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Niedrige Zinsen, wie lange geht das noch gut?

05.11.2017  |  Manfred Gburek
Im Innersten der EZB rumort es kräftig. In den Türmen der europäischen Großbanken ebenfalls. Es liegt also nahe, sich mit diesen Phänomenen zu beschäftigen. Beginnen wir mit der EZB, die den Banken gewissermaßen übergeordnet ist, weil sie sowohl die Geldpolitik bestimmt als auch für die Bankenaufsicht zuständig ist. Jede von ihren Entscheidungen schlägt auf die Erträge der Banken durch. Das übergeordnete Ziel der EZB ist, den Euro um jeden Preis zu erhalten. Diesem Ziel ordnet sie alles unter.

Dazu gehört an vorderster Stelle, dass die hoch verschuldeten Pappenheimer unter den Euroländern (Italien, Griechenland u.a.) sich immer höher verschulden dürfen, ohne dafür bestraft zu werden. Die EZB und die Geschäftsbanken haben allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren zusammen nahezu 2,7 Billionen Euro an Staatsanleihen aufgekauft bzw. an Staatskrediten vergeben. Kritiker, die auf die möglichen negativen Konsequenzen hinweisen - im EZB-Rat mehren sich ihre Stimmen -, werden bei wichtigen Entscheidungen einfach überstimmt.

Solange die Konjunktur brummt, fühlen sich EZB-Chef Mario Draghi und seine Gefolgsleute in ihrer Haltung bestätigt. Das bedeutet: Sie setzen darauf, dass die Konjunktur jetzt auch den schwachen Euroländern hilft, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen. Doch deren Regierungen denken nicht im Traum daran, den Schuldenhebel umzulegen. Man stelle sich nur vor, bei der kommenden Italien-Wahl würde die eine oder andere Partei mit dem Argument der Entschuldung um Wählerstimmen werben. Ausgeschlossen.

Eine der Kernfragen lautet: Wie lange geht das noch gut? Wer sich mit dieser Frage besonders intensiv auseinandersetzt, ist EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann. Damit kommen wir zu den Geschäftsbanken, die er für gefährdet hält, wenn die Zinsen noch lange so niedrig wie jetzt bleiben. Denn falls die Zinsen am kurzen Ende stärker als am langen Ende steigen und Banken auf den von ihnen gewährten langfristigen Krediten sitzenbleiben, kann es bei den Banken schnell zu Gewinneinbrüchen kommen.

Unter anderem mit der Folge, dass ihr Eigenkapital abschmilzt. Das wiederum verhindert, dass Banken den ganzen Ballast an faulen Krediten, den sie seit Jahren mit sich herumschleppen, kaum bis gar nicht abschreiben können. Am Ende müssten sie - wie auch immer, wahrscheinlich mit staatlicher Unterstützung - gerettet werden. Das Tragische daran ist: Die EZB kann mit ihrer Geldpolitik kaum etwas dagegen ausrichten. Und ob die gute Konjunktur den Banken hilft, hängt in hohem Maß davon ab, ob die niedrigen Zinsen als Konjunkturtreiber erhalten bleiben. Das heißt, wir haben es hier mit einem Teufelskreis zu tun.

Kein Mensch weiß, wie man ihm entrinnen kann, weder Draghi noch Weidmann, weder die Chefvolkswirte der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich oder des Internationalen Währungsfonds, weder die Finanzminister der Euroländer noch die Chefs der angeschlagenen Großbanken. Sie alle trösten sich derweil mit dem Spruch: Zeit heilt Wunden. Aber niemand vermag wirklich vorherzusagen, ob es dabei nur um ein Jahr oder um ein ganzes Jahrzehnt geht.

Anleger müssen mit den Konsequenzen zurechtkommen, auch wenn diese ihnen ebenso unbekannt bleiben wie den Herren des Geldes. Insofern ist der an dieser Stelle schon oft gegebene Rat, Vermögen zu streuen, ein Ausrufezeichen wert. Doch über das Grundsätzliche hinaus, also jenseits der Vermögensstruktur, dürfte das Timing immer mehr an Bedeutung gewinnen. Timing, obwohl wir alle nicht wissen, wie sich die Märkte weiterentwickeln werden? Ja, und zwar, indem man mehrere Alternativen in Betracht zieht und sie flexibel ausspielt.

Konkret: Aktien halten, aber von Fall zu Fall - etwa bei starken Kursausreißern nach oben - abbauen, Liquiditätsreserven auf Tagesgeldkonten beibehalten und sukzessive erhöhen, bei großem Immobilienvermögen den einen oder anderen Verkauf ins Auge fassen (vor allem schlechte Lagen), Gold und Silber als ultimative Versicherung gegen den zu erwartenden Geldwertschwund während vorübergehender Preisschwäche zukaufen und keine Engagements in Zertifikaten, in langfristigen Lebensversicherungen und börsengehandelten Fonds (ETFs) eingehen.

Zu den Anti-Empfehlungen nur dies: Zertifikate sind Inhaberpapiere und unterliegen damit nicht der gesetzlichen Einlagensicherung, langfristige Bindungen jeder Art verbieten sich in Erwartung von Börsenturbulenzen von selbst, und die Kurse der vielen zuletzt in Mode gekommenen ETFs sind für Käufe einfach zu hoch.

Den meisten Deutschen geht Sicherheit bei der Geldanlage über alles - eine ganz falsch verstandene Sicherheit. Denn sie beruht zum Beispiel auf Missverständnissen wie dem, dass Geld auf dem Konto sicher ist, weil sein Nominalwert nicht schwankt, oder dass in Immobilien angelegtes Geld sicher ist, weil es sich um Sachwerte handelt, deren Preise im Gegensatz zu Aktien, Anleihen, Gold und Silber nicht täglich hin und her schwanken. Sicherheit ist erst dann gegeben, wenn Anleger sich hinreichend mit dem Thema Geld beschäftigen und die für sie richtigen Schlüsse ziehen. Sie basiert also nicht auf bestimmten Anlageklassen, sondern auf dem Knowhow der Anleger.

Dieser Zusammenhang ist den Machern der ZDF-Sendung Wiso offenbar nicht bekannt gewesen, als sie am vergangenen Montag eine Lobeshymne auf ETFs zugelassen haben, und zwar bewusst unter dem Aspekt der Sicherheit - geradezu eine Einladung für amerikanische ETF-Spezialisten wie BlackRock oder Vanguard, um ihren Marktanteil hierzulande weiter zu erhöhen. Und das auf dem Umweg über das ZDF, finanziert durch unsere Steuern.

Sich in Sicherheit zu wiegen, kann bei der Geldanlage zu einer großen Gefahr werden. Nehmen wir nur mal an, die beschriebene EZB-Geldpolitik stößt an ihre Grenzen, bevor hoch verschuldete Euroländer ihre Schulden auch nur im Entfernten bereinigt haben, und an den Börsen entsteht daraufhin immer mehr Unruhe. Alles in allem ein durchaus mögliches Szenario.

Weiter angenommen, die Unruhe setzt sich fort und führt zum Einbruch der Aktienkurse. Dann ist mit der falsch verstandenen Sicherheit Schluss, immer mehr Börsianer bekommen es mit der Angst zu tun, und zum allgemeinen Vertrauensverlust gesellt sich Panik. Am Ende dieser Entwicklung - das haben wir ja von 2007 bis 2009 bereits erlebt - wollen die meisten Anleger mit Aktien wie auch mit ETFs am liebsten nichts mehr zu tun haben, statt antizyklisch zuzugreifen.

Fazit: Es wird in nächster Zeit besonders wichtig sein, der EZB-Geldpolitik viel Aufmerksamkeit zu schenken, darüber hinaus natürlich auch den Aktionen der anderen großen Zentralbanken, vor allem der amerikanischen Fed. Und falls es an den Börsen unruhig zu werden beginnt, gilt es, den Aktienanteil am Vermögen zu senken und den Gold- und Silberanteil zu erhöhen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei gburek.eu: Spekulation ist erste Anlegerpflicht



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