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Warum das erste Quartal für Anleger entscheidend ist

21.01.2018  |  Manfred Gburek
Der amerikanische Staat ist wieder mal pleite, mangels Geld schickt er seine Beamten nach Hause. Shutdown nennt man das in den USA. Nach allen vorherigen Staatspleiten schritten die Präsidenten - zuletzt Barack Obama - wieder zur Tagesordnung - und irgendwie ging das Leben auf Pump weiter, als wäre nichts geschehen. Das kann sich jetzt unter Donald Trump wiederholen. Eine Sicherheitsgarantie gibt es dafür allerdings nicht. Am besten, Sie verfolgen die Ereignisse um den Shutdown zunächst einfach nur weiter. Für Anleger entscheidend werden in diesem ersten Quartal mit hoher Wahrscheinlichkeit andere Ereignisse sein, zu denen ich mich heute äußere.

Am 15. Januar präsentierten in einem YouTube-Onlinekonferenz die drei Anlagestrategen Manfred Hübner, Chris Zwermann und Robert Rethfeld ihre Überlegungen zum Börsenjahr 2018 - wohltuend jenseits der gängigen Prognosen, stattdessen viel Stoff zum Nachdenken. Grund genug, im Folgenden die wichtigsten Thesen des Trios aufzugreifen:

"Den Aktienmärkten in Europa wie auch in den USA wird während der kommenden Monate spürbar Liquidität entzogen. Infolgedessen dürften die Kursschwankungen stark zunehmen; dabei werden die beiden Volatilitätsindizes VDax in Deutschland und Vix in den USA nach oben schießen. Der VDax könnte im Herbst sogar 50 Punkte erreichen; das wäre das Niveau, das er zeitweise im August 2011 erreichte, bevor es mit den Aktienkursen wieder aufwärts ging. Nur zur Erinnerung: Im schrecklichen Börsenjahr 2008 hatte der VDax kurzfristig sogar 80 Punkte erreicht.

Mit den Aktienkursen werden im Lauf des ersten Quartals diesseits und jenseits des Atlantiks auch die Kurse der Anleihen nach unten gerissen, weil die Notenbanken wegen der zum Teil überschäumenden Konjunktur auf die Geldbremse treten. Die Zinswende nach oben hat de facto bereits im Oktober 2016 begonnen. Dem EZB-Chef Mario Draghi ist zuzutrauen, dass er seine Meinung zur Geldpolitik ändert und das Anleihen-Kaufprogramm stärker als allgemein erwartet einschränkt. Als weiterer Störfaktor an den Aktienmärkten wird sich China erweisen: wegen des jetzt allzu sehr auf Schulden basierenden Wirtschaftswachstums. Viel spricht für die russische Börse, die 2018 zu den Favoriten gehören dürfte.

Die Inflation und mit ihr die allgemeine Inflationserwartung wird sich beschleunigen; ausschlaggebend wird ein Mal mehr der gestiegene Ölpreis sein. Der Dollar dürfte gegenüber dem Euro an Wert verlieren. Die Preise von Edelmetallen und Industrierohstoffen werden steigen. Der Goldpreis kann 1600 Dollar je Unze erreichen. Das liegt vor allem daran, dass die mit Anleihen, Kontoanlagen und sonstigen Geldwerten erzielbaren Renditen wegen der steigenden Inflationsrate real negativ sind."

So weit die Zusammenfassung dessen, was die drei Anlageexperten weit über zwei Stunden vorgetragen haben. Man ist geneigt, Aussagen anderer besonders gern dann in das eigene Gedankengut zu übernehmen, wenn sie diesem entsprechen. Mir geht es diesbezüglich genauso wie den meisten Anlegern. Deshalb erscheint es sinnvoll, als Kontra-Indikator zusätzlich den advocatus diaboli zu spielen oder von einem erfahrenen anderen Anleger spielen zu lassen, im vorliegenden Fall zum Beispiel mit den folgenden Fragen:

Was spricht für weiterhin steigende Aktienkurse? Haben Anleihen nicht schon die schlimmste Phase hinter sich, und sind sie womöglich favorisiert, falls die Konjunktur plötzlich kippt? Warum soll gerade die russische Börse einen Einsatz wert sein? Kann der Ölpreis wirklich nachhaltig steigen? Warum soll der Dollar ausgerechnet gegenüber der in der Vergangenheit mehrfach angeknacksten Gemeinschaftswährung Euro schwächeln? Wie steht es um Edelmetalle und Rohstoffe im Zuge einer rückläufigen Konjunktur?

Sich über solche Fragen und die entsprechenden Antworten Gedanken zu machen, ist allein schon deshalb sehr sinnvoll, weil das ganze Börsengeschehen immer von Angebot und Nachfrage geprägt ist. Das heißt, weil Meinungen und Gegenmeinungen rund um die Uhr aufeinander prallen und beiderseits bestimmt nicht nur Dummköpfe am Werk sind.

Allerdings haben Sie als private Anleger im Vergleich zu Fondsmanagern entscheidende Vorteile: Sie können sich mit tiefgehenden Recherchen viel Zeit lassen, während Fondsmanager immer unter Zeitdruck sind. Als Gesprächspartner stehen Ihnen wahrscheinlich mehrere Menschen zur Verfügung, etwa die Ehefrau bzw. der Ehemann, Freunde, Verwandte, private und professionelle Besucher auf Anlegermessen u.a. Sie selbst sind flexibel und können im Zweifel von heute auf morgen umdisponieren, während Fondsmanager dafür Monate brauchen.

Sie sind nicht gezwungen, einen bestimmten Anteil an Liquidität vorzuhalten; im Zweifel können Sie von heute auf morgen zu hundert Prozent liquide oder im Gegenteil voll investiert sein. Und Sie unterliegen nicht den strengen gesetzlichen Regularien, die den Fondsmanagern auf die Nerven gehen.

Warum spielt die Börsenentwicklung im ersten Quartal oft eine große Rolle? Mir fallen dazu zig Beispiele von einzelnen Aktien ein. Aber bleiben wir bei den großen Trendwenden. Unter ihnen stechen besonders ins Auge: das Ende der Gold- und Silberhausse im Januar 1980 und der Technologieblase während der ersten Monate nach der Jahrtausendwende, außerdem die kräftige Kurserholung und damit der Beginn eines neunjährigen Aufwärtstrends der Aktienkurse Anfang 2009, nachdem es zuvor einen regelrechten Crash gegeben hatte.

Kaum ein Crash ist mit einem anderen vergleichbar. Dazu nur vier Beispiele: Der von 1929 markierte den Beginn eines mehr als dreijährigen Abwärtstrends, dem von 1933 bis 1935 nur eine Scheinerholung folgte. Der Crash von 1974 war die abschließende Reaktion der Börsianer auf das Zusammentreffen von Inflation und Rezession. Der Crash vom 19. Oktober 1987 ging schon nach kürzester Zeit zu Ende, bevor er sich auch nur ansatzweise ausbreiten konnte. Denn Alan Greenspan, der damalige Chef der amerikanischen Notenbank Fed, warf die Geldmaschine an.

Und der Crash aus dem Jahr 2008 war die Verkettung der amerikanischen Häuserspekulation mit betrügerischen Hypotheken, falschen Entscheidungen unfähiger Banker und dem Knockout der Investmentbank Lehman Brothers.

Diese kleine Aufzählung zeigt, dass es bei Aktien - abgesehen von der Jahrtausendwende und vom schwarzen Börsenjahr 2008 - auch außerhalb des ersten Quartals zu einschneidenden Kursänderungen kommen kann. Daraus folgt: Bemühen Sie Ihre ganze Phantasie, um auf die hier genannten wie auch auf andere Varianten der Kursentwicklung gefasst zu sein. Um Albert Einstein zu zitieren: "Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt."

Und was bedeutet Phantasie in Bezug auf die Preise von Gold und Silber? Zunächst, dass das erwähnte mögliche Goldpreisziel von 1600 Dollar im Lauf des Jahres natürlich über- wie auch unterschritten werden kann. Es leitet sich im vorliegenden Fall ja überwiegend von der erwarteten Inflation ab; die ist äußerst dynamisch aufwärts gerichtet. Von daher gesehen und im Hinblick auf die kommende Entwicklung der Weltwirtschaft spricht jedenfalls viel mehr für als gegen Gold und Silber.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

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