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Armageddon? Verschoben!

12.05.2008  |  Peter Boehringer
Der Finanzkollaps findet diesmal noch nicht statt. Aber die Fallhöhe steigt.

Preisfrage: Von wem stammt folgendes Zitat? "Die Moral hazard Gefahr [von Bankenrettungsaktionen] ist offensichtlich. Aber wenn die Wahl zwischen marktnahen Bewertungsansätzen und dem Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze zu treffen ist, ist diese Wahl u.E. einfach."

Nein - dies schreibt kein chronischer Interventionist wie z.B. der Wirtschaftsweise Peter Bofinger und auch nicht die Presseabteilung von Bear Stearns. Den Satz findet der erstaunte Beobachter in der neuen Research-Studie der Investment Bank Dresdner Kleinwort vom April 2008 zur Lage des Bankensystems. Und beim ersten Lesen kann man der DK-Argumentation auch nur schwer widersprechen: Marktnahe Bilanzierung bedeute derzeit hohe Abschreibungen, potenziell Banken-Insolvenzen und damit eine Kreditkrise und eine Rezession mit Arbeitsplatzverlusten.

Daher solle man doch lieber auf die über IFRS gerade erst eingeführte Mark-to-market (MtM) Bewertung von aktuell kaum verkäuflichen Schrottanleihen verzichten und stattdessen viel mehr modellhafte "Level III"-Bewertungen zulassen - in Fachkreisen auch Mark-to-phantasy genannt. So weit - so plausibel: Hätte die Fed den Kollaps etwa von Bear Stearns oder Fannie Mae und die Ausbuchung der Spareinlagen zugelassen, so hätte der dominoartige und weltweite Crash der Banken die Realwirtschaft in die düsterste vorstellbare Rezession gezogen.

Muss man nun also der Fed dankbar sein, weil sie erkannt hat, dass die Banken weltweit "too interconnected to fail" sind? Müssen wir der SEC dankbar sein, die die marktferne Bewertung der Forderungen den Banken geradezu nahe legt? Oder den anderen Claqueuren wie Bundesbank-Vize Franz Zeitler, der sich jüngst das gute alte HGB zurückwünschte, das das "rigide Fair-Value-Prinzip" im Gegensatz zu IFRS nicht kennt? Natürlich ohne zu erwähnen, dass die Bundesbank und die BaFin die strenge Anwendung des vom HGB ebenfalls geforderten Niederstwertprinzip zur Vermeidung bilanzieller Luftblasen zumindest bei Vermögenswerten seit Jahren nicht mehr eingefordert haben? Oder Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller, der die Bilanzierungsregeln sogar noch rückwirkend für 2007 entschärfen will? Vermutlich jedoch ohne die exorbitanten Boni der Investmentbanker für 2007 rückabwickeln zu wollen…


Sozialismus à la carte

Dresdner Kleinworts Totschlagargumente sind nicht neu: Seit Keynes wissen wir alle, dass man kurzfristig Jobs schaffen (oder besser: retten) kann, wenn man die Wirtschaft (oder besser: die Banken) mit Geld überflutet. Vermutlich denkt zwar DK beim "Verlust Hunderttausender Jobs" eher an gefährdete Bankerjobs als an die in der Realwirtschaft - aber sei´s drum. Dresdner Kleinwort hätte auch "viele Millionen Jobverluste" schreiben können - denn das wäre bei einem Banken-Kollaps die Größenordnung in der Realwirtschaft. Und da ist es keine sehr gewagte Prognose, dass die durchgängig und seit Jahrzehnten vulgär-keynesianisch denkenden Politiker natürlich den Geldhahn aufdrehen werden.

Warum vulgär-keynesianisch? Weil Keynes vor 70 Jahren eben auch davon gesprochen hat, dass die Stimulus-Gelder aus der Druckerpresse in besseren Zeiten wieder eingesammelt werden müssen. Bei derzeit historisch hohem Geldmengen-Wachstum (US-M3 +19% p.a.!) ist jedoch nicht zu erwarten, dass wir irgendwann "in besseren Zeiten" wieder mal -15% oder so sehen werden, wie Keynes es gefordert hat.

Die Gelddroge macht ebenso süchtig wie die von DK richtig erkannte Moral Hazard-Gefahr: Die Banker werden nach dieser Krise vermutlich eine Schamfrist von zwei Jahren einhalten - und dann wieder ihre Gewinne über erhöhte Risikoaufnahme steigern (und privat einstreichen). Geht es dann erneut schief, werden Bernanke und Trichet die Verluste wiederum brav sozialisieren - auch wenn der Chefvolkswirt der Deutschen Bank anderslautend fabuliert: "Moral hazard würde [nur] entstehen, wenn die Liquiditätsspritzen in den Finanzsystemen in Krisenfällen nicht die Ausnahme blieben, sondern solche Liquiditätshilfen wiederkehrend und/oder andauernd erfolgten."

Da fragt man sich schon: Wie viele Ausnahmen müssten es denn sein, bis auch Prof. Norbert Walter ein Moral Hazard-Risiko sähe? Mittlerweile gibt es Meldungen, wonach z.B. Lehman Brothers oder auch spanische Hypothekenbanken schwer verkäufliche Kredite mit der einzigen Absicht verbrieft haben, sie der Fed bzw. der EZB andienen zu können! Die Summe, die man 1998 für den Bailout des damals insolventen Hedge Fonds LTCM aufgewendet hat, wird 2008 alleine von den heute bereits bekannten Geldspritzen und Garantien der Notenbanken an de facto insolvente Banken um mehr als das 100-fache übertroffen!
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Abb.1: Zitat Jim Rogers

Sogar die Chefs der Deutschen Bank Josef Ackermann und von Goldman Sachs (D) Alexander Dibelius dürfen ungestraft weitere Bailouts fordern (natürlich nur für die gefährdeten anderen Banken). Bear Stearns, FannieMae, die IKB und viele Konsorten haben ihn schon hinter sich. Es passt alles ins Bild: Erst IFRS, MtM und Basel II fordern - und sobald es einen selbst betrifft diese Regeln schnell wieder einkassieren! Moral Hazard? Nicht bei uns... Diese Schönwetter-Kapitalisten-Firmen gehören -wenn man sie schon nicht pleite gehen lassen kann- richtig verstaatlicht - nicht nur ihre Verluste sozialisiert! Wer den Sozialismus in schlechten Zeiten predigt, sollte ihn auch in guten Zeiten bekommen!

Nachdem diese Konsequenzen aber natürlich auch diesmal wieder nicht gezogen werden, wird DK mit der Prognose wohl recht behalten. Der "kapitalistische Sozialismus" hat noch einmal gesiegt. Darum werden die Banken 2008 noch einmal aus der Krise kommen, selbst wenn wir vorher noch einige kritische Abschreibungssituationen und evtl. Konkurse kleinerer Institute und Banken-Zwangsfusionen à la Bear Stearns & J.P. Morgan sehen werden.




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