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Interview mit Gerald Celente (Teil 1/2)

16.05.2013  |  Presse
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Daily Bell: Kommen wir zu rein finanziellen Dingen. Ist Gelddrucken die Antwort auf irgendeines dieser Probleme?

Gerald Celente: Die Antwort kennen Sie selbst.


Daily Bell: Warum sind die Zentralbanken bei der Lockerungspolitik so aggressiv, wenn diese doch offensichtlich nicht funktioniert?

Gerald Celente: Weil Sie nichts anderes zu tun haben. Sie haben einfach keine anderen Mittel und Methoden, der Situation zu begegnen. Und ich glaube, sie wissen auch, dass es sich dabei nur um eine Behelfsreparatur handelt. Und möglicherweise ist das auch die einzige Sache, die sie beherrschen. Sie wollen sich nicht mit großen Fragen beschäftigen müssen, und die große Frage ist eben Globalisierung, und die funktioniert nicht.

Für die Abonnenten des “Trends Journal“ gibt es jeden Tag eine neue Ausgabe von “Trend in the News". Die Tragödien in Bangladesch waren natürlich auch Thema. “Coach” und andere High-End-Ausstatter ziehen sich aus China zurück, um in noch billigeren Ländern wie Vietnam zu produzieren. Ich fragte nur, warum diese Firmen denn nicht ein neues Land erfinden?

Baut doch ein neues Land und nennt es Sklavlandia! Wir haben insgesamt 7 Milliarden Menschen; diese Unternehmen müssen nur all die Ungebildeten nehmen, all jene, die keine Zukunft haben, und diese dann in Sklavlandia arbeiten lassen. Sie müssen nicht einmal ernährt werden. Es gibt so viele Menschen, die werden einfach abgearbeitet, bis sie sterben und dann als Dünger untergepflügt. Dann könnten wir auch dauerhaft hohe Unternehmensgewinne erzielen.

Hier kommt die Moral: Kauft nichts von Coach; kauft nichts, das in anderen Ländern als dem Euren gemacht wurde, soweit das überhaupt möglich ist. Die meisten Länder haben genügend Menschen, um untereinander Geschäfte machen können - und wenn sie diesem Modell folgen würden, würde es ihnen ganz gut damit gehen. Schließlich lief das vor der Globalisierung meist genau so, und meist funktionierte das auch.


Daily Bell: Was halten Sie vom Argument, das kürzlich von Gewerkschaftsführern vorgebracht wurde: Der Abzug dieser Unternehmen aus Bangladesch würde nur den dort beschäftigten Arbeitern schaden. Eine Boykottbewegung hätte dieselbe Auswirkung, so meinen sie.

Gerald Celente: Diese Leute müssen ihre engstirnige Sicht ändern. Was wollen die denn machen? Für den Weiterbestand der Plantagen kämpfen?

Tolles Argument! Den Sklaven gerade genug zu essen geben, damit sie weiterarbeiten können? Nur das keiner das Wort “Plantagenarbeit" in dem Mund nehmen möchte; nennen wir es also einen “Multinational“! Mit was geben sich diese Gewerkschaftsführer denn zufrieden? Was ist bitte deren Logik? Glauben die etwa, dass die Sklavenarbeiter nicht in der Lage sein werden, für sich selbst zu sorgen, oder dass sie zu unwissend wären, auf sich gestellt in der Welt zu überleben? Ihr Argument, dass Sklavenarbeit immer noch besser ist als gar keine Arbeit, ist im Grunde nicht nur beleidigend, sondern auch dümmlich.


Daily Bell: Es klingt so, als seien Sie der Ansicht, dass der Globalisierung - und das ist ein Beispiel für sie - mit kleineren Gemeinschaften und Eigenständigkeit entgegengewirkt wird?

Gerald Celente: Ja. Warum sollten wir uns nicht um uns selbst und gegenseitig kümmern? Warum sollten wir uns unsere Produkte nicht gegenseitig verkaufen können? Sind wir denn zu dumm, um diese herzustellen? Sind wir zu blöd, um Hemden oder Schuhe zu machen?

Nein, es geht nur darum, was unterm Strich dabei rauskommt. Also, wann waren die Vereinigten Staaten auf ihrem Höhepunkt? Als wir Handelsschranken hatten, als es Gesetze gab wie das Glass-Steagall-Act für den Bankensektor, oder das Robinson-Patman und Sherman Anti-Trust, das Clayton Anti-Trust, damit sich die "Großen" nicht alles unter den Nagel reißen konnten. Und diese Gesetze und Statute, die für etwas fairere Bedingungen sorgten, wurden jetzt dereguliert. Was für eine Zukunft hat man denn bitteschön, wenn man bei Macy’s, Walmart, Target, Staples, Home Depot oder Rite Aid oder CVS arbeitet? Ist das ein Leben?


Daily Bell: Liegt es nicht teilweise auch daran, dass die Menschen einfach keine Alternative sehen, dass sie keine Vision haben?

Gerald Celente: Klar. Vision spielt eine große Rolle. Nicht viele haben eine. Und dafür gibt es zahlreiche Beispiele. So gibt es praktische keine Universitätskurse, wie man Trends identifiziert, beobachtet und vorhersagt. Die Unis sind vollgestopft mit Geschichtskursen, aber Fehlanzeige, wenn es um Visionen für die Zukunft geht.


Daily Bell: Die Menschen kennen einfach kaum Beispiele dafür.

Gerald Celente: Genau, wie ich schon gesagt hatte: Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken. Auf den höchsten Regierungsebenen gibt es keine Visionen. Wenn also schon die Führung keinen Weg aufzeigt, wie soll dann das Volk in eine zivilisiertere und fortgeschrittene Zukunft geführt werden? Um es erneut zu sagen: In einem korrupten System sind die Führer nicht in der Lage, wegweisend zu sein.

Aber man kann wie gesagt zwei Modellen folgen: Einerseits natürlich die Schweiz, mit direkter Demokratie, auch wenn keiner das erwähnt. Sie sind reich, das Essen ist gut, alle haben Gewehre und erschießen sich trotzdem nicht gegenseitig und sie haben den höchsten Lebensstandard der Welt. Sie stimmen über alles ab. Wollt ihr in den Krieg ziehen? Wann war die Schweiz das letzte Mal im Krieg? Vor ca. eineinhalb Jahrhunderten?




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