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Steuergeld für miese ETF-Aktientipps

21.05.2017  |  Manfred Gburek
Ich denke, mich tritt ein Pferd - das war meine erste Reaktion auf den zwölfseitigen Beitrag der aktuellen Finanztest-Ausgabe zum Thema ETF (Exchange Traded Fund, auch bekannt unter dem Begriff börsengehandelter Indexfonds). Die Zeitschrift Finanztest lebt unter anderem von unserem Steuergeld. Und was rät sie Anlegern? "Mit dem Pantoffel-Portfolio, einem Depotvorschlag von Finanztest, können Anleger selbst mit herben Rückschlägen eine vernünftige Rendite erwirtschaften."

Dann folgen unzählige Erläuterungen, in denen sich auch der verräterische Satz findet: "Für den historischen Verlauf seit 1997 haben wir das Portfolio zurückgerechnet." Also wieder mal der trügerische Blick in die Vergangenheit, hier noch zusätzlich garniert mit dem Hinweis: "Trotz zeitweiser Verluste von mehr als 50 Prozent haben Aktien in diesen 20 Jahren rund 7 Prozent Plus pro Jahr gebracht."

Eine Erkenntnis wie diese ist nicht neu. Sie wird auch von Verkäufern gemanagter Fonds gern genutzt und in unzähligen Kundengesprächen missbraucht, unterfüttert mit sogenannten Awards. Das heißt, mit ersten, zweiten und dritten Preisen für das beste Anlageergebnis im vergangenen Jahr, in den abgelaufenen drei, fünf und zehn Jahren, unterstützt von Ratingagenturen und Zeitschriften, die gegen Finanztest konkurrieren. Ganz nebenbei kommt da eine Menge an Sponsorengeldern zusammen - zugunsten der Veranstalter von Awards-Feten, versteht sich, nicht etwa zum Wohl der Anleger.

Diese schwenken zunehmend ins ETF-Lager über. Der Schwenk ist unter anderem daran erkennbar, dass laut Statistik des deutschen Fondsverbands BVI im ersten Quartal 2017 bei den Aktienfonds der ETF-Absatz in die Höhe schoss, während gemanagte Aktienfonds unter dem Strich durch Geldabzüge der Anleger das Nachsehen hatten. Falls sich dieser Trend fortsetzt, was abzusehen ist, kommt es zur "Massenvernichtungswaffe mit drei Buchstaben: ETF", wie jetzt anhand eines lesenswerten aktuellen Beitrags auf goldseiten.de nachzuvollziehen ist.

Da drängt sich nebenbei der Verdacht auf, dass der Staat auf dem Umweg über die zum Teil aus Steuergeld finanzierte Zeitschrift Finanztest Anleger darin unterstützt, zur Massenvernichtungswaffe zu greifen.

ETF, das ist eine Anlagemode, die sich, ausgehend von Amerika in den 90er Jahren, schnell auch in Europa breit gemacht hat und bis heute zu einem gigantischen Geschäft ausgewachsen ist. In europäische Aktienfonds auf ETF-Basis ist zuletzt besonders viel Geld geflossen: gemäß Analyse der Firma Amundi allein von Januar bis April dieses Jahres 22,3 Milliarden Euro. Zufluss über alle ETF-Konstrukte hinweg: insgesamt 34 Milliarden Euro. Bemerkenswert ist, dass Rentenfonds, die sich aus Anleihen zusammensetzen, in dieser Zeit 10,2 Milliarden Euro einnehmen konnten. Welcher Sinn angesichts der Nullzinsen dahinter stecken soll, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Ob Aktien- oder Renten-ETF, jeder von diesen Fonds entzieht den Direktanlagen Liquidität. Damit macht er Aktien- und Anleihenkurse anfällig für extreme Kursschwankungen. Mehr noch, ein ETF zieht die Kurse von Aktien oder Anleihen unabhängig von deren Qualität in die Höhe. Das führt zu Überbewertungen, die sich rächen werden. Wann, wird erst absehbar sein, wenn Volatilitätsindizes wie VDax in Deutschland oder VIX in den USA nach oben schießen (Sie können beide über Klicks auf Kurssuche-Seiten von Direktbanken verfolgen). Dann werden die Aktienkurse und die Kurse zweit- bis drittklassiger Anleihen nur so purzeln.

Daten aus der Vergangenheit für Anleger ohne Wenn und Aber in die Zukunft zu projizieren, ist mehr als nur eine Unsitte, es ist Betrug und gehört bestraft. Doch wo kein Kläger, da kein Richter. Das Deutsche Aktieninstitut veröffentlicht regelmäßig eine Statistik, aus der hervorgeht, wie holprig sich Aktienkurse über die vergangenen Jahrzehnte entwickelt haben. Aus gutem Grund verzichtet es auf die Fortschreibung in die Zukunft.

In diese Lücke stoßen die Scharlatane unter den Bankern, Fondsverkäufern, Volkswirten, Börsengurus, Kurvendeutern und Medienmachern, indem sie die Zukunft zu deuten versuchen. Was dabei im Endeffekt herauskommt, ist absehbar: Daueroptimisten, wie Fondsverkäufer und eine Hälfte der Börsengurus, sagen steigende Aktienkurse voraus. Dagegen sehen Dauerpessimisten, wie die andere Hälfte der Börsengurus und Teile der sonstigen Scharlatane, im Extremfall einen Crash herannahen. Insgesamt kommt bei den Prognosen heraus: Die Aktienkurse werden entweder steigen oder fallen.

Aktien bilden zwar nicht das einzige Tummelfeld für Prognosen, aber das aus Sicht der Prognostiker lukrativste. Denn irgendwann hat jeder von ihnen mal recht, sofern er möglichst viele Prognosen mit unterschiedlichen Kurszielen abgegeben hat - eine regelrechte Unsitte vor allem zu jeder Jahreswende. Besonders schlimm sind Aussagen zu Indizes wie dem Dax. Denn weil er sich aus 30 Aktien mit unterschiedlicher Gewichtung zusammensetzt, wobei ab und zu welche rausfliegen und neue hinzukommen, ist jede Dax-Prognose großer Quatsch. Dass sogar gestandene Banker sich dazu herablassen, ist einfach erbärmlich.

Es grassieren unzählige Methoden, um die Börsenzukunft zu ergründen. Die einfachste und dümmste besteht darin, die Vergangenheit mittels Aktienindex fortzuschreiben. Sie ist, wie sich aus meinem heutigen Beitrag ergibt, weder durchdacht noch von Nutzen. Besonders schwierig wird es, wenn es gilt, einen Wendepunkt an der Börse zu ermitteln. Das gilt allerdings nur für den allgemeinen Trend.

Dagegen lassen sich Wendepunkte bei einzelnen Aktien mit viel Beobachtungsgabe, intensiven Recherchen, einiger Erfahrung und etwas Glück besser bestimmen. Denn man kann aus Anlass einer Hauptversammlung ohne Weiteres einen leibhaftigen Vorstand oder ersatzweise seinen Investor Relations-Manager ausfragen, Geschäftsberichte wälzen, frühere Aussagen des Managements nachträglich auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen, Charts interpretieren und noch so manches mehr.

Warum werden diese Möglichkeiten so wenig genutzt, dass man den Eindruck gewinnen kann, deutsche Anleger sträubten sich mit aller Macht dagegen, etwas von den Börsengewinnen mitzubekommen? Wahrscheinlich aus mehreren Gründen: Weil Aktien wegen ihrer Kursschwankungen als riskant gelten, weil Banker den Anlegern lieber gemanagte Fonds mit hohen - aber überflüssigen - Ausgabeaufschlägen und laufenden Gebühren verkaufen, weil Aktionäre keine Lobby haben - und weil es neuerdings ungleich bequemer zu sein scheint, dem trügerischen ETF- Automatismus zu vertrauen, statt sich Gedanken über einzelne Aktien zu machen.

Aktien - egal, ob für sich allein betrachtet oder in einem Fonds gebündelt - machen die meisten Anleger total nervös, besonders in Zeiten abstürzender Kurse. Das ist nachgewiesen und psychologisch verständlich. Nun raten Sie mal, wie wohl ein ETF-Besitzer reagieren dürfte, wenn er sein Aktienvermögen dahinschwinden sieht. Freut er sich etwa über die niedrigen Kurse, um nochmals günstig einsteigen zu können? Oder wird er immer nervöser, bis er nahe dem Kurstiefpunkt verzweifelt sein ganzes ETF-Depot verkauft? Aufgrund der Anlegererfahrungen mit den Kursstürzen in den Jahren 2000 bis 2003 und 2007 bis 2008 spricht alles für die zweite Alternative.

Neu bei gburek.eu: Crash-Variationen


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.



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