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Ich handle, also bin ich

27.05.2022  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Es ist Zeit für einen neuen Methodenstreit in der Volkswirtschaftslehre. Ökonomen können nicht mit individuellen Verhaltenskonstanten rechnen. Der Mensch hat wechselnde Wünsche und tiefe Gefühle. Und er ist ein ewiger Neubeginner: Auf sein Handeln ist Verlass - und das hat sichere Folgen.

Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) hat (sich) in seinen "Kritiken" bekanntlich vier Grundfragen gestellt. Eine davon: Was kann ich wissen? Sie ist die Kernfrage der Epistemologie, eines Teilgebiets der Philosophie, in dem Quellen und Grenzen der menschlichen Erkenntnis ausgelotet werden. Kants grundsätzliche Frage stellt sich auf der Ebene der Praxis jedem Forscher - und wirft speziell in den Social Sciences die Frage nach den Quellen und Grenzen empirischen Wissens auf. Ökonomen möchten zum Beispiel folgende Fragen beantworten: Wie können wir wissen, was eine Erhöhung der Geldmenge bewirkt? Was sind die Folgen einer Zinserhöhung durch die Zentralbank? Wie wirken sich Steuererhöhungen oder Preiskontrollen aus?

Die Beantwortung dieser und vieler anderer ökonomischer Fragen hängt entscheidend von der wissenschaftlichen Methode ab, also vom Verfahren, mit dem Erkenntnis über den Erkenntnisgegenstand gewonnen und überprüft wird. Was gesucht wird, sind Gesetze oder Regelmäßigkeiten (heute spricht man meist von Hypothesen) - sind belastbare Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung. Und um wahr ausgewiesene Aussagen zu gewinnen, sind von den Ökonomen schon viele Wege beschritten worden.

Die Klassiker der Ökonomik im 18. und 19. Jahrhundert übten sich in der deduktiven Methode. Sie leiteten aus der Idee des Eigennutzes atomistisch gedachter Einzelner, dem Homo oeconomicus, ein Bild seines konkreten Verhaltens ab. Deutschen Denkern war das schon damals ein zu dürres, lebensfremdes Konstrukt. Sie formten unter dem Einfluss der Philosophie der romantischen Schule und den sozialpolitischen Anforderungen der Zeit die historische Schule.

Die ältere Version dieser Schule wollte in der Sozialgeschichte von Ländern und Regionen noch allgemeine Entwicklungsgesetze der Volkswirtschaft aufspüren - ohne überzeugenden Erfolg. Die jüngere historische Schule lehnte dagegen alle Forschung nach ökonomischen Regelmäßigkeiten ab.

Die Konsequenz: Zur Flucht aus der individualistischen Volkswirtschaftslehre der Klassiker kam die Flucht aus der Theorie hinzu: It’s just the (ever changing) reality, stupid! Das klingt einleuchtend. Hat aber einen Nachteil: Die Volkswirtschaftslehre geriet für die Vertreter der historischen Schule zu einer geschichtlich-beschreibenden Angelegenheit, und sosehr sich der Ökonom auch um Objektivität bemüht, seine Beschreibungen sind abhängig von seiner Perspektive, also notwendig subjektiv - eine Interpretation der Wirklichkeit.

Na logisch, argumentierten die Historiker, vor allem repräsentiert durch Gustav von Schmoller (1838-1917): Eine soziale Wirklichkeit lässt sich nicht messen wie ein Liter Wasser und ein Meter Stoff - Ökonomen sind halt keine Chemiker oder Physiker. Halt, stopp, argumentierte demgegenüber Carl Menger (1840–1921): Die Volkswirtschaft kann sehr wohl zu einer exakten Theorie avancieren - dann nämlich, wenn sie sich auf das rein Wirtschaftliche beschränkt und alle übrigen sozialen Erscheinungen ausblendet, und das Motiv des Eigennutzes spielt im ökonomischen Verkehr die entscheidende Rolle. Die hitzige Kontroverse zwischen Schmoller und Menger ist als Methodenstreit bekannt - und sie führte zu keinem Ergebnis.

Die jüngere historische Schule versandete, weil sie politische Schlagseite bekam, die Neo-Klassik übernahm vorübergehend das Ruder, eine mathematisierte Fortentwicklung der Eigennutz-Annahme zur Modellierung wirtschaftlicher Gesetzmäßigkeiten. Bis sich in den Zwanzigerjahren in Wien der logische Positivismus formierte.

Seine Kernidee: Man stellt logische Hypothesen in den Raum, testet dann empirisch ihren Wahrheitsgehalt - und geht so lange von der Richtigkeit der Hypothese aus, bis sie von den Daten widerlegt wird. Dieses Paradigma fußt auf drei Begriffen: Positivistisch meint, dass nur wissenschaftlich ist, was auch messbar ist. Empiristisch meint, dass Erkenntnis nur aus der Erfahrung geschöpft werden kann und durch sie zu überprüfen sei. Und falsifikatorisch meint mit Karl Popper (1902–1994), dass es Erkenntnis immer nur bis zu ihrer Widerlegung, also niemals abschließend gibt. Klingt schon wieder gut?

Mit Blick auf die Naturwissenschaften vielleicht. Nicht aber mit Blick auf die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Wenn man eine Erfahrung gemacht hat (Auf A folgte B), dann heißt das eben nicht, dass man diese Erfahrung auch künftig machen wird, denn man steigt nicht zweimal in denselben Fluss, wie es bei Heraklit so schön heißt: Auf A folgt beim nächsten Mal nicht notwendigerweise B!


Ökonomie als apriorische Handlungswissenschaft

Dass die moderne Hauptstrom-Ökonomik dennoch auf diesem Pfad wandelt, ist maßgeblich dem Einfluss des US-Ökonomen Milton Friedman (1912-2006) zu verdanken. Der Widerspruch des Ökonomen und Sozialphilosophen Ludwig von Mises (1881-1973) aus den frühen Dreißigerjahren blieb dagegen nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend ungehört. Mises hat die methodologischen Debatten verfolgt und sich - so wie auch viele Literaten, Philosophen und Sozialwissenschaftler - früh für einen methodologischen Dualismus ausgesprochen:

"Menschen sind keine Atome, wusste Ludwig von Mises. Die Methode der Naturwissenschaft lässt sich daher nicht auf die Volkswirtschaftslehre übertragen. Die Ökonomie benötigt ihre eigene Methode."

Die Methode der Naturwissenschaft lässt sich nicht auf die Volkswirtschaftslehre übertragen; die Volkswirtschaftslehre, so Mises, bedarf ihrer eigenen Methode.

Der Grund dafür ist denkbar einfach: Anders als bei Atomen und Planeten, gibt es im Bereich des menschlichen Handelns keine Verhaltenskonstanten. Auch lassen sich keine vergleichbaren Basissätze feststellen, die man empirisch sinnvoll einsetzen könnte. Der Mensch ist unberechenbar (Freud! Schopenhauer!), hat wechselnde Wünsche und tiefe Gefühle, er ist nur als soziales Gruppenwesen Mensch (Durkheim! Mead!) - und er ist lernfähig, spontan - ein ewiger Neubeginner (Arendt! Hans-Hermann Hoppe!).

Mises zufolge kann die Volkswirtschaftslehre daher widerspruchsfrei als Logik des Handelns, als apriorische Handlungswissenschaft konzeptualisiert werden. A priori bedeutet, dass eine Aussage oder Handlung als Aussage und Handlung in der Welt sind, also nicht sinnvoll verneint werden können. Und Handeln bedeutet, dass die Welt durch die Handlung eine andere wird - und dass das Handeln dem Menschen eigen ist: Handeln ist, was den Menschen als Menschen auszeichnet.

Das klingt banal? Nur auf den ersten Blick. Denn der Satz "Der Mensch handelt" lässt sich nicht widerspruchsfrei verneinen: Wer sagt, der Mensch handelt nicht, handelt - und widerspricht dem Gesagten. Aus der Aussage "Der Mensch handelt" lassen sich überdies weitere wahre Aussagen ableiten, wie zum Beispiel: Der Handelnde verfolgt Ziele, die er durch sein Handeln erreichen will. Handeln erfordert den Einsatz von Mitteln. Mittel sind knapp. Mehr Mittel werden weniger Mitteln vorgezogen. Eine frühere Erfüllung der Ziele wird einer späteren vorgezogen. Und so weiter. Wir erhalten eine logische Kette.

Begreift man die Volkswirtschaftslehre als apriorische Handlungswissenschaft, schrumpft ihr bisheriger Erklärungs- und Geltungsanspruch - und er wächst zugleich.

Es geht ihr nicht mehr darum, ökonomische Gesetzmäßigkeiten empirisch aufzuspüren. Auch volkswirtschaftliche Prognosen lassen sich nicht mehr wissenschaftlich rechtfertigen. Und schon gar nicht maßt sie sich an, Aussagen darüber zu treffen, wie künftig gehandelt wird.

Auf der anderen Seite lassen sich basale, qualitative Folgen menschlichen Handelns, das unter gegebenen Bedingungen stattfindet, sicher vorhersagen: etwa, dass der Sozialismus nicht funktioniert. Oder dass die Ausgabe von ungedecktem Geld unweigerlich zu Wirtschaftsstörungen und Vertrauenskrisen führt.

Kurzum: Vieles, was heute in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik als gut und richtig angesehen wird, wäre im Lichte von Mises’ Paradigma wissenschaftlich nicht haltbar.

Verständlich, dass sich die Begeisterung von Politikern, Ökonomen und Lobbyisten in Grenzen hält, die Methodenfrage neu zu beleben. Doch angesichts der unübersehbaren Probleme in den Volkswirtschaften - nachlassendes Wachstum, Staatsexpansion, explodierende Verschuldung, Inflation - ist es höchste Zeit für eine Neuauflage des Methodenstreits. Die Erkenntnisse der Ökonomik sind zu wichtig für das friedvolle und produktive Zusammenleben der Menschen. Wir können es uns nicht leisten, sie bei unserem Handeln unberücksichtigt zu lassen.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


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