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Ende der Unabhängigkeit der Notenbanken!

13.07.2019  |  Uli Pfauntsch
Die Kehrseite der Medaille ist, dass gute Nachrichten schlechte Nachrichten sind, etwa beim unerwartet starken Arbeitsmarktbericht vom vergangenen Freitag.

Nichtsdestotrotz war es wenig überraschend, dass Fed-Chef Powell am gestrigen Tag in seiner Rede dem Markt eine Leitzinssenkung signalisierte und die Federal Fund Rate Futures daraufhin zulegten. Damit preist der Markt ein noch niedrigeres Zinsniveau als zuletzt ein. Schon länger besteht der Eindruck, dass die Notenbanken von den Märkten (wo sich das Aktien- und Anleihe-Vermögen in den Händen weniger befindet) beliebig erpressbar sind. Natürlich wissen und fürchten Powell & Co., dass jegliche Enttäuschung der Märkte zu einem heftigen Sell-Off führen kann.

Die größere Gefahr, die Notenbanker sehen, ist nicht das Aufblähen der Aktienmarktblase, sondern die Irreführung der Märkte, die eine chaotische Abwicklung überlaufener Trades auslösen kann. Einbrechende Aktienmärkte und steigende Kredit-Spreads können den gewünschten „Wohlstandseffekt“ der Notenbanker ins Gegenteil verkehren. Das kann wiederum zu einem Szenario führen, in dem aus einer vorbeugenden Straffung eine reaktionäre Kürzung wird. Das ist aus Sicht der Notenbanker nicht wünschenswert, da dies darauf hindeutet, dass die Entscheidungsträger der Entwicklung hinterherhinken.

Mit anderen Worten: Inzwischen wackelt nicht mehr der Hund mit dem Schwanz, sondern der Schwanz mit dem Hund.

Zudem würde Trump, der neben Zinssenkungen auch noch QE fordert, die Schuld einzig und allein der Federal Reserve zuschieben. Am vergangenen Freitag, als die US-Wirtschaft 224.000 neue Jobs schuf, twitterte Trump:

"Starke Beschäftigungszahlen, niedrige Inflation und andere Länder auf der ganzen Welt unternehmen alles, um die Vereinigten Staaten auszunutzen, da sie wissen, dass unsere Federal Reserve keine Ahnung hat! Unser schwierigstes Problem sind nicht unsere Konkurrenten, sondern die Federal Reserve!"


Ende der Unabhängigkeit der Notenbanken

Die bevorstehende Zinssenkung wird von zahlreichen Marktteilnehmern nach den Äußerungen von Trump sicherlich als politische Aktion betrachtet. Während es den Märkten gleichgültig ist, weshalb die Zinsen kurzfristig gesenkt werden, wird eine als politisch motivierte Fed früher oder später ihre Glaubwürdigkeit verlieren.

Nach dem Trump-Attacken auf die Fed in der letzten Woche, äußerte sich Joachim Fels von PIMCO und erklärte das „Ende der Blütezeit der Zentralbank-Unabhängigkeit“. Es genügt zu wissen, dass Fels voraussagt, dass die Zentralbanken den Politikern in zunehmendem Maße verpflichtet sein werden und dies zu niedrigen Zinsen und QE auf "Ewigkeit" führen wird.

Wenn Fels von PIMCO richtig liegt (und er liegt vermutlich richtig), dann steht fest, dass eine Normalisierung der Zinspolitik kurz davorsteht, von der Politik auf immer und ewig begraben zu werden.

Deutsche Bank Analyst Kocic, einer der hellsten Köpfe der Wall Street, schrieb bereits 2017 zum "Ausnahmezustand" der Notenbanker:

"Die Reaktion der Politik auf die Krise war im Kern eine Erweiterung des politischen Ausnahmezustands: Die Marktgesetze mussten ausgesetzt werden, um das normale Funktionieren der Märkte wiederherzustellen. Der eigentliche Widerspruch zu diesem Manöver wird nur dadurch gelöst, dass verstanden wird, dass die Suspendierung nur vorübergehend ist. Der Stimulus muss abgewickelt werden. Die Vorkehrungen bestehen jedoch schon seit sehr langer Zeit. Während dieser Zeit sind traditionelle Übertragungsmechanismen verkümmert und die Denkweise der Anleger hat sich in einer Weise verändert, die ihr Verhalten, das Funktionieren des Marktes und ihre Dynamik irreversibel verändert.

Das Engineering eines Ausnahmezustands birgt ein erhebliches Risiko. Die Fed (und die Zentralbanken im Allgemeinen) tragen implizit die Verantwortung für eine geordnete Re-Emanzipation der Märkte, was die Abwicklung von Stimulus besonders schwierig macht. Dies unterstreicht die tiefe Dichotomie der Macht: Während ein Ausnahmezustand eine Ausübung von Macht ist, gibt es eine klare Tendenz, diese Macht zu verleugnen. Und der einzige Weg, das zugrunde liegende Dilemma zu umgehen, besteht darin, niemals die Macht aufzugeben. Dies schafft einen neuen Status quo - einen permanenten Ausnahmezustand".



Fazit

Zwei Jahre nach der Vorhersage von Kocic ist klar, dass der "Ausnahmezustand" permanent geworden ist. Inzwischen sind die Märkte bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. So notieren neben einem Großteil der ausstehenden Staatsanleihen bereits hochriskante High-Yield-Bonds zu negativen Renditen. Im hochverschuldeten Griechenland ist die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen unter das Niveau der 10-jährigen Rendite der USA gesunken.

Selbst wenn es politisch möglich wäre, die Zinsen anzuheben und die Zentralbanker über die zunehmenden Risiken besorgt wären, blicken sie auf einen Abgrund unergründlicher Schuldpapiere mit immer längeren Laufzeiten und ein großer Teil davon ist nicht sehr liquide. Die so genannte "Duration" des Bloomberg Barclays Staatschulden-Index befindet sich auf einem Rekordhoch von 8,32 Jahren. Das bedeutet, dass ein Anstieg der Renditen um einen winzigen Prozentpunkt einem Verlust von mehr als 2,4 Billionen Dollar entspricht. Aus diesem Grund sind sich die Notenbanker bewusst, dass jeglicher Versuch einer Normalisierung zu katastrophalen Folgen führen kann.

Wie verrückt die Zeiten sind, beweist, dass etwa Italien für eine Anleihe-Platzierung über 3 Milliarden Euro mit Laufzeit 50 Jahre Angebote über 17 Milliarden Euro hereinbekam. Inzwischen notieren Anleihen im Volumen von 13 Billionen Dollar zu negativen Renditen, was ein absurdes Gerangel auf der Jagd nach Rendite auslöst und die Risikobereitschaft weiter steigen lässt.

Es sind in der Tat verrückte Zeiten - und die Dinge werden höchstwahrscheinlich noch sehr viel verrückter.


© Uli Pfauntsch
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