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Die Folgen des kaputten Bankensystems

10.08.2014  |  Manfred Gburek
Wenn Sie erfahren wollen, wie es um die Solidität von Banken bestellt ist, schlagen Sie zuerst am besten immer bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) nach. Nicht etwa, dass diese Bank der Zentralbanken, wie sie auch genannt wird, einzelne Institute namentlich an den Pranger stellen würde. Doch auf allgemeine Missstände weist sie schon hin, denn ihr stehen Informationen zur Verfügung, über die sonst niemand verfügt.

Der jüngste Rettungsfall, Banco Espírito Santo in Portugal, ist ein Beleg dafür, dass sogenannte systemrelevante Banken allen möglichen Unsinn anstellen und andere Banken - in diesem Fall Frankreichs Crédit Agricole, mitreißen dürfen, ohne zunächst belangt zu werden. Das marode Institut muss am Ende mit EU-Geldern gerettet werden. Vorangegangen sind Schlampereien des Managements. Warum sollte es sich auch anstrengen, da die Rettung doch so wie so kommt? Der Fall wirft ein Schlaglicht auf einen Großteil des Bankensystems. "Too big to fail", lautet dann immer die Formel: zu groß, um pleite zu gehen.

Indes, wer bestimmt hier eigentlich die Größe, wer die Systemrelevanz? So ganz sicher kann niemand diese Frage beantworten, und das hat einen triftigen Grund: Als BIZ-Generaldirektor Jaime Caruana vor einigen Wochen vom Handelsblatt gefragt wurde, für wie gesund er europäische Banken halte, blieb ihm zunächst die Spucke weg. Dann antwortete er jedoch kurz und bündig: "Wir wissen es noch nicht. Deshalb führt die EZB ja gerade den Stresstest durch." Schließlich schob er nach, es gebe "weniger Klarheit über die Qualität der Aktivseite der Banken", was so viel bedeutet wie: Da schlummert wohl einiges an faulen Krediten.

Ich bin besonders über den Hinweis auf den Stresstest gestolpert. Den lässt die EZB nämlich gerade durchführen. Über seine Relevanz kann man nicht nur geteilter Meinung sein, er ist schlicht und einfach einige Nummern zu groß angelegt. Oder salopp in der Computersprache formuliert: Mist rein, Mist raus. Dazu braucht man sich nur vorzustellen, dass es hier um die Prüfung von 128 Banken geht, die jeweils 1250 Kreditpakete vorgelegt haben, dass deren Prüfung schon im Oktober abgeschlossen sein soll und dass die EZB kurz darauf im November die direkte Bankenaufsicht übernehmen will.

Das Ganze ist dafür ausersehen, die Banken nach außen hin glaubwürdiger erscheinen zu lassen, behaupten Insider. Aber wem gegenüber, wenn die Insider selbst am Prüfungsverfahren und damit am Stresstest zweifeln? Keine Frage, da kommt im Oktober, spätestens im November, eine geballte Ladung von Unruhen an den Finanzmärkten auf uns zu, und das ausgerechnet ausgelöst durch den hochsensiblen Bankensektor. Nebenbei bemerkt: Der EZB steht noch der nervige Umzug in ihr neues Gebäude bevor. Dafür wird, weil dieses im Frankfurter Ostend fast drei Kilometer vom Bankenviertel entfernt errichtet wurde, eine logistische Meisterleistung nötig sein.

Als wäre das alles nicht genug, bahnt sich jetzt auch noch ein Konflikt zwischen BIZ und EZB an. Ausgangspunkt ist zunächst der BIZ-Jahresbericht von Ende Juni. Darin ist eine Stelle besonders brisant, an der die BIZ unverhohlen die lockere EZB-Geldpolitik kritisiert. Darüber hinaus geht es um eine Art Crash-Prognose, abgegeben vom neuen BIZ-Chefvolkswirt Hyun Song Shin, einem in Fachkreisen hoch geschätzten Koreaner, der dieses Amt seit Mai innehat. Vorher war er unter anderem an der London School of Economics und an der Universität Princeton tätig. Zwischendurch watschte er die Verantwortlichen der US-Notenbank Fed für deren lockere Geldpolitik ab.

Auf Wunsch der BIZ sollen die Notenbanken finanzielle Ungleichgewichte mehr mithilfe der Zinspolitik bekämpfen. Sie warnt besonders vor dem Risiko, dass die Notenbanken insgesamt ihre lockere Geldpolitik zu spät beenden. Das würde mehr schaden als nützen - ein Affront gegen die EZB, was natürlich deren Chef Mario Draghi auf die Palme gebracht hat. Der betont denn auch trotzig, er werde seine bisherige Politik fortsetzen.

Hyun Song Shin hat vor allem mit zwei Bemerkungen viel Aufmerksamkeit erregt. Erstens: Zurzeit sehe alles zwar recht gut aus, "aber möglicherweise baut sich ein schmerzhafter und sehr zerstörerischer Umschwung auf", ein Zitat, das bereits weltweit die Runde gemacht hat. Zweitens: Insgesamt irritiere "die begrenzt nachvollziehbare Abkoppelung der Marktdynamik von den zugrunde liegenden wirtschaftliche Entwicklungen weltweit".

Im ersten Fall spielt der BIZ-Chefvolkswirt darauf an, dass Großanleger wie Pensionsfonds oder -kassen wegen der ausgedehnten Niedrigzinsphase viel zu hohe Risiken eingehen, um ihren Kunden doch noch die einst versprochenen Renditen zu liefern. Wir kennen dieses Problem ja auch auf Seiten der Lebensversicherungen. Im zweiten Fall geht es ihm darum, dass die Börsenkurse sich immer weiter von der fundamentalen Entwicklung der Unternehmen entfernen.

Nun könnte man versucht sein, den BIZ-Jahresbericht beiseite zu legen, weil die geäußerten Befürchtungen ja nicht gleich von heute auf morgen wahr werden müssen. Aber genau eine solche Ignoranz wäre allzu leichtsinnig, weil die BIZ in der Vergangenheit, wenngleich mit mehr oder weniger Verzögerung, viel häufiger recht als unrecht hatte - und weil mit dem politisch wie auch wirtschaftlich brisanten Krieg in der Ukraine ein Faktor hinkommen ist, der sich doppelt auswirkt: Die negative fundamentale Entwicklung der Unternehmen kann die Aktienkurse von heute auf morgen noch tiefer in den Keller schicken als ohnehin schon; und sie zwingt die EZB, sturer als ohnehin schon an ihrer Niedrigzinspolitik festzuhalten.

In einem solchen Umfeld ist Sicherheit das A und O. Womit die Goldanleger unter Ihnen sich wahrscheinlich wieder einmal fragen, warum in aller Welt der Goldpreis nur konsolidiert (um seinen Verlauf noch halbwegs optimistisch zu kommentieren), statt nach oben auszubrechen. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen - die einfachste Antwort ist: Weil der Faktor Zeit eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt und weil das Umschwenken der Geldanlage von Aktien (kurs- bzw. renditegetrieben) zum Gold (sicherheitsgetrieben) eine ganze Weile - aber nicht mehr jahrelang - dauern kann.

Die weltweit führenden Vermögensverwalter und deren Fondsmanager, die bisher gewohnt waren, im Zweifel lieber zu viele als zu wenige Aktien zu besitzen, stehen am Anfang einer Liquidationsphase. Das heißt, sie beginnen erst mit größeren Aktienverkäufen und denken nicht im Traum daran, ihre Liquidität in Goldkäufe umzusetzen (was sie in der Regel ohnehin nicht dürfen). Vielmehr müssen sie darauf vorbereitet sein, dass Kunden ihnen Fondsanteile zurückgeben. Folglich konzentrieren sie sich darauf, entsprechend viel Liquidität vorzuhalten.

Zweifellos müssen neue Goldkäufer und/oder solche her, die - nach Gewinnmitnahmen während der vergangenen drei Jahre - wieder mit Käufen beginnen. Aktuelle Statistiken zu Goldfonds lassen darauf schließen, dass sich diesbezüglich schon etwas tut, während traditionelle Käufer wie China oder Indien ohnehin per Saldo zu den Käufern gehören. Und der BIZ-Jahresbericht mit seinen Warnungen vor dem kaputten Bankensystem hat das Zeug, für eine Initialzündung zum nächsten Goldpreisanstieg zu sorgen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu

Herr Gburek ist Fachjournalist und Buchautor. Seine letzten Werke waren: "Das Goldbuch" (2005), das Wörterbuch "Geld und Gold klipp und klar von A bis Z" (2007) und "Die 382 dümmsten Sprüche der Banker" (2008).



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