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Charles Kindleberger und die heutige Weltwirtschaftskrise

20.10.2010  |  Prof. Dr. Max Otte
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Bedauerlicherweise wurde vor allem die Finanzwirtschaft auf Kosten der produzierenden Unternehmen gestützt. In der Realwirtschaft wirken die Eigenkapitalvorschriften nach Basel II prozyklisch - also krisenverschärfend. Unternehmen im Mittelstand, die am dringendsten Kredite benötigen, erhalten nur schwer welche, während die Großbanken sich weiter bei den Notenbanken fast zum Nulltarif bedienen können. Das nahezu unregulierte Kartell der Ratingagenturen macht weiter wie bisher, also ebenfalls prozyklisch und krisenverschärfend. Und während die Finanzwirtschaft durch den Eurorettungsschirm gestützt wird, legen die europäischen Länder Sparpakete auf, deren Lasten vor allem die Bevölkerung trägt.

Kindleberger äußert sich kaum zur Frage der Regulierung der Finanzmärkte. In seinen fünf Punkten ist sie nur versteckt in Punkt drei, der Stabilisierung der Wechselkurse, enthalten. Vielleicht hat er eine umfassende Regulierung der Finanzmärkte als selbstverständlich und daher nicht erwähnenswert erachtet, als das Buch zum ersten Mal 1973 erschien. Damals waren die Finanzmärkte noch weitgehend reguliert, und kaum jemand konnte sich den heutigen Zustand flexibler Wechselkurse, aufgeweichter Bilanzierungsregeln, explodierender Derivatemengen und einer Vielzahl unregulierter Finanzakteure und widersprüchlicher Jurisdiktionen vorstellen. Zwar hatte der Nixon-Schock - die einseitige Aufhebung der Konvertibilität des Dollars in Gold im Jahr 1971 - das aufgrund der Erfahrungen der Zwischenkriegszeit in Bretton Woods verhandelte System fester Wechselkurse erschüttert - aber insgesamt war der Regulierungsrahmen intakt.

An vielen Stellen des Buches wird klar, dass Kindleberger die großen Summen frei vagabundieren Kapitals und die gegenseitige Verschuldung der Nationen als eine Ursache der Großen Depression ansah. Der Hegemon muss also nicht nur für das Krisenmanagement sorgen, sondern auch für angemessene Regeln.

Wir brauchen einen neuen Vertrag von Bretton Woods und die politische Kontrolle über die Finanzmärkte. Hier sind wir auch nach der Finanzkrise nicht wirklich weitergekommen. Chinas Devisenreserven wachsen. Zwar hat die Regierung einer vorsichtigen Aufwertung des Renminbi zugestimmt, aber wird man diesen Kurs auch fahren, falls die Chinesische Lokomotive an Fahrt verlieren sollte? Ein Land oder eine Region muss (1) einen Markt für Güter offen halten, die ansonsten keinen Absatz fänden und auch (2) Vermögensgegenstände mit Abschlag kaufen (discounting), falls diese keinen Käufer mehr finden. Die amerikanische Notenbank hat Ramschpapiere in erheblichem Umfang gekauft, und auch die Europäische Zentralbank hat damit begonnen. Wer wird diese Funktion in Zukunft übernehmen? Wer wird die Führungsrolle bei der Regulierung der Finanzmärkte übernehmen, nachdem die von Obama als großer Erfolg bezeichnete Finanzreform die Finanzakteure letztlich weitermachen lässt wie bisher?

China geht mit seinem Devisenschatz bislang verantwortlich um. Mit seiner neomerkantilen und oftmals das internationale Handelsrecht missachtenden Politik kann das Reich der Mitte jedoch nicht punkten. Auch die imperialen Ambitionen der USA (so Helmut Schmidt) machen dieses Land immer mehr zu einem defensiven Hegemon, der - wie Großbritannien nach 1890 - zunehmend versucht, seine Vorteile und Einflusssphären auf Kosten des Gesamtsystems zu verteidigen. Die Länder der Eurozone stehen wesentlich besser da als die Verursacherländer der Finanzkrise - die USA und England. In den angelsächsischen Nationen sieht es mit laufenden Haushaltdefiziten jenseits der 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes katastrophal aus.

Doch trotz ihrer relativ guten ökonomischen Position gehen von der Europäischen Union keine wesentlichen Impulse aus. Die ersten G-20-Gipfel nach der Finanzkrise fanden in Washington, London und Pittsburgh statt, ein klarer Indikator dafür, dass der Bock weiter Gärtner sein darf.

Deutschland, Österreich und die Schweiz sind Nettosparnationen, die noch über eine funktionierende Industrie und einen funktionierenden Mittelstand sowie die Reste einer funktionierenden bürgerlichen Gesellschaft verfügen. In Deutschland funktionieren zum Beispiel die Volks- und Raiffeisenbanken und die Sparkassen, die größtenteils mit erheblich mehr Eigenkapital ausgestattet sind als die Großbanken, ganz hervorragend. In der Schweiz sind es die Kantonal- und Raiffeisenbanken, in Österreich die Raiffeisenbanken. Gerade deswegen hat die Lobby der internationalen Finanzmarktakteure immer wieder versucht, diese funktionierenden Systeme zu zerstören.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Regulierung der Finanzmärkte in unserem Interesse ist. Das derzeitige enthemmte Weltfinanzsystem nutzt den kapitalmarktbasierten Finanzakteuren und schadet der Realwirtschaft. Es ist damit auch Standortpolitik für London und die Wall Street. Deutschland kann und sollte hier ruhig selbstbewusster auftreten - vielleicht mit einer Koalition der Willigen.

Hoffen wir, dass die Mächtigen dieser Welt verantwortungsvoll handeln. Wir selber können uns nur einen dicken Mantel anziehen und hoffen, dass der Sturm an uns vorüberzieht. Streuen Sie Ihr Vermögen in Gold, Aktien mit stabilen Geschäftsmodellen und wenig Liquidität. Für den, der es sich leisten kann, sind Ackerland und ein zweiter Wohnsitz bzw. eine Immobilie in einem stabilen Land sicher nicht verkehrt. (Wobei ich auch die Bundesrepublik und Österreich trotz aller Kritikpunkte als stabiler ansehe als die meisten Länder dieser Erde. Die Schweiz sowieso.) Und dann beobachten Sie die Situation mit einer gewissen Gelassenheit - denn ändern können werden wir sie nicht, so oder so. Eines jedoch ist gewiss:

Die Welt ist noch lange nicht über den Berg, wenn wir auch bislang jene fatale Abwärtsspirale vermieden haben, die die Jahre nach 1929 charakterisierte.

Der Autor Prof. Charles P. Kindleberger (1910-2003) war einer der bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler seiner Zeit und führender Experte auf dem Gebiet der internationalen Geld- und Währungsfragen. Er arbeitete für diverse amerikanische Institutionen, u.a. für die Federal Reserve. Kindleberger verfasste mehr als 30 Bücher.


© Prof. Dr. Max Otte
Quelle: Auszug aus dem Buch "Die Weltwirtschaftskrise 1929-1939"


Angaben zum Buch:

"Die Weltwirtschaftskrise 1929-1939"
von Charles P. Kindleberger, Herausgeber Prof. Max Otte
erschienen im FinanzBuch Verlag
Gebundene Ausgabe, 410 Seiten
ISBN: 978-3898796149
Preis: 24,95 Euro



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