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Höchste Zeit für wichtige Denkanstöße

11.03.2018  |  Manfred Gburek
Der Berg kreißte - und gebar eine Maus: Die EZB will ihre umstrittenen Anleihekäufe bezüglich Umfang und/oder Dauer im Zweifel nicht mehr ausweiten, ließ ihr Chef Mario Draghi am vergangenen Donnerstag verlauten. Allerdings konnte er sich nicht durchringen, die umstrittene Verbindung der Anleihekäufe mit dem Inflationsziel von etwas unter 2 Prozent zu kappen, eine Verbindung, die jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Kurzum, der Berg wird noch eine Weile weiter kreißen.

Über die wahren Hintergründe hat sich zuletzt der liberale Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabl in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung besonders kluge Gedanken gemacht, und die sind wahrlich nicht ohne:

"Die EZB hat die Zinsen auf null gesenkt und seit März 2015 Anleihen im Gegenwert von bald 2,55 Billionen Euro gekauft, ohne dass die Inflation merklich gestiegen ist. Der Konsumentenpreisindex, an dem sich die EZB orientiert, reagiert schon lange nicht mehr auf die Geldpolitik. Für mich ist das Inflationsziel nur ein Feigenblatt für eine versteckte Staatsfinanzierung durch die Zentralbank, die in den EU-Verträgen verboten ist. Die Notenbanken fegen lieber die Scherben zusammen, nachdem eine Blase geplatzt ist. Sie gelten dann als Retter in der Not, obwohl sie mit noch mehr billigem Geld den Nährboden für neue Übertreibungen und Krisen sähen."

Über die weiteren Konsequenzen sollten wir uns nicht wundern. Dazu nochmals Schnabl: "Zudem gehe ich davon aus, dass die Politiker in ganz Europa, einschließlich Deutschland, die positiven Effekte des billigen Geldes - sei es über stark reduzierte Zinsaufwendungen für Schulden oder aufgeblasene Steuereinnahmen - gerne in Kauf nehmen. Wenn der Zins bei nahe null steht, werden auch Projekte finanziert, bei denen geringe Renditen erwartet werden. Wenn die EZB ihre Bestände an Staatsanleihen reduziert, dann werden die Staatshaushalte aller Mitgliedsstaaten durcheinandergewirbelt. Die Eurozone wird ins Wanken geraten."

Leider nicht allein die Eurozone. Ist Ihnen aufgefallen, wie seit einiger Zeit auf globaler Ebene wahre Übernahmeschlachten stattfinden, überwiegend finanziert mit immer höheren Schulden? Da machen deutsche Konzerne wie Siemens oder Linde riesige Sprünge über den Atlantik, und der bis zuletzt eher nur Insidern bekannte chinesische Autokonzern Geely ist, nachdem er sich schon vor Jahren Volvo einverleibt hat, plötzlich Daimler-Großaktionär. Wie lange die Schlachten stattfinden werden, bleibt derweil offen. Fest steht indes, dass sie aufhören werden wie Ende der 60er Jahre der Konglomerate-Wahnsinn oder drei Jahrzehnte später der Hightech-Kollaps. Die sprichwörtliche Uhr tickt bereits.

Das Ticken ist zwar unüberhörbar, aber Politiker, Konzernlenker und sogar viele Notenbanker halten die Ohren lieber zu, um ja nicht als Spielverderber dazustehen. „Die niedrigen Zinsen schaffen eine Art Tragfähigkeitsillusion, zum Beispiel bei den öffentlichen Finanzen“, meint Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. "Vor diesem Hintergrund stimmt es mich sehr nachdenklich, dass viele Finanzminister die Einsparungen aus den niedrigen Zinsen und der günstigen Konjunkturentwicklung nicht entschlossen dafür verwenden, die Staatsfinanzen auf eine längerfristig solide Basis zu stellen."

Die Folgen sind bereits dort zu spüren, wo sie besonders wehtun: bei Banken und Sparkassen. Diese gehören - neben den traditionellen Sparern - zu den Opfern niedriger Zinsen, weil ihre Margen im Zinsgeschäft geschrumpft sind. Und: Sollte es zu einem abrupten Zinsanstieg kommen, "drückt das die Erträge der Banken besonders stark", sagt Weidmann. Das sei das Ergebnis einer Umfrage im vergangenen Jahr.

Bank- und Sparkassenkunden sollten jetzt besonders darauf achten, was ihr Institut ihnen zumutet. Denn das Kostensenken, Rationalisieren und Ausschöpfen von Ertragspotenzialen mittels Gebühren und Provisionen durch die Geldhäuser geht in die nächste, die entscheidende Runde. Das heißt, dass beispielsweise Kreditzinsen auf einmal steigen, weil sich dies oder das an der Kundenbonität geändert habe. Oder dass Geldautomaten aus dem Verkehr gezogen werden. Oder dass als Anlageberater verkappte Verkäufer mit flotten Sprüchen ihre Kunden dazu bewegen, zwecks Altersvorsorge eine undurchschaubare Fondsmixtur zu kaufen.

Anleger sollten jetzt mehr und mehr auch auf die politische Großwetterlage achten, weil von ihr entscheidende Umbrüche zu erwarten sind. Heinz-Werner Rapp, Leiter des Feri Cognitive Finance Institute, begründet diese Entwicklung wie folgt: "Populismus und populistische Politik sind weltweit auf dem Vormarsch. Ursächlich sind massive Enttäuschung und Verbitterung breiter Bevölkerungsschichten in westlichen Industrieländern." Dahinter stecken laut Rapp neben ökonomischen Fehlentwicklungen vor allem politische Versäumnisse der vergangenen Jahre.

Daraus folgt für Anleger: Sie müssen nicht nur auf abrupte Umbrüche in der Wirtschaft vorbereitet sein, wie etwa in der Autoindustrie beim zu erwartenden Umstieg von Verbrennern auf Stromer, sondern auch auf politische Zickzack-Kurse, die sich dann wiederum auf die Geldanlage auswirken. Zum Beispiel in Form von höherer Volatilität, also Schwankungsstärke, an den Börsen. Insofern kann der zuletzt entfachte transatlantische Streit über Zölle durchaus den Beginn eines neuen Wirtschaftskriegs markieren.

Die Aktienkurse haben an den führenden Börsen ein so hohes Niveau erreicht, dass nach dem Flash Crash vom Februar weitere Turbulenzen zu erwarten sind. Anleihekurse sind zwar schon gefallen, aber in Anbetracht der internationalen Schuldenorgie längst noch nicht genug. Gewerbe- und Wohnimmobilien haben mehrere Jahre lang von fallenden Zinsen profitiert, doch damit ist jetzt Schluss. Da fragt man sich, was überhaupt noch gehen könnte - und stößt zwangsläufig auf Edelmetalle und Rohstoffe.

Dazu haben sich zuletzt zwei renommierte Minen-Chefs geäußert, Pierre Lassonde von Franco-Nevada und Rob McEwen von McEwen Mining. Lassonde meint, der aktuelle Goldpreis sei angemessen. Die Minen hätten in den vergangenen Jahren ihre Hausaufgaben gemacht. Allerdings fehle noch das Interesse der Anleger, die auf einen Impuls warten, um in Minen zu investieren.

McEwen ist da etwas freundlicher gestimmt. Er meint, Edelmetalle und Rohstoffe seien aktuell besonders günstig, Aktien dagegen viel zu hoch bewertet. Er begründet seine Meinung mit dem Verhältnis der Börsenwerte von amerikanischen Aktien und von Rohstoffen. Sein Fazit: Dieses Verhältnis sei für Rohstoffe so günstig wie seit 45 Jahren nicht mehr.

Damit sei es für heute genug an Denkanstößen, von Anleihekäufen der EZB über Bankenprobleme und Populismus bis zu Aktien, Edelmetallen und Rohstoffen. In einer Woche werden weitere Denkanstöße folgen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei gburek.eu: Finanzaufsicht auf Abwegen


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