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Island denkt über "Vollgeldsystem" nach

13.04.2015  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Das "Vollgeld" findet immer mehr Anhänger. Doch es würde die Probleme, die es zu lösen gilt, nicht lösen, sondern neue schaffen.

Die isländische Regierung beschäftigt sich mit der Frage, ob den Geschäftsbanken die Möglichkeit genommen werden soll, durch Kreditvergabe neues Geld in Umlauf zu bringen - etwas, was heute überall auf der Welt gang und gäbe ist.

Grundlage ist eine Studie, die in Auftrag gegeben wurde vom isländischen Premierminister Sigmundur David Gunnlaugsson, und die von Frosti Sigurjonsson, Abgeordneten der regierenden Fortschrittspartei, verfasst wurde. (Die Berichterstattung des Telegraph sowie die Studie finden Sie hier.)

Dass die Isländer sich mit der Frage einer Geldreform beschäftigen, ist verständlich. Das Land fiel in der Zeit von 2008 bis 2011 in eine tiefe Krise. Banken gingen bankrott, Sparer verloren ihre Bankeinlagen, die Wirtschaft geriet in eine schwere Rezession.

Bevor der Vollgeld-Reformvorschlag besprochen wird, ist es sinnvoll, sich den Status quo des isländischen Geldwesens (der auch der in allen anderen Währungsräumen ist) vor Augen zu führen. Das Geldsystem ist (weltweit) ein staatlich beherrschtes Monopolgeldsystem:

Die staatlichen Zentralbanken haben das Monopol der Geldproduktion. Sie, und sie allein, bestimmen die umlaufende Geldmenge. Sie vergeben quasi Lizenzen an private Geschäftsbanken, bei der Geldproduktion mitzuwirken. In letzter Konsequenz sind es jedoch - und darüber sollte Zweifel bestehen - die staatlichen Zentralbanken, die für die Vermehrung der Geldmenge verantwortlich sind. Die "Krise" in 2008/2009 war daher auch im Kern eine Krise des Zentralbank-Geldwesens.

Mit dem Vollgeld sollen zwei Ziele erreicht werden: (1) Die private Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken soll beendet und durch die staatliche Geldproduktion ersetzt werden. (2) Bankenkrisen sollen verhindert werden, indem Banken eine 100 Prozent Reserve halten müssen; der Steuerbürger soll so nicht länger den Kopf hinhalten müssen für Verluste der Geldhäuser. Doch angesichts der Probleme, die es zu lösen gilt, kann der Vollgeld-Vorschlag nicht überzeugen. Der Grund dafür ist in der Geldproduktion zu finden.

Die Produktion des staatlichen Vollgeldes kann auf drei Arten erfolgen: (1) Die Konten der Bürger und Unternehmen werden (per "Vollgeldgeschenk") zur (exakt) gleichen Zeit erhöht (z. B. um 0,4 Prozent pro Monat), (2) der Staat kauft Sachgüter gegen Ausgabe von neuem Vollgeld, oder (3) das Vollgeld wird per Kredit geschaffen.

Ad (1): Ein Ausweiten der Geldmenge (selbst wenn sie zur gleichen Zeit erfolgt) ist niemals "neutral". Es berührt die Wertschätzungen der verschiedenen Marktakteure unterschiedlich, und es wird sie zu unterschiedlichem Handeln zu unterschiedlichen Zeitpunkten bewegen. Das führt letztlich dazu, dass unterschiedliche Güterpreise unterschiedlich betroffen sein werden. Folglich wird es immer auch Gewinner und Verlierer geben, wenn die Vollgeldmenge ausgeweitet wird. (Und das gilt nicht nur bei Vollgeldgeschenken, sondern auch für jede andere Form der Vollgeldproduktion.)

Ein grundsätzliches Problem dabei ist, dass der Staat (beziehungsweise das "Gremium", das mit der Bestimmung der Vollgeldmenge beauftragt wird) gar nicht weiß (und nicht wissen kann), wie viel Vollgeld die Marktakteure zu halten wünschen. Daher kann es beispielsweise zu folgender Entwicklung kommen: Das Vollgeld in den Händen der Bürger steigt. Mit einem Teil ihres neuen Vollgeldes gehen die Sparer an den Kreditmarkt und kaufen Anleihen. Auf diese Weise wird ein "Boom-und-Bust"-Zyklus in Gang gesetzt, und zwar in genau derselben Art und Weise, wie sie von der monetären Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie erklärt wird.

Ad (2): Der Staat wird, wenn er das Vollgeld durch den Kauf von Gütern ausweitet, zum Eigentümer der Güter. Doch welche Güter soll er kaufen? Äpfel, Autos oder Häuser? Egal welche Güter er kauft, er wird zum aktiven Nachfrager in den Gütermärkten und subventioniert mit seinen Käufen ausgewählte Güter (er kann ja nicht von allen Gütern kaufen). Man mag sich gut vorstellen, wohin das führt: Fehlallokation, Korruption, Vergeudung etc. greifen um sich. Wenn die Vollgeldmenge stärker ausgeweitet wird als die Güterproduktion (was derzeit gängige Praxis ist), wird der Staat sogar früher oder später alle Güter in sein Eigentum überführt haben.

Ad (3): Wenn die Vollgeldmenge per Kredit produziert wird, stellen sich genau die Folgen ein, die sich auch bei einer Ausweitung der ungedeckten Papiergeldmenge per Kredit einstellen. Ohne dass "echte Ersparnis" vorliegt, wird die Vollgeldmenge durch Kreditvergabe erhöht. Der Marktzins fällt unter sein "natürliches Niveau" (also unter das Niveau, das sich einstellen würde, wenn die Geldmenge nicht per Kredit ausgeweitet worden wäre). Es kommt zu Inflation, Fehlallokationen, Boom-und-Bust-Zyklen, wachsender Verschuldung etc.

Das "Umstellen" des staatlich monopolisierten ungedeckten Papiergeldsystems auf eine Volldeckung (100% Mindestreserve) führt lediglich dazu, dass die Geschäftsbanken keine Geldschöpfungsgewinne mehr machen. Alle anderen ökonomischen und ethischen Defizite dieses Geldwesens - Inflation, Boom-und-Bust-Zyklen, Bereicherung einiger auf Kosten vieler, und staatlicher Missbrauch - bleiben bestehen.

Verlockend scheint für die Vollgeld-Befürworter zu sein, dass die Zentralbank die Staatsschulden aufkaufen kann und auf diesem Wege gewissermaßen die Staatsschulden still und heimlich "verschwinden" lässt. Doch so einfach geht das nicht, und vor allem wird es diejenigen schwer schädigen, die darauf setzen, dass der Währungswert erhalten bleibt (Siehe beispielsweise unseren Artikel Fed-Abrakadabra, 7. November 2014, S. 6 - 7.). Und selbst wenn der "Trick" gelänge, wäre das Geldsystem nicht "reformiert". Es litte immer noch an den gleichen ökonomischen und ethischen Defekten; sie wären keineswegs abgestellt.



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