindleberger und die heutige Weltwirtschaftskrise

20.10.2010  |  Prof. Dr. Max Otte
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Von 1925 bis 1926 hätte eine massive Spekulationsblase bei Grundstücken in Florida Warnung vor der Aktienblase von 1928 bis 1929 und dem Crash sein können, genauso wie die Technologieblase der Jahre 1998 bis 2000 als Warnung vor der Immobilienblase und anschließenden Finanzkrise hätte dienen können. Nach 1929 fielen die Exportpreise der rohstoffproduzierenden Länder auf bis zu 20 Prozent des Niveaus von 1929. Im Jahr 1931 führten in Österreich und Deutschland, die durch Kriegsfolgen und Inflation geschwächt waren, die Zusammenbrüche von »Creditanstalt« und »Darmstädter und Nationalbank« zu Bankpaniken.

1925 kehrte England dann unter Schatzkanzler Winston Churchill zum Goldstandard mit der überhöhten Vorkriegsparität zurück, was einen deflationären Effekt hatte. Die Notenbanken Frankreichs und der USA sterilisierten die aus den Zahlungsbilanzüberschüssen stammenden Goldzuflüsse, was ebenfalls deflationäre Folgen hatte. 1930 erließ der Kongress der Vereinigten Staaten den Smoot-Hawley Tariff Act, der eine Spirale von Zollerhöhungen nach sich zog. Hoover hatte im Wahlkampf 1928 Schutzzölle für die amerikanischen Bauern vorgeschlagen und konnte nun die allgemeine Zollerhöhung nicht verhindern. Von nahezu drei Milliarden Dollar im Januar 1929 implodierte der Welthandel auf unter eine Milliarde 1932.

1939 scheiterte eine Weltwirtschaftskonferenz der Außenminister in London - US-Präsident Roosevelt weigerte sich, den Dollar bei einem hohen Wechselkurs zu stabilisieren. Gleichzeitig beendete er den Goldstandard. Diese nahm anderen Ländern Exportmöglichkeiten und verlängerte die Krise.

Charles Kindleberger war ein Mann, der etwas zu sagen hatte und der das Publikum sofort in seinen Bann schlug. Ich hatte das Glück als junger Student, den damals 76-Jährigen bei einer Konferenz des Institute for International Economics 1986 in Washington zu hören, als er aus Charles MacKays Bericht über den Tulpenwahn vorlas.

Kindlebergers Autorität war in einer Erfahrung begründet, die ihresgleichen sucht: Als Mitarbeiter des US-Finanz- und Außenministeriums sowie der Federal Reserve Bank und vor dem Zweiten Weltkrieg auch der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich war er bei so ziemlich allen interessanten wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungen in Europa vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen - zum Beispiel als Büroleiter für deutsche und österreichische Fragen und als Berater für den Marshall-Plan im US-Außenministerium. 1984 kam er zum Massachusetts Institute of Technology (MIT) - einer Hochburg der mathematischen Ökonomie - wo er bis zu seiner Emeritierung lehrte. Obwohl er zeitweilig sogar Dekan der wirtschafts-wissenschaftlichen Fakultät gewesen war, sprach er sich gegen zu viel Mathematik in der Ökonomie aus und sah sich als »historischen Ökonomen«.

Kindlebergers zentrale Botschaft ist im Jahr 2010 wichtiger denn je. Seine Studie der Großen Depression sollte daher zur Pflichtlektüre für alle politisch Verantwortlichen und wirtschaftspolitisch Interessierten werden:

Eine stabile Weltwirtschaft entsteht nicht »von selbst«. Sie ist ein öffentliches Gut, das angesichts nationaler Egoismen bewusst bereitgestellt werden muss. Damit die Weltwirtschaft stabil sein kann, benötigt sie eine Führungsnation, einen wohlwollenden Hegemon oder »Stabilisator«.

Die Aufgaben der Führungsnation sollten umfassen:
  • 1. die Aufrechterhaltung eines relativ offenen Marktes für »distressed goods« - also Märkte mit krisenhaften Entwicklungen (heute würden wir wohl Güter und Dienstleistungsmärkte einbeziehen),

  • 2. die Bereitstellung von antizyklischen oder zumindest stabilen antizyklischen Krediten,

  • 3. die Stabilisierung von Wechselkursen,

  • 4. die Koordination der Geld- und Fiskalpolitik

  • 5. und die Funktion als Kreditgeber letzter Zuflucht durch diskontierten Aufkauf von Vermögensgegenständen oder andere Arten der Bereitstellung von Liquidität in Krisen.

Gemessen an diesen Forderungen scheinen wir zwei Jahre nach der heißen Phase der Finanzkrise im Jahr 2008 nicht ganz so schlecht dazustehen. Die Märkte sind bislang weitgehend offen geblieben; eskalierende Zollrunden scheinen derzeit nicht auf der Tagesordnung zu stehen. Die Notenbanken und die Staaten haben im Zuge der Bankenrettung Liquidität bereitgestellt und Ramschpapiere gekauft. Allerdings waren dies eben keine »distressed goods«, sondern von Anfang an Vermögensgegenstände zweifelhafter Liquidität. Die 2008 von vielen Ländern verabschiedeten Konjunkturpakete sollen ebenfalls antizyklisch wirken. Deutschland hat mit dem Eurorettungspaket von 2010 antizyklisch Kredite bereitgestellt. (Damit ist allerdings der Umbau der Europäischen Union von einer Stabilitäts- zu einer Inflationsgemeinschaft in vollem Gange.)




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