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Aussichten 2018: Ohne Spekulation geht es nicht

31.12.2017  |  Manfred Gburek
Worüber sollte man sich als Anleger zur Jahreswende besonders viele Gedanken machen? Da kommt wahrlich einiges zusammen: Regierungsverhandlungen in Deutschland, Konflikte von Nah- bis Fernost, die nächsten Entscheidungen der Notenbanken, die Zinsentwicklung, das Bitcoin-Fieber, die amerikanische Steuerreform, der Brexit, die besonders von China dominierte Schuldenblase, überbewertete Aktien, der niedrige Goldpreis - und was sonst noch?

Lassen Sie Ihrer Phantasie einfach freien Lauf, denn alles kann auf Ihre Anlagen einwirken. Das geht meistens so: Den Anfang macht eine Initialzündung, aus ihr entwickeln sich neue, überwiegend konkurrierende Trends, von denen sich die einen nachhaltig durchsetzen, während die anderen wieder in der Versenkung verschwinden.

Denken Sie nur an den Ablauf der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise: Sie begann im Februar 2007 an der Börse von Shanghai, setzte sich mit dem Zusammenbruch des amerikanischen Häusermarktes fort, hielt durch Schieflagen deutscher Landes- und Geschäftsbanken auch hierzulande Einzug, löste wegen der Globalisierung die besagte Krise aus und erreichte ihren Tiefpunkt mit dramatischen Kursstürzen an allen Aktienmärkten im Herbst 2008, nachdem die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers pleite gegangen war.

Die seither stattfindende Entwicklung ging unter umgekehrten Vorzeichen weiter: Es schüttete Geld aus allen Rohren, die Zinsen sanken immer tiefer, Anleihen- und Aktienkurse explodierten geradezu und nahmen die Immobilienpreise mit nach oben, zwischenzeitlich hielt EZB-Chef Mario Draghi in London eine beachtenswerte Rede, mit der er noch mehr Geld ohne Limit versprach, schließlich erreichten die Aktien an vielen Börsen neue Höchstkurse.

Was lernen wir daraus? Erstens, dass alles, was geschah, irgendwie miteinander zusammenhing. Zweitens, dass es erst dadurch zu den gewaltigen Kursbewegungen zunächst abwärts und danach aufwärts kommen konnte. Und drittens, dass nicht mal der beste Vermögensverwalter oder Fondsmanager der Welt solchen Entwicklungen davonlaufen kann. Das ergibt sich zwangsläufig, weil diese Geldprofis ständig zwischen Performancedruck und Liquditätsvorrat hin und her gerissen sind. Diesbezüglich haben es private Anleger besser, weil sie das Auf und Ab an den Börsen - und nicht allein dort - flexibler zum eigenen Vorteil nutzen können.

Spannende Frage: Welches von den eingangs genannten Ereignissen und damit welche für Ihre private Anlagestrategie entscheidenden Faktoren dürften für Sie, falls Sie alle Anlagen in Betracht ziehen, in nächster Zeit die größte Rolle spielen? Denken wir an den Februar 2007, als in Shanghai die Aktienkurse einbrachen, und behaupten wir einfach: die aktuell überdimensionierten chinesischen Schulden. Denn sie haben das Zeug in sich, während der nächsten Monate und wahrscheinlich auch Jahre die Aktienkurse und Immobilienpreise weltweit stark zu beeinflussen. Und die Börsianer in Shanghai sind besonders schnell, wie die seinerzeitige Kursentwicklung gezeigt hat.

Der chinesische Einfluss auf die Weltkonjunktur ist den Folgen der Globalisierung zuzuschreiben, die von China entscheidend geprägt wird. Aus der verlängerten Werkbank für Produkte des Westens ist dort längst eine eigenständige Wirtschaft entstanden - nur eben halt auf einem riesigen Schuldenberg: Während im Euroraum heftig um Staatsschulden mit Anteilen von 100 bis 200 Prozent am Bruttoinlandsprodukt gestritten wird, droht China nach Recherchen des Internationalen Währungsfonds (IWF) von 260 Prozent im vergangenen Jahr auf 328 Prozent im Jahr 2022 zu kommen, allerdings in Bezug auf Staats-, Unternehmens- und private Schulden insgesamt.

Das wäre bei Fortsetzung des bisherigen chinesischen Wirtschaftswachstums vielleicht sogar zu verkraften, gäbe es da nicht ein großes Bankenproblem. Bei allem Vorbehalt gegenüber dem von den USA dominierten IWF: Dessen jüngster Bankentest ergab, dass 27 von 33 chinesischen Banken den - zugegeben sehr strengen - IWF-Bonitätskriterien nicht standhielten. Eines der entscheidenden Probleme ist die vielfach mangelnde Transparenz. Vor allem regionale Banken scheren sich kaum um die Bonität von Staatsbetrieben, denen sie Kredite gewähren, ohne dass deren Rückzahlung sicher ist.

Die hier angestellten Überlegungen sind zweifellos spekulativ. Doch ohne Spekulation werden Sie in nächster Zeit nicht über die Runden kommen - denken Sie an Shanghai im Februar 2007. Fügen wir deshalb einen Tipp hinzu, der nebenbei auch dem Timing Ihrer Anlagen insgesamt zugute kommen dürfte, selbst wenn Sie die Aktien der chinesischen Internetkonzerne Alibaba und Tencent Holdings nicht besitzen. Beide gehören zu den Stars ihrer Branche. Ihre Aktien sind nach gängigen Kriterien recht hoch bewertet; das macht sie anfällig gegen Kurseinbrüche. Falls es dazu kommt, können Sie davon ausgehen, dass eine Kettenreaktion in der Luft liegt, die sich international ausbreiten dürfte.

Wie werden Regierungen und Notenbanken dann reagieren? Es gehört nur wenig Phantasie dazu, diese Frage zu beantworten: Regierungen werden auf mehrfache Weise noch mehr Schulden aufnehmen, und Notenbanken werden ihnen dabei helfen, zum Beispiel mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das wirft allerdings eine weitere Frage auf: Wird das Vertrauen der Anleger in das ganze auf Schulden beruhende Währungssystem dadurch nicht überstrapaziert, und was folgt daraus?

Auch hier muss die Antwort zwangsläufig spekulativ ausfallen: Das Vertrauen dürfte schwinden, nur die Schwind-Geschwindigkeit ist heute noch nicht absehbar. Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass Anleger weltweit Schutz vor dem Währungsverfall suchen werden: Ein weiteres Mal mit Aktien, sobald ihre Kurse - nach zwischenzeitlich heftigem Rückgang wegen zu hoher Bewertung - wieder zum Kaufen einladen, und wahrscheinlich schon vorher mit Gold und Silber, denn beide Edelmetalle sind in Anbetracht der sich ausbreitenden Inflation unterbewertet. In diesem Sinn: viel Erfolg anno 2018!


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

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