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Warum Freiheit einen freien Markt für Geld braucht

31.10.2022  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Einleitung

"Wahre Macht wird erreicht, wenn die herrschende Klasse die materiellen Lebensgrundlagen kontrolliert und sie den Massen gewährt und vorenthält, als wären sie Privilegien."¹ So schrieb George Orwell. Vermutlich werden sie zustimmen, wenn ich Dinge wie Nahrungsmittel, Kleidung und Energie zu den "materiellen Lebensgrundlagen" zähle.

Gehört das Geld auch dazu? Ich sage ja. Denn die menschliche Zivilisation, ihr materieller Wohlstand hängt entscheidend von der Geldverwendung ab. Geld dient uns als Tauschmittel, als Recheneinheit, als Wertaufbewahrungsmittel. Vor allem aber setzen wir es für die Wirtschaftsrechnung ein. In einer Geldwirtschaft wird der Tauschwert aller Güter in Geldeinheiten ausgedrückt. Nur so wird es uns möglich, eine Renditerechnung anzustellen. Mit ihr lässt sich herausfinden, was sich lohnt und was nicht; was besonders dringlich ist und produziert werden soll, und was weniger wichtig und verzichtbar ist.

Ohne die Verwendung von Geld wären unser Wohlstand und unsere hochgradig arbeitsteiligen Volkswirtschaften, die es vermögen, Milliarden von Menschen zu ernähren und zu behausen, ihnen eine humane Existenz zu ermöglichen, nicht denkbar.


Freiheit

Geld ist auf das Engste mit unserer Freiheit verbunden. Das geflügelte Wort "Geld ist geprägte Freiheit" deutet das bereits an.

Aber fragen wir zunächst: Was ist Freiheit? Auf diese Frage gibt es bekanntlich eine ganze Reihe von Antworten. Ich will eine formulieren mit Rückgriff auf die Handlungslogik. Sie lautet: Deine und meine Freiheit bedeutet, dass du und ich Eigentum am eigenen Körper, dass wir Selbsteigentum haben; dass du und ich zudem Eigentum beanspruchen können an den externen Gütern, die wir uns in nicht-aggressiver Weise (also ohne Verletzung des physischen Eigentums anderer) aneignen; …

… dass du und ich mit unserem Eigentum machen können, was wir wollen - solange wir dabei die physische Integrität des Eigentums unserer Mitmenschen nicht verletzen.

Diese Definition der Freiheit gilt a priori - man kann ihr nicht widersprechen, ohne dadurch einen Widerspruch zu verursachen, also etwas Falsches zu sagen. Denn das Eigentum selbst ist ein Apriori: Es ist eine Kategorie, ein nicht wegzudenkender Grundbegriff des menschlichen Handelns. Zudem sind das Eigentum und damit auch die Freiheit ethisch fest begründet. Der unbedingte Respekt vor dem Eigentum erfüllt den Universalitätsanspruch, er gilt für dich und mich und für alle Menschen gleichermaßen heute, morgen und zu aller Zeit; und er ermöglicht zudem prinzipiell das Überleben aller, die ihn akzeptieren.

Wenn die Freiheit in dieser Weise (also über das a priori des Eigentums) begriffen wird, dann schließt sie Herrschaft aus - dass also irgendjemand einen anderen zwingen darf (durch Gewalt oder ihre Androhung), seinem Willen, seinen Befehlen zu folgen. Die Freiheit (wie ich sie handlungslogisch über das Eigentum konzeptualisiert habe) kennt nur freiwillige Kooperation: Du bietest mir etwas an, und ich nehme das Angebot an - oder auch nicht.


Geldmonopol

Sie werden jetzt vielleicht sagen: Das mag ja alles gut und richtig sein mit der Freiheit, wenn es um Güter geht wie Brot, Schuhe, Computer, Urlaubsreisen. Doch gilt das auch für das Geld? Oder braucht es hier nicht doch vielleicht Einschränkungen Deiner und meiner Freiheit? Die Antwort ist nein. Ich will das näher begründen.

Das Geld (das allgemein akzeptierte Tauschmittel) ist ein Gut wie jedes andere Gut auch. Es hat lediglich die Besonderheit, dass es dasjenige Gut ist, das die höchste Liquidität besitzt: Geld ist das Gut, das sich am einfachsten gegen andere Güter eintauschen lässt. Nun ist allerdings das Geld, das wir heutzutage verwenden, nicht das Ergebnis einer freiwilligen Übereinkunft von dir und mir (oder etwa eines freiwillig geschlossenen Vertrages zwischen deinen und meinen Vorfahren). Vielmehr haben sich die Staaten (die sich ebenfalls nicht auf das Prinzip Freiwilligkeit gründen) das Geldproduktionsmonopol durch Zwang und Gewalt verschafft. Das zeigt der Blick in die Theorie der Geldentstehung.


Entstehung des Geldes

Der deutsche Ökonom Georg Friedrich Knapp (1842-1926) schrieb in seinem Buch "Die Staatliche Theorie des Geldes" aus dem Jahr 1905, das Geld sei eine staatliche Erfindung: Der Staat, dank seiner Macht und Güte, sei derjenige, der das Geld in die Welt gebracht hat und seinen Wert erhält. Ganz anders die Theorie, die Carl Menger (1840-1921) bereits 1871 in seinem Buch "Grundsätze der Volkswirtschaftslehre" vorgelegt hatte - und die übrigens von Knapp mit keiner Silbe in seinem Buch gewürdigt wird.

Menger erklärte, dass das Geld spontan aus dem freien Markt entstanden ist, aus dem wohlverstandenen Eigeninteresse der Marktakteure, und zwar aus einem Sachgut - vorzugsweise Edelmetall, das die Menschen freiwillig als Geld auswählten. Der US-amerikanische Soziologe David Graeber (1961-2020) hat ähnlich wie Carl Menger argumentiert: Graeber zufolge ist das Geld im freien Markt entstanden, wenn auch aus Kredittransaktionen - während Menger meinte, dass das Geld aus dem Tausch von Gut gegen Gut in der Gegenwart hervorgegangen ist.

Im Jahr 1912 gab Ludwig von Mises (1881-1973) Carl Mengers Theorie der Geldentstehung eine (handlungs-)logische Begründung, und zwar mit dem Regressionstheorem. Es besagt, dass ein Gut, bevor es zum Geld gewählt wurde, bereits einen Marktwert gehabt haben muss, der sich aus der nicht-monetären Wertschätzung des betreffenden Gutes erklärte; …
  • … dass das Geld aus einem Sachgut entstanden sein muss (wie zum Beispiel Salz, Gewürze, Edelmetalle); …
  • … dass die Menschen das betreffende Gut freiwillig als Tauschmittel, als Geld, ausgewählt haben; …
  • … und auch, dass es logisch inkonsistent ist zu denken, es wäre eine Obrigkeit gewesen, die den Menschen das Geld gebracht hat (so wie etwa Prometheus - gemäß einem anderen Mythos - den Menschen das Feuer zukommen ließ).²


Vom Waren- zum Fiat-Geld


Heutzutage wird kein Sach- beziehungsweise Gold- und Silbergeld mehr verwendet. Das Edelmetallgeld wurde - in einem zugegebenermaßen langen Prozess - ersetzt durch staatlich monopolisiertes Geld, durch staatliches Fiat-Geld. Warum eigentlich?

Eine häufig zu hörende Antwort lautet: Das Goldgeld (um das prominenteste Sachgeld der Menschheit zu nennen) habe nicht gut genug funktioniert, habe immer wieder schwere Krisen verursacht - und wurde deshalb gegen staatliches ungedecktes Geld ersetzt. Doch das kann nicht überzeugen. In der neuzeitlichen Währungsgeschichte hat es einen "reinen", einen echten Goldgeldstandard nie gegeben. Immer wieder haben Staaten es ganz bewusst zugelassen, dass Banken mit einer Teilreserve operierten, und dass dadurch immer wieder schwere Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen ausgelöst wurden.

Beispielsweise war nicht das Goldgeld die Ursache der "Großen Depression" in den Jahren 1929 bis 1933, sondern staatlich erlaubte Verstöße gegen die Prinzipien des "reinen" Goldgeldstandards. Auch wird häufig gesagt, dass man das Goldgeld ersetzen musste durch eine andere Geldart, weil es nicht genug Gold auf der Welt gibt. Doch auch dieser Einwand kann nicht überzeugen.


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