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Sparer finanzieren Ökologen - ohne es zu wissen

13.10.2019  |  Manfred Gburek
Wundern Sie sich nicht, wenn die Medien schon bald diese Botschaft verkünden werden: Die Steuerbehörden der Eurozone sorgen anstelle der EZB dafür, dass die Konjunktur in Schwung kommt. Im Finanzjargon heißt es dann: Die Geldpolitik wird von der Fiskalpolitik abgelöst.

Oder in der Langfassung: Nachdem der EZB-Rat unter der Führung seines Ende Oktober aus dem Amt scheidenden Präsidenten Mario Draghi den Kauf von mehr Anleihen freigegeben hat, steht der Fiskalunion und damit einem gemeinsamen Haushalt der Euroländer nichts mehr im Weg. Das bedeutet unter anderem: Von dem schönen Überschuss des Bundeshaushalts über 45 Milliarden Euro allein im ersten Halbjahr 2019 können zumindest Teile in absehbarer Zeit auf verschlungenen Pfaden in den gemeinsamen Eurotopf fließen.

Noch ist es allerdings nicht so weit. Das heißt, die Eurogruppe hat in der vergangenen Woche erst beschlossen, den gemeinsamen Haushalt der 19 Euroländer von 2021 an mit vergleichsweise bescheidenen 17 Milliarden Euro auszustatten. Doch der Anfang ist gemacht, die Luft nach oben ist gewaltig. Dass der große Spielraum einstweilen nicht genutzt, sondern nur ins Auge gefasst wird, ist im Wesentlichen auf die unterschiedlichen Interessen Frankreichs und der Niederlande zurückzuführen. Die können indes durch einen Kompromiss bereinigt werden. Deutschland hat sich schon zur Vermittlung bereit erklärt.

Die Frage, die sich nun aufdrängt: Warum wird die deutsche Öffentlichkeit von der Bundesregierung über die anstehenden Griffe in die deutsche Staatskasse nicht richtig informiert? Liest denn im Berliner Politbetrieb nicht jemand wenigstens die Financial Times? Schon in deren Ausgabe vom 30. September ließ Draghi sich mit dem Satz zitieren: "We need a common eurozone budget."

Ein gemeinsamer Eurozonen-Haushalt wird also nicht allein von Schuldnerländern wie Frankreich oder Italien gefordert, sondern auch vom scheidenden EZB-Präsidenten. Der bestimmt zwar nicht unmittelbar über die Fiskalpolitik der Eurozone, aber durch den jetzt beschlossenen massiven Kauf von Anleihen auf jeden Fall mittelbar. Sozusagen als Abschiedsgeschenk für seine Nachfolgerin Christine Lagarde, die sich deshalb bis auf Weiteres anderen Aufgaben widmen kann.

Der Anleihenkauf wird gewaltige Dimensionen annehmen: Von November an jeden Monat 20 Milliarden Euro, darunter in erster Linie der Erwerb von Staatsanleihen, zeitlich nicht limitiert, eine Gelddruckmaschine sondergleichen - Ende offen, denn beschlossen ist ebenfalls, dass die Kaufaktion erst dann zum Stillstand kommen soll, wenn eine Zinserhöhung ansteht.

Das ist wahrlich ein raffinierter Plan. Doch was bedeutet er? Angenommen, es ist soweit, der Leitzins soll erhöht werden. Dann drängt sich die Frage auf: Warum? Als Anlass kommt am ehesten infrage: Die Konjunktur brummt und die Inflation beginnt zu steigen; die Reihenfolge ist auch umgekehrt denkbar. Eine solche Konstellation erinnert an die 50er und an die 70er Jahre. Denn in beiden Phasen waren die Realzinsen, also Nominalzinsen abzüglich Inflation, negativ. Die 50er Jahre brachten einen Bauboom sondergleichen mit sich, die 70er Jahre eine Gold-, Silber- und Rohstoffhausse. Die Aktienkurse brachen zwei Mal massiv ein, 1970 und 1974, Wiederholung in späteren Jahren - etwa von 2013 an - wahrscheinlich.

Wie hat eigentlich Jens Weidmann, Bundesbank-Präsident und Mitglied des EZB-Rats, auf Draghis Vorstöße reagiert? Stinksauer, aber ohne sich im EZB-Rat durchsetzen zu können. Hier sind zwei von seinen zahlreichen Reaktionen: "Das Ziel der Preisstabilität der Fiskalpolitik zu übertragen und dieser die Geldpolitik unterzuordnen, würde der Gesellschaft einen Bärendienst erweisen." Und: "Mittlerweile versucht die Politik in etlichen Ländern immer stärker die Geldpolitik zu beeinflussen und für andere Zwecke als die Sicherung der Preisstabilität einzuspannen, zum Beispiel, indem explizit gefordert wird, Investitionen zum ökologischen Umbau der Wirtschaft über die Geldpolitik zu finanzieren."

Das ist ein besonders interessanter Aspekt. Denn er offenbart, dass unzählige deutsche Sparer, bedingt durch Null- und Negativzinsen, mit ihrem Geld auf dem Umweg über die EZB und demnächst über einen noch zu bildenden größeren Haushalt der Eurozone den ökologischen Umbau finanzieren. So erscheint die ganze Energiewende mitsamt davonlaufenden Strompreisen, E-Autos und Schuleschwänzen an Freitagen in einem von der breiten Öffentlichkeit noch nicht hinreichend wahrgenommenen Licht.

Dieses Szenario wird von Entwicklungen überlagert, die wir schon seit vielen Monaten, zum Teil sogar seit Jahren beobachten, wie Handelskrieg, Affären des amerikanischen Präsidenten, Brexit, aus Afrika und Nahost nach Europa strömende Migranten und Unfähigkeit der Brüsseler Bürokratie unter Führung durch Ursula von der Leyen, Probleme wie die Fehlbesetzung wichtiger Posten oder Alleingänge von EU-Ländern wie Ungarn oder Polen einvernehmlich zu lösen.

Je nachdem, ob Anleger in alldem eine Bedrohung sehen oder ob sie wegen der lockeren Geldpolitik und demnächst auch Fiskalpolitik optimistisch gestimmt sind, greifen sie bei Anleihen, Aktien, Immobilien und Edelmetallen mal zu, mal nicht. Dabei zeichnen sich zwei interessante Entwicklungen ab: eine bei Aktien, die andere bei Edelmetallen. Man müsste schon blind sein, um nicht zu erkennen, dass auch internationale Investoren ihre Strategie voll auf ökologische Anlagen ausrichten.

Und was die Edelmetalle betrifft: Die fast täglich zu beobachtenden kurzfristigen Angriffe auf ihre Preise hinterlassen zwar jeweils für eine kurze Zeit Preiseinbrüche, aber die jeweils danach steigenden Kurse der in den Indizes XAU und HUI enthaltenen Minenaktien läuten meistens eine Gegenbewegung ein (Ausnahme: der vergangene Freitag). Anleger sollten bei diesem Hin und Her alle Schwankungen aussitzen und die Nerven bewahren.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei gburek.eu: Umgang mit Vermögen


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