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Keine Welt ohne Zins

26.06.2016  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Der "Urzins" ist aus dem menschlichen Dasein nicht wegzudenken. Der negative Zins der Zentralbank richtet großen Schaden an.

Der Zins (oder genauer: der "Urzins" oder "neutrale Zins") lässt sich aus dem menschlichen Handeln nicht wegdenken. In ihm kommt eine Wertdifferenz zum Ausdruck: Der Mensch schätzt das gegenwärtig verfügbare Gut höher als das erst künftig verfügbare Gut. Beträgt zum Beispiel der Wert eines Euro, der erst in einem Jahr verfügbar ist, 0,90 Euro, so lässt sich der Urzins wie folgt ermitteln:

1 Euro / 0,90 Euro = 1 + i,

wobei i für den Urzins steht und in diesem Beispiel etwa 11,1 Prozent beträgt. Je höher der Urzins ist, desto größer ist der Wertabschlag, den ein Zukunftsgut gegenüber dem Gegenwartsgut erleidet.

Der Urzins, der also das Wertverhältnis zwischen Gegenwarts- zu Zukunftsgut bezeichnet, ist für jeden immer und überall positiv, er kann nicht auf null fallen, geschweige denn negativ werden. Das ist keine Verhaltensannahme, sondern folgt aus der Logik, dass der Mensch handelt.

Der Marktzins, der sich aus dem Urzins und einer Preis- und Kreditausfallprämie zusammensetzt, kann allerdings sehr wohl in den Negativbereich absinken. Das kann dann der Fall sein, wenn die Inflationserwartungen negativ sind und sie gleichzeitig den Urzins übersteigen. Der Marktzins kann aber auch negativ werden, wenn die Zentralbank ihn künstlich in den Negativbereich herabdrückt. Letzteres wird seit einiger Zeit von einigen Zentralbanken - wie etwa im Euroraum, Japan und der Schweiz - bei den Kurzfristzinsen praktiziert.

Dazu kauft die Zentralbank beispielsweise Anleihen zu einem Kurs, der höher ist als die Summe der Zins- und Tilgungszahlungen der Anleihe. Sie zahlt also mehr Geld aus als sie vom Schuldner bekommt. Sparer versuchen natürlich den Verlusten auszuweichen, die ihnen ein Negativzins beschert. Sie kaufen zum Beispiel Schulden mit längeren Laufzeiten. Die Kurse dieser Papiere steigen und ihre Renditen fallen - und zwar auch auf oder gar unter die Nulllinie. Aber nicht nur das: Der negative Marktzins ermutigt auch die Nachfrage nach Aktien und Häusern, weil Anleger hoffen, damit noch etwas Rendite erzielen zu können. Die Preise dieser Vermögensgüter ziehen an.

Sie können so stark anziehen, dass die künftig noch zu erwartenden Renditen auf null Prozent fallen: Mit dem Halten von Aktien oder Häusern lässt sich keine positive Verzinsung mehr erzielen. Oder aber die Vermögenspreise gehen derart stark in die Höhe, dass die Anleger fortan nur noch mit fallenden Kursen, also mit einer negativen Verzinsung des Kapitals, rechnen können. In beiden Fällen wird ein kritischer Punkt erreicht.

Denn sollten alle am Markt erzielbaren Renditen auf null Prozent oder darunter fallen, ist die Marktwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes am Ende angelangt. Das kapitalistische Sparen und Investieren hörten auf. Beträgt der Marktzins null Prozent, gibt es für den Handelnden keinen Anlass mehr zu sparen und zu investieren: Er wird keinen Konsumverzicht mehr üben, wird keine Ersparnisse mehr in produktive Verwendungen leiten - denn sein Urzins ist schließlich immer und überall positiv.

Kapitalverzehr stellt sich ein: Das, was an Gütern und Produktionsmitteln noch verfügbar ist, wird aufgebraucht und nicht ersetzt. Die Arbeitsteilung in der Volkswirtschaft kommt zum Erliegen. Sie fällt zurück in eine Subsistenzwirtschaft, die Verelendung, ja vielleicht sogar das Ende für einen Großteil der Bevölkerung bedeuten würde.

Beginnen die Vermögenspreise irgendwann zu fallen, einhergehend mit einer enttäuschenden Wachstums- und Beschäftigungsentwicklung, ist absehbar, was passieren wird: Man ruft die Zentralbanken dazu auf, die anstehende Deflation-Depression zu "bekämpfen"; es wird gefordert, die Zinsen noch weiter abzusenken und zu akzeptieren, dass die Marktzinsen noch weiter in den Negativbereich heruntergedrückt werden. Und spätestens dann, wenn der verbliebene Zinsspielraum voll und ganz ausgeschöpft ist, wächst die allgemeine Bereitschaft, die elektronische Notenpresse zur Schuldenmonetisierung zu akzeptieren.

Es dürfte offensichtlich geworden sein, wie destruktiv eine falsche Zinstheorie wirkt, die verneint, dass der Urzins in der Welt des menschlichen Handelns niemals null oder gar negativ sein kann. Theorien und Politiken, die gegen diese Erkenntnis arbeiten, sich ihr widersetzen, sind nicht nur Unfug und zum Scheitern verurteilt. Sie fügen auch der großen Zahl der Menschen gewaltigen Schaden zu. Die Wirkung reicht dabei weit über den Verlust der Sparbuchverzinsung hinaus: Die arbeitsteilige Marktwirtschaft und damit Frieden, Freiheit und Prosperität werden zerstört.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Quelle: Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


Dieser Beitrag ist in ähnlicher Form in eigentümlich frei, Juni 2016, erschienen.



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