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Die grüne Finanzblase

26.01.2020  |  Manfred Gburek
Nach der Kür mit der "Klimahysterie" als Unwort des Jahres und vor dem Eindringen von Greta Thunberg ins Weltwirtschaftsforum von Davos hat sich auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), oft Zentralbank der Zentralbanken genannt, zusammen mit der französischen Notenbank dem Klimathema gewidmet: durch das Buch "The Green Swan".

Der grüne Schwan soll allerdings kein Tribut an das Federvieh sein, sondern nach Büchern wie "Der Schwarze Schwan" oder "Wenn schwarze Schwäne Junge kriegen“ symbolisch für ein extrem unwahrscheinliches Ereignis stehen, das aber als böse Überraschung eintreten kann, und zwar mit verheerenden Folgen für die ganze Welt. Eine von vielen auf den Punkt treffenden BIZ-Aussagen in Anspielung auf die internationale Finanzkrise vor gut elf Jahren lautet: "Die Zentralbanken werden die Welt nicht wieder retten."

Die Begründung leuchtet ein: Allein in den vergangenen vier Jahrzehnten haben sich die Fälle von Extremwetter rund um den Globus vervierfacht. Entsprechende finanzielle Verluste seien aktuell in den USA nur noch zu 44 Prozent gedeckt, in Asien zu 8 Prozent und in Afrika zu 3 Prozent. Zur Abhilfe müssten Zentralbanken und Regierungen viel enger als bisher zusammenarbeiten. Und weil die Finanzaufseher sich weitgehend auf nutzlose Daten aus der Vergangenheit stützen, müssten sie ihre ganze Regulierung neu ausrichten.

Doch was tut sich stattdessen? Ein Blick in die reale Finanzwelt offenbart nichts Gutes: Derzeit überwiegt das Experimentieren mit sogenannten grünen oder nachhaltigen Geldanlagen, nicht zuletzt propagiert von der EZB - wie zuletzt am vergangenen Donnerstag - und flankiert von der EU-Kommission. Wobei die Taxonomie (Systemeinordnung) von mehr oder weniger grünen bzw. nachhaltigen oder ökologischen Aktien, Anleihen, Fonds und so weiter unberechtigt in den Vordergrund rückt - unberechtigt, weil jede Art von Klima-Taxonomie willkürlich ist.

Dazu merkt der Schweizer Unternehmensberater Frank Wettlauffer an: "Politiker nutzen die Förderung nachhaltiger Kapitalanlagen als Feigenblatt, um die harte Regulierung der Realwirtschaft zu vermeiden." Treibe die Politik damit Anleger in unwirtschaftliche Projekte, drohe "eine grüne Finanzblase".

Wie kann man sich das vorstellen? Ein aktuelles Beispiel: Black Rock, größter Vermögensverwalter der Welt, macht sich fürs Klima stark. Seine Konkurrenten folgen ihm - nach dem Motto: Wenn so ein Billionen Dollar schwerer Finanzkonzern beim Klimawandel mitmischt, muss ja etwas dran sein. Folglich stürzen sich immer mehr Groß- und danach auch Kleinanleger auf alles, was Öko ist oder zumindest sein könnte.

Es wäre zwar verfehlt, bereits jetzt Vergleiche mit früheren Übertreibungsphasen an der Börse zu ziehen, wie sie etwa den Neuen Markt und die Nasdaq Ende der 90er Jahre dominierten. Denn anders als seinerzeit haben wir es jetzt beim Klimawandel nicht mit einer technologiegetriebenen Kasino-Atmosphäre, sondern mit einer globalen Bedrohung zu tun. Aber allein schon die willkürliche Taxonomie lässt viel Spielraum für Kursmanipulationen offen.

Ein weiteres Beispiel: Aus einer aktuellen Studie der auf Fonds spezialisierten Ratingagentur Morningstar geht hervor, dass die Nettozuflüsse in nachhaltige Fonds sich 2019 mit 21 Milliarden Dollar nahezu vervierfacht haben. Das Vermögen der 300 von Morningstar befragten Fonds ist 2019 um 54 Prozent auf 137 Milliarden Dollar gestiegen. Angesichts des wachsenden Interesses am nachhaltigen Investieren, insbesondere bei jüngeren Anlegern, könnten die Rekordzuflüsse von 2019 "die Spitze einer großen Welle an Vermögenswerten" sein, heißt es bei Morningstar.

Die Frage, die sich hier aufdrängt: Gibt es weltweit überhaupt genug Aktien, Anleihen und sonstige Wertpapiere, um den Bedarf der Fonds, Pensionskassen und sonstigen institutionellen Anleger zu decken? Darauf hat niemand eine Antwort parat. Wie denn auch? Bekanntlich gibt es einen ESG-Standard für nachhaltige Anlagen (E = Environment, S = Social, G = Governance). Von diesen drei Kriterien steht genaugenommen nur E für Nachhaltigkeit. Dagegen verbirgt sich hinter S zum Beispiel auch der Kampf gegen Armut in Entwicklungsländern oder hinter G der faire Umgang von Firmenchefs mit ihren Angestellten.

Das alles unter einen Hut zu bringen, ist schier unmöglich. Also lässt ESG Spielräume für die Aufweichung der Kriterien offen, die von institutionellen Anlegern genutzt werden. Um nur einen markanten Fall zu nennen, der zurzeit in Deutschland heiß diskutiert wird: die vermeintliche Nachhaltigkeit von Strom aus Atomkraftwerken. Es ist offenbar nur noch eine Frage der Zeit, bis Deutschland dem Beispiel von Frankreich und der Schweiz folgt, wo dieser Strom schon längst als nachhaltig gilt, und ihn ebenfalls für nachhaltig erklärt.

Volker Wieland, Mitglied des Sachverständigenrats, hat dazu schon Ende Dezember in der Börsen-Zeitung klare Kante gezeigt: "Wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht bläst, kaufen wir Atomstrom aus Frankreich oder Braunkohlestrom aus Polen hinzu. Das Beispiel Frankreich zeigt aber auch: Die Atomkraft birgt zwar große Risiken, aber in der Übergangsphase kann sie nützlich sein, um CO2-Emissionen zu reduzieren, solange erneuerbare Energien nicht ausreichend zur Verfügung stehen, um fossile Brennstoffe zu ersetzen."

So ein Nutzen hat seinen Preis: Abgesehen davon, dass der Strompreis dann eher von Frankreich und Polen als von Deutschland bestimmt würde, gäbe es "Anreize, energieintensive Produktion ins Ausland zu verschieben", meint Wieland und kommt zu einem Ergebnis, das der Bundesregierung alles andere als schmeichelt: "Wenn Deutschland zum Beispiel aus der Steinkohle aussteigt, werden EU-Emissionszertifikate frei, die dann etwa zur Kohleverstromung in einem anderen Land genutzt werden können. So werden dem deutschen Steuerzahler große Kosten aufgebürdet, ohne Emissionen zu reduzieren."

Fazit: Das Davoser Forum kann man bereits jetzt in erster Linie als Schaulaufen abtun. Der kommende grüne Schwan droht viel gefährlicher zu werden als der vergangene schwarze. Wer die Welt vor Schäden durch den Klimawandel bewahren soll, steht in den Sternen. Der Beitrag nachhaltiger Geldanlagen kann, falls überhaupt, bestenfalls marginal helfen. Die Manager entsprechender Fonds springen zwar reichlich auf den Klimazug, aber vor allem nach dem Motto: Dabei sein ist alles. Deutschland hat sich in puncto Strom von Ländern wie Frankreich und Polen abhängig gemacht. Die Quittung dafür zahlen die deutschen Steuerzahler.

Gibt es nicht wenigstens auch etwas Gutes zu berichten? Ja, gibt es: Hört man sich in bestimmten Berliner Kreisen um, die normalerweise das Gras wachsen hören, fällt auf: Hinter den Kulissen kursieren schon Gedankenspiele zum vorzeitige Ende der Großen Koalition. Was soll daran gut sein, die GroKo hat doch fleißig ein Vorhaben nach dem anderen auf den Weg gebracht? Ja, hat sie - aber auf dem Weg sind sie immer noch; und die ganz wichtigen Themen, wie Strom oder Rente, bleiben auf der Strecke.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

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