Suche
 
Folgen Sie uns auf:

Warum diese Inflation besonders gefährlich ist

30.05.2022  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
- Seite 2 -
Open in new window

Um diesen wichtigen Effekt besser verstehen zu können, sei ein einfaches Beispiel betrachtet. Die obenstehende Graphik zeigt auf der vertikalen Achse die Güterpreise, auf der horizontalen Achse die Gütermenge. Die rote Linie repräsentiert das Güterangebot: Je höher der Preis, desto größer die Angebotsmenge. Die blaue Line symbolisiert die Güternachfrage: Je niedriger der Preis, umso höher die Nachfragemenge. In einer Volkswirtschaft, in der Geld als Tauschmittel verwendet wird, gilt: Güterangebot = Geldnachfrage, und Güternachfrage = Geldangebot.

Es ist im Grunde ganz einfach: Wer ein Gut verkaufen will, der fragt Geld nach; und wer ein Gut kauft, der bietet Geld an. Im Marktgleichgewicht von Güterangebot und Güternachfrage - was in einer Geldwirtschaft ja nichts anderes ist als das Gleichgewicht zwischen Geldnachfrage und Geldangebot - bildet sich der gleichgewichtige Güterpreis heraus. Damit wird deutlich, dass auch eine Geldnachfrageänderung die Güterpreise verändern kann - und führt uns zur Idee der "Realkasse" (im Unterschied zur Nominalkasse).

Nominalkasse bezeichnet den Nennwert der Geldmenge, die jemand besitzt. Realkasse steht für die inflationsbereinigte Nominalkasse. Beispiel: Sie besitzen 100 Euro, und das Preisniveau beträgt 1. Ihre Realkasse ist daher 100 (100 Euro geteilt durch 1). Steigt das Preisniveau auf 2, fällt ihre Realkasse auf 50 (100 Euro geteilt durch 2). Wollen sie daraufhin ihre ursprüngliche Realkasse von 100 wiederherstellen, müssen sie im Markt Güter anbieten gegen Geld. Das steigende Güterangebot senkt deren Preise ab, und die Realkasse nimmt wieder zu.

Üblicherweise fragen die Menschen eine bestimmte Realkasse nach: Sie wollen so viel Geld halten, wie sie zur Finanzierung ihrer laufenden Zahlungen (Miete, Einkäufe, Auto etc.) plus einer Vorsichtskasse benötigen. Den darüberhinausgehenden Geldbetrag legen sie an (zum Beispiel in Aktien oder Edelmetallen). Was passiert bei einer Geldmengenausweitung? Wenn das Geldangebot steigt, nimmt die Realkasse zu: Die Menschen verfügen nunmehr über mehr Geld, als sie üblicherweise zur Finanzierung ihrer Ausgaben benötigen.

Um die erhöhte Realkasse wieder auf das gewünschte Niveau abzusenken, geben die Menschen ihr "überschüssiges" Geld aus. Sie verwenden es zum Kauf von Gütern. Daraufhin steigen die Güterpreise an, und das senkt volkswirtschaftlich gesehen die Realkassenhaltung ab. Es stellt sich ein neues Gleichgewicht ein: Die Geldmenge hat zwar zugenommen, gleichzeitig sind jedoch auch die Güterpreise gestiegen, so dass die Realkasse wieder auf das ursprüngliche Niveau abgesunken ist.

Es kann der Fall auftreten, dass die Geldnachfrage zurückgeht, weil die Menschen fürchten, dass das Geld künftig stark inflationiert wird. Sie empfinden ihre Realkasse nun als zu groß und beginnen sie abzubauen. Geld wird gegen Güter angeboten. Die Folge ist, dass die Güterpreise steigen. Also auch ohne eine unmittelbar stattfindende Ausweitung der Geldmenge kann es zu einem Preisauftrieb kommen. So etwas kann zum Beispiel durch einen negativen Preisschock ausgelöst werden, und zwar dann, wenn die Menschen befürchten, der Preisanstieg werde sich fortsetzen, werde nicht von der Zentralbank bekämpft.


Begrenzte Zinssteigerungen

Im aktuellen Umfeld ist genau das vermutlich eine treffende Erklärung: Dass also der Preisauftrieb nicht allein durch einen gewaltigen Geldmengenüberhang angetrieben wird, sondern dass er auch noch verstärkt wird durch einen Rückgang der Geldnachfrage. Der "sichtbare Hinweis" darauf wäre, dass die Güterpreise mit deutlich höheren Raten ansteigen, als die Geldmenge wächst. Auslöser dafür könnten - wie bereits angedeutet - wachsende Zweifel der Marktakteure an der Fähigkeit und auch am Willen der Zentralbankräte sein, die Inflation wieder auf relativ niedrige Niveaus zurückzuführen. Für solche Zweifel gibt es durchaus gute Gründe.

So ist nicht mehr zu übersehen, dass der Zinssteigerungsspielraum angesichts der gewaltigen Schuldenlasten, die sich in den letzten Dekaden aufgetürmt haben, relativ begrenzt ist; vor allem weil die Realzinsen (also Nominalzinsen abzüglich der Inflation) in den letzten etwa zehn Jahren negativ waren und das Verschulden attraktiv angeheizt haben. Ein Zinsanstieg - eine Rückkehr der Realzinsen in den positiven Bereich - birgt daher die Gefahr, dass die Schuldenpyramide nicht nur ins Wanken gerät, sondern auch umstürzt. Zudem ist eine "echte Zinswende" politisch alles andere als willkommen: Viele Regierungen setzen geradezu darauf, dass die Zentralbank das öffentliche Defizit widerstandslos finanziert.

Nicht nur die Neuverschuldung soll problemlos durch die elektronische Notenpresse und tiefen Zinsen bewerkstelligt werden. Auch Inflation zur realen Entwertung der ausstehenden Staatsschulden soll zum Einsatz kommen (auch wenn das natürlich kaum jemand offen sagt): Die drückenden Zins- und Tilgungszahlungen können schließlich einfach mit entwertetem Geld beglichen werden. Der Staat entledigt sich so seiner Zahlungsverpflichtungen auf Kosten der Gläubiger (und das sind im Regelfall vor allem die eigenen Staatsbürger). Eine üble Praktik, aber in der Währungsgeschichte ist sie leider der "Normalfall".

Hinzu kommt, dass die heute allgemein befürwortete "grüne Politik" darauf abzielt, die Kosten für Energie zu verteuern. Das kann in der Weise erfolgen, dass die Energiepreise steigen, während die Preise aller anderen Güter nachgeben, so dass es also insgesamt nicht zu einem Ansteigen des Preisniveaus und Inflation in der Volkswirtschaft kommt. Wenn aber die Zentralbanken - und das geschieht derzeit - eine extrem expansive Geldpolitik verfolgen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Energiepreisanstieg letztlich alle Güterpreise in die Höhe befördert, die Inflation also merklich ansteigt. Eine Entwicklung, die durchaus auch im Interesse der Vertreter einer extremen Auslegung der grünen Politik liegen könnte.


Politik der Inflation

Denn wenn die Inflation zu einer Erhöhung aller Güterpreise führt, dann sinken die Realeinkommen der Menschen. Sie können weniger konsumieren und investieren, ihr Lebensstandard schwindet. Und in einer solchen "Schrumpfwirtschaft" nimmt natürlich auch die Ressourcenbelastung ab. (Allerdings sollten an dieser Stelle die Nebenwirkungen einer solchen Inflations- und Verarmungspolitik keinesfalls ungenannt bleiben: Sie würden die Lebensgrundlage für viele Millionen, wenn nicht gar Milliarden Menschen ernstlich gefährden beziehungsweise zerstören. So gesehen lässt sich eine Inflationspolitik auch als höchst inhuman bezeichnen.)

Weiterhin ist zu bedenken, dass erhöhte Inflation den sozialen Frieden gefährdet: Sie verursacht den Menschen Not, bringt sie gegeneinander auf. Inflation vergiftet das Miteinander, Gesellschaft und Politik radikalisieren sich. Marktwirtschaftsfeindliche Demagogen haben dann meist ein leichtes Spiel, vermeintlich Schuldige für die unliebsame Inflation herbeizureden: wie etwa gierige Kapitalisten, ungezähmte, freie Märkte, ungerechte Einkommens- und Vermögensverteilung etc. Sie formieren politische Unterstützung für Maßnahmen, die das freie Marktsystem (beziehungsweise was davon heute noch übrig ist) zusehends außer Kraft setzen.

Beispielsweise durch den Erlass von Preiskontrollen: Höchstpreise für Energie, Mietdeckel, Mindestlöhne. Derartige Eingriffe des Staates führen zu weiteren, mitunter noch schwereren Problemen als die, die man mit den Eingriffen zu lösen verspricht.

Beispielsweise sorgen Höchstpreise für Energie für eine Verknappung des Energieangebots. Firmen können nicht mehr produzieren, entlassen ihre Angestellten. Gegen die Arbeitslosigkeit setzt der Staat auf nachfragewirksame Ausgaben, die mit Schulden finanziert und von der Zentralbank monetarisiert werden. Daraufhin steigt die Inflation. Die Menschen verarmen noch mehr. Und so weiter.

→ Eine Güterpreisinflation - das gilt insbesondere für die Inflation der Nahrungsmittelpreise - trifft ärmere Bevölkerungsschichten beziehungsweise ärmere Länder in der Regel besonders hart. Denn sie müssen meist einen höheren Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel aufwenden.


Bewerten 
A A A
PDF Versenden Drucken

Für den Inhalt des Beitrages ist allein der Autor verantwortlich bzw. die aufgeführte Quelle. Bild- oder Filmrechte liegen beim Autor/Quelle bzw. bei der vom ihm benannten Quelle. Bei Übersetzungen können Fehler nicht ausgeschlossen werden. Der vertretene Standpunkt eines Autors spiegelt generell nicht die Meinung des Webseiten-Betreibers wieder. Mittels der Veröffentlichung will dieser lediglich ein pluralistisches Meinungsbild darstellen. Direkte oder indirekte Aussagen in einem Beitrag stellen keinerlei Aufforderung zum Kauf-/Verkauf von Wertpapieren dar. Wir wehren uns gegen jede Form von Hass, Diskriminierung und Verletzung der Menschenwürde. Beachten Sie bitte auch unsere AGB/Disclaimer!




Alle Angaben ohne Gewähr! Copyright © by GoldSeiten.de 1999-2022.
Die Reproduktion, Modifikation oder Verwendung der Inhalte ganz oder teilweise ohne schriftliche Genehmigung ist untersagt!

"Wir weisen Sie ausdrücklich auf unser virtuelles Hausrecht hin!"