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Die Währungsgeschichte der Deutschen. Ein Trauerspiel in fünf Akten

03.02.2020  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
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Wichtiger als die Einführung der D-Mark ist allerdings die nahezu gleichzeitige Freigabe der Güterpreise, für die Ludwig Erhard (1897-1977) sorgt. Erst dadurch wird der Wiederaufbau Deutschlands, wird das deutsche “Wirtschaftswunder” möglich. Die D-Mark ist - wie zuvor die Papiermark, die Rentenmark und die Reichsmark - wieder eine staatlich monopolisiert ungedeckte Papierwährung.

Ab 1952 ist sie allerdings eingebettet in das System von Bretton Woods - das zumindest anfänglich noch eine gewisse Verankerung im Golde hatte. Rückblickend hat sich die D-Mark in ihrem 50jährigen Bestehen zwar als ein relativ erfolgreiches Geld für die Deutschen erwiesen. Ihr Schicksalsweg steht jedoch im Grunde schon seit den 1960er Jahren fest - wie übrigens auch der vieler anderer staatlicher Währungen in Europa.

Als das System von Bretton Woods Anfang der 1970er Jahre zusammenbricht, geht man in Europa dazu über, die nationalen Wechselkurse zu koordinieren, um eine einheitliche Geldpolitik in Europa herbeizuführen. Der Europäische Währungsverbund wird 1971 geschaffen - und mit ihm die Europäische Rechnungseinheit. Im Grund ist sie der Nukleus einer Einheitswährung in Europa.

1979 entsteht das Europäische Währungssystem, und die Europäische Rechnungseinheit wird durch die Europäische Währungseinheit (“ECU”) ersetzt. Der große Traum der Wechselkurskoordinatoren ist es, die nationalen Währungen abzuschaffen und eine politisierte Einheitswährung in Europa zu etablieren. Man wartet auf die Gelegenheit. Die kommt mit dem Mauerfall am 9. November 1989. Am 1. Juli 1990 wird die D-Mark in der DDR eingeführt. Löhne, Mieten, Renten und Schulden werden 1:1 umgetauscht.

Übrigens ein Wechselkurs, zu dem die DDR-Mark völlig überbewertet ist - aber politisch gewünscht ist seitens der Kohl-Regierung. Ostdeutschland wird deindustrialisiert und auf Jahrzehnte hin zum Subventionsempfänger. Die “sozialistischen Schläfer”, die lange von einer europäischen Einheitswährung geträumt haben, und die vor allem die D-Mark loswerden wollen, ergreifen in der Euphorie der Wiedervereinigung ihre Chance und machen bitteren Ernst. Damit kommen wir zum 5. Akt der Währungsgeschichte der Deutschen.


5. Akt

Ein staatliches Einheitsgeld für Europa - dieses größenwahnsinnige Vorhaben wird am 1. Januar 1999 tatsächlich in die Tat umgesetzt: 11 nationale Fiat-Währungen gehen an diesem Tag unwiderruflich im Euro auf - einem staatlichen ungedeckten Geld, einem Fiat-Geld, dessen Produktionsmonopol in den Händen der Europäischen Zentralbank (EZB) liegt. Mittlerweile haben 19 Länder mit einer Bevölkerungszahl von 342 Millionen Menschen ihre Selbstbestimmung bei der Währungswahl an die EZB abgegeben, einer supranationalen Institution, deren Politik sie de facto gar nicht mehr kontrollieren können.

Zählt man alle hinzu, die sich offen oder versteckt, direkt oder indirekt an den Euro gebunden haben, dann hängen über 539 Millionen Menschen am Euro. Der Einstieg in das europäische Einheitsgeld, das ein Fiat-Geld ist, lässt sich mit ökonomischem Sachverstand nicht rechtfertigen. Fiat-Geld ist inflationär, sozial ungerecht, es verursacht Wirtschaftsstörungen, treibt die Volkswirtschaften in die Überschuldung. Warum überhaupt der Euro?

Bestenfalls lässt sich der Einstieg in den Euro einer falschen Theorie zuschreiben - die da lautet: Frieden und Wohlstand in Europa lassen sich nur mit einem monopolisierten Einheitsgeld schaffen.

Schlimmstenfalls ist der Einstieg in den Euro Ausdruck des Bestrebens, in Europa eine kollektivistische-sozialistische Befehls- und Zwangswirtschaft quasi durch die Hintertür einzuführen. Leider ist der Verdacht für Letzteres geradezu erdrückend: Die Krisenträchtigkeit des Euro und die Krisenzwänge, die er verursacht, bewirken nämlich genau das. Seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, spätestens aber seit der Banken- und -Staatsschuldenkrise 2010 liegt der Euro auf der Intensivstation.

Die EZB und die “Rettungspolitiken” der Regierungen schalten die Korrekturkräfte der Marktwirtschaft zusehends aus und ketten die Nationen immer enger aneinander - durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus, die Target-2-Salden, die Bankenunion etc. - und erhöhen damit die Scheidungskosten. Die Regierungseliten, die Bürokraten und der EZB-Rat werden früher oder später vorgeben, was wann wo und wie zu produzieren ist und wer was wann und in welcher Menge konsumieren kann.

Man überspannt den rhetorischen Bogen wohl nicht, wenn man sagt, dass Karl Marx vermutlich begeistert wäre, könnte er den Euro und dessen Folgewirkungen sehen. Doch bevor nun der Vorhang fällt, sei noch ein kurzer Epilog gestattet.


Epilog

Was die Deutschen aus ihrer Währungsgeschichte lernen können, ist das: Die Hoheit des Staates über das Geld hat sich für die Deutschen als desaströs erwiesen: Der Staat - ob Kaiserstaat, Demokratie- oder Diktatorstaat - hat seine Monopolstellung über das Geld immer wieder missbraucht, wenn es ihm in den Kram passte.

Das Geld dem Staat anzuvertrauen, war und ist eine große Torheit. Vielleicht sagen Sie nun, liebe Zuhörer: Ist es nicht beruhigend, dass die Deutschen ihre Währungssouveränität, die sie in der Vergangenheit so unklug gehandhabt haben, nun endgültig aus der Hand gegeben, sie an eine supranationale Institution delegiert haben?

Die Antwort lautet: Nein. Auch mit dieser Entscheidung haben die Deutschen ihr Geld leider nicht in verlässliche Hände gelegt. Schließlich steht die Euro-Einheitswährung nicht für gutes Geld, nicht für die Krönung eines freiheitlichen Europas. Der Euro ist vielmehr der “Zwingmeister” eines sozialistischen Großprojektes, das Bürger und Nationen in Europa entmachten und eine Einheitszivilisation hervorbringen soll, gelenkt und beherrscht von zentraler Stelle.

Doch die Währungsgeschichte der Deutschen, die ich als ein Trauerspiel inszeniert habe, kann eine Wendung zum besseren nehmen. Die Lösung des Währungsproblems ist denkbar einfach. Sie lautet: Beendet das staatliche Geldmonopol und eröffnet einen freien Markt für Geld.

Ein freier Markt für Geld bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als jeder die Freiheit hat, das Geld wählen zu können, das er zu verwenden wünscht. Und dass jeder die Freiheit hat, Güter anbieten zu dürfen, von denen er meint, sie werden von den Nachfragern als Geld gewünscht. Ein freier Markt für Geld ist Ausdruck eines Selbstbestimmungsrechtes, das jedem Menschen zusteht; und er ist Garant für Frieden und Wohlstand.

Das ist, denke ich, eine wirkungsmächtige Wahrheit, über die es aufzuklären gilt; und die Menschen haben ein Anrecht auf diese Wahrheit. Aufzuklären und damit ein Umdenken herbeizuführen, dazu ist ein kritisches Aufarbeiten der Währungsgeschichte hilfreich: Die Währungsgeschichte mit solider ökonomischer Theorie von allen Beschönigungen und Fehlinterpretationen zu befreien, sie richtigzustellen - und dabei auch herzuarbeiten, wie unheilvoll der Staat (wie wir ihn heute kennen) ist, insbesondere auch für das Geld der Menschen.

Ich hoffe, dass meine heutigen Ausführungen dazu einen Beitrag leisten konnten.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Quelle: Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


Der Beitrag wurde als Vortrag bei der diesjährigen Usedom-Konferenz von eigentümlich frei am 18. Januar 2020 gehalten. Es gibt ihn auch als Podcast auf Youtube.


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