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Die alte und die neue Rolle des Goldes

01.04.2018  |  Manfred Gburek
EZB-Präsident Mario Draghi wirkt in letzter Zeit recht verstört. Da schwadroniert er zum Beispiel mit dem Satz, die Bilanzen der Banken im Euroraum seien hinreichend gegen Risiken abgesichert - um daraus im selben Atemzug das Fazit zu ziehen, deshalb solle die Einlagensicherung vergemeinschaftet werden. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, bleibt Draghis Geheimnis. Oder er sagt einfach voraus, Wertpapierkäufe durch die EZB mitsamt Niedrigzinsen seien noch so lange erforderlich, bis das Inflationsziel von annähernd 2 Prozent in greifbare Nähe rücke. Auch diesbezüglich hat das eine kaum etwas mit dem anderen zu tun.

Was macht den EZB-Präsidenten so nervös, dass er es an Logik fehlen lässt? Zunächst sicherlich die hohe Verschuldung Italiens: rund 130 Prozent der Wirtschaftsleistung, entsprechend knapp einem Viertel aller Staatsschulden im Euroraum. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, gibt es noch ein weiteres, kaum lösbares Problem: Italiens Banken sind in großem Umfang mit dem Staat verfilzt.

Würde Draghi die Wertpapierkäufe herunterfahren und riskieren, dass die Zinsen steigen, bestünde die Gefahr, dass Italien pleite ginge. Dann käme es wahrscheinlich zum Austritt des Landes aus der Eurozone und damit zur nächsten Eurokrise. Von daher gesehen ist Draghis Plädoyer zugunsten einer gemeinschaftlichen Einlagensicherung ein weiterer Versuch, vor allem Deutschland zur Kasse zu bitten.

Die EU-Kommission hält Kredite allein in der Eurozone bis zu 760 Milliarden Euro für faul - und kann so gut wie nichts dagegen unternehmen. Das liegt unter anderem an einem Trick, den Banken besonders gern anwenden: Faule Kredite werden nicht entsorgt, sondern verlängert. Auf diese Weise entstehen Kreditblasen zugunsten maroder Schuldner und dementsprechend zulasten der Gläubiger - bis sie eines Tages platzen.

Alternativen? Es gibt eigentlich nur eine, und für die will weder die EZB noch die EU-Kommission noch irgendeine Regierung geradestehen: Faule Kredite in großem Umfang abschreiben. Käme es dazu, dürfte umgehend die nächste Finanzkrise folgen. Also werden Kredite weiter aufgeblasen, und man hofft auf ein Wunder. Das wird sich natürlich nicht einstellen. Wir haben es also mit einer zu erwartenden Entwicklung zu tun, von der wir allein wissen, dass sie kommen wird, aber nicht, unter welchen Umständen und wann.

Was auf der einen Seite die vergebenen Kredite, sind auf der anderen Seite die ihnen entsprechenden Schulden. Insofern ist das, was sich gerade im Finanzsektor des Euroraums abspielt, ein Teil der globalen Schuldenkrise. Wie es um die steht, hat vor einem Monat die OECD in einer umfangreichen Studie veröffentlicht. So sind die Staatsschulden der entwickelten Länder in den vergangenen zehn Jahren von 25 auf 45 Billionen Dollar gestiegen.

Rechnet man alle globalen Schulden zusammen, also zusätzlich zu den Staatsschulden der entwickelten Länder auch die der übrigen Länder, der Banken, Unternehmen und privaten Haushalte, landen wir bei 233 Billionen Dollar. Das ist eine Schuldenquote von 318 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung; vor zehn Jahren waren es erst 280 Prozent. Insofern relativiert sich sogar die die Schuldenquote Italiens in Höhe von 130 Prozent.

Wie kann man sich eine Lösung des Schuldenproblems vorstellen? Die Währungsgeschichte ist reich an Beispielen, und sie hat auffallend oft mit Gold zu tun. Hier folgen einige Beispiele aus dem 20. Jahrhundert.

  • 1923: Die deutsche Hyperinflation erreicht ihren Höhepunkt.

  • 1925 bis 1928: Nacheinander führen Großbritannien, Italien und Frankreich den zuvor abgeschafften Goldstandard wieder ein.

  • 1933: Die USA geben die Goldparität und -einlösungspflicht auf. 1934: Die USA setzen die neue Goldparität auf 35 Dollar je Feinunze fest; das entspricht einer dramatischen Dollar-Abwertung.

  • 1935 bis 1938: Mehrere Länder geben den Goldstandard erneut auf; der Abwertungswettlauf erreicht den Höhepunkt.

  • 1944: Im amerikanischen Bergnest Bretton Woods wird der Gold-Devisen-Standard aus der Taufe gehoben.

  • 1948: Die Deutsche Mark ersetzt die Reichsmark; vor allem Gläubiger, etwa Sparer aller Art, verlieren den Großteil ihres Vermögens.

  • 1961: Die D-Mark wird aufgewertet bzw. der Dollar abgewertet. Der Goldpool wird gegründet, er soll unter anderem den Goldpreis deckeln, überlebt aber gerade mal sieben Jahre.

  • 1971: Die USA rücken kein Gold mehr gegen Dollar raus; der Gold-Devisen-Standard geht in ein ständiges Auf und Ab der Währungen über, das bis heute anhält.

Wie all diese Beispiele zeigen, besteht die Währungsgeschichte aus einer permanenten Abfolge von Geld- und Gold-Experimenten. Wobei allerdings unterschieden werden muss: Geld ist im Lauf der Zeit beliebig manipulierbar und vermehrbar. Dagegen kann sich das nur begrenzt verfügbare Gold der Manipulation durch Regierungen und Notenbanken entziehen - auch wenn der Entzug, wie im Fall des Goldpools, sieben Jahre auf sich warten lässt.

Die Rolle des Goldes in der Währungsgeschichte des 20. Jahrhunderts war, wie die erwähnten Beispiele belegen, nicht zu unterschätzen. Aber was bedeutet das im Hinblick auf die nächsten Jahre? Den Ausgangspunkt bildet das von der OECD treffend beschriebene, durch Zahlen untermauerte Schuldenchaos. Aus ihm gibt es kein Entrinnen.

Schulden vor sich her zu schieben, zumal weltweit, kann keine Lösung sein. Doch ausgerechnet das findet seit Jahren statt. Das heißt, die für das Währungssystem zuständigen Regierungen und Notenbanken klammern sich an die trügerische Hoffnung, irgendwie werde es schon weiter gehen. Derweil tüfteln wenigstens einige Denkfabriken an möglichen Lösungen herum. Eine davon: Gold als als Basis des Vertrauens in ein goldgedecktes Währungssystem. Eine weitere: ein Korb aus Edelmetallen und Rohstoffen in derselben Funktion.

Solche Überlegungen sind nicht gerade neu. Allerdings: Früher wurden sie sofort wieder verworfen, dagegen werden sie heute ernsthaft in Erwägung gezogen. Das Problem: Während etwa bis zur Jahrtausendwende die USA als Hegemon sowohl politisch als auch währungstechnisch schalten und walten konnten, wie sie wollten, haben sie es jetzt mit China als neuer Wirtschaftsmacht zu tun. Ein Währungssystem, das diesen Namen verdient, ist folglich ohne China - einschließlich noch so mancher anderer Staaten, man denke nur Indien und Russland, aber auch an die Europäische Union - kaum vorstellbar.

Fazit: Solange die Interessen der für ein denkbares neues Währungssystem maßgebenden Staaten weit auseinander gehen, ist an ein solches System nicht zu denken. Daraus folgt: Die globalen Schulden werden noch mehr aufgeblasen, und man klammert sich immer weiter an die trügerische Hoffnung, es werde irgendwie gut gehen. Wird es aber nicht. Das spricht für Gold, von dem man als Anleger jetzt nicht genug auf der sprichwörtlichen hohen Kante haben kann. Oder in Abwandlung eines populären Spruchs: Zeit ist Gold. Frohe Ostern!


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei gburek.eu: Was Anleger aus radikalen Umbrüchen lernen können


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