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Die EZB auf den Spuren der Reichsbank

17.07.2020  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
"It is no coincidence that the century of total war coincided with the century of central banking." - Ron Paul


Einleitung

Lassen Sie uns den Vortrag beginnen mit einem Zitat des österreichischen Öko-nomen Ludwig von Mises (1881-1973): "Wir sahen, daß eine Regierung sich immer dann genötigt sieht, zu inflationistischen Maßnahmen zu greifen, wenn sie den Weg der Anleihebegebung nicht zu betreten vermag und den der Besteuerung nicht zu betreten wagt, weil sie fürchten muß, die Zustimmung zu dem von ihr befolgten System zu verlieren, wenn sich seine finanziellen und allgemein wirtschaftlichen Folgen allzu schnell klar enthüllen.

So wird die Inflation zu dem wichtigsten psychologischen Hilfsmittel einer Wirtschaftspolitik, die ihre Folgen zu verschleiern sucht. Man kann sie in diesem Sinne als ein Werkzeug antidemokratischer Politik bezeichnen, da sie durch Irreführung der öffentlichen Meinung einem Regierungssystem, das bei offener Darlegung der Dinge keine Aussicht auf die Billigung durch das Volk hätte, den Fortbestand ermöglicht."


Vielleicht geht es Ihnen wie mir; als ich diese Worte las, dachte ich: Was für eine frappierende Parallele! Mises‘ Gedanken - die er vor fast 100 Jahren zu Papier brachte - könnten aktueller nicht sein. Mises formulierte sie im Januar 1923, nur wenige Monate bevor die Mark im Wirbelsturm der Hyperinflation zerstört wurde.

Wie kam es zu dieser Währungskatastrophe - dem Trauma der Deutschen? Und was ist aus dieser Episode zu lernen mit Blick auf den Euro? Was ist dran an der Einschätzung, dass die EZB auf den Spuren der Reichsbank wandele - wie mein Vortragstitel es suggeriert?


Reichsbank

Die Reichsbank mit Sitz in Berlin wird am 1. Januar 1876 gegründet. Sie dient dem Kaiserreich als Zentralbank. Seit dem 4. Dezember 1871 wird im Reich die Reichsgoldmünze geprägt mit der Recheneinheit “Mark”. Eine Mark entspricht 0,358423 Gramm Feingold. Der Reichsbank wird es per Gesetz erlaubt, Mark in Form von Banknoten auszugeben, und zwar "nach dem Bedürfnis ihres Verkehrs", wie es heißt. Ein Drittel der ausgegebenen Banknoten muss durch gültiges deutsches Geld (als Goldmünzen), Reichkassenscheine oder Gold in Barren oder ausländischen Münzen abgedeckt sein, die übrigen zwei Drittel durch diskontierte Wechsel und Schecks.

Die Reichsbank operiert folglich mit einer Teilreserve: Wenn es hart auf hart kommt, kann sie nicht alle von ihr ausgegebenen Noten wie versprochen in Gold vollumfänglich eintauschen. Das können übrigens auch die deutschen Geschäftsbanken nicht, denn auch sie operieren mit einer Teilreserve. Das Teilreservesystem führt immer wieder zu Bankenpleiten und Wirtschaftsstörungen. Doch nicht die Praxis der Teilreserve soll beendet werden, sondern man will eine Zentralbank als “Lender of Last Resort” errichten, um das Teilreserve-Bankwesen möglichst ungestört betreiben zu können.

Natürlich lässt sich das Gründungsmotiv der Reichsbank auch verklären, wie es vielfach geschieht unter Historikern: Die Zentralbank sei Ausdruck des Fortschrittes, der Schaffung eines transparenten geordneten Währungswesens im Reich, ein Projekt, das sogar getragen werde von liberalen Kräften. Entscheidend bei der Schaffung der Reichsbank ist aber das politische Machtkalkül: Das Kaiserreich will eine Zentralbank mit Banknoten-Monopol, denn wer das Geldwesen kontrolliert, der hat große Macht, das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben zu beeinflussen.


Erster Weltkrieg

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 wird die Goldeinlösbarkeit der Mark aufgehoben. Die Mark wird zur Papiermark. Das Reich finanziert die Kriegsausgaben zunächst mit Schulden - denn man hofft, Frankreich niederzuringen und es die Rechnung zahlen zu lassen. Die Staatschulden steigen von 5,1 Mrd. Mark in 1914 auf 105,3 Mrd. Mark in 1918 (ein Anstieg von 1.965 Prozent). Ab 1917 gibt die Reichsbank allerdings immer mehr neue Mark aus, die nicht durch Gold gedeckt sind: Die Geldmenge steigt von 5,9 Mrd. Mark auf 32,9 Mrd. Mark (ein Zuwachs von 458 Prozent).

In der Zeit von 1914 bis 1918 steigen die Großhandelspreise um 96 Prozent. (Um ein Beispiel zu geben, was das bedeutet: Eine Tasse Kaffee, die 1914 10 Pfennig gekostet hat, kostet nun 19,6 Pfennig.) Der Preis des US-Dollar in Mark gerechnet steigt um etwa 84 Prozent - das heißt also, für eine Mark bekommt man beinahe nur noch halb so viel US-Dollar wie vor dem Krieg. Wir sehen: Nicht der Krieg hat die Hyperinflation gebracht. Sie kam erst viel spä-ter, viele Jahre nach Kriegsende. Wie und warum, das will ich nun erläutern.


Weimarer Republik

Die Weimarer Republik, die per Revolution herbeigeführte Demokratie, lebt von Anfang an auf Pump, und die Reichsbank finanziert die Haushaltslöcher mit neu gedrucktem Geld.

Von Dezember 1919 bis Oktober 1922 steigt die Papiermark-Geldmenge von 68 auf 485 Mrd. Mark - ein Zuwachs von 613 Prozent in knapp drei Jahren (oder knapp 93 Prozent pro Jahr). Die politische Lage in der Republik dramatisiert sich, als Reichsaußenminister Walther Rathenau (1867-1922) am 24. Juni 1922 in Berlin ermordet wird. Schlagartig schwindet das internationale Vertrauen in die Weimarer Republik. Der Außenwert der Papiermark halbiert sich fast von Juni auf Juli 1922.

Als Ende desselben Jahres Deutschland beschuldigt wird, mit seinen Reparationen im Rückstand zu sein, beginnt die Lage zu eskalieren. Im Januar 1923 besetzen französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Reichskanzler Wilhelm Kuno ruft zum passiven Widerstand auf. Er verspricht, die Löhne der Arbeiter, Angestellten und Beamten mit neu gedrucktem Geld zu bezahlen.

Die Reichsbank gibt immer mehr Banknoten aus, um die Finanzierungswünsche der Reichsregierung zu erfüllen. Bald gibt es kein Halten mehr. Die Geldmenge und als Folge die Güterpreise steigen mit immer größeren Raten an. Aus hoher Inflation wird galoppierende Inflation, dann Hyperinflation, die ihren Hochpunkt im Herbst 1923 erreicht. (Eine allgemein akzeptierte Definition der Hyperinflation gibt es nicht. Häufig wird auf den Ökonomen Phillip D. Cagan verwiesen, der Hyperinflation mit Preissteigerungen von 50 Prozent pro Monat (Jahresrate von 12.900 Prozent) einstuft.) Die Entwicklung der Geldmenge und der Güterpreise wird schwindelerregend. Ein Albtraum für die breite Bevölkerung, der Elend und Verarmung bringt.

Die Hyperinflation kam nicht - und das sei hier betont - wie eine Naturkatastrophe über die Deutschen. Es waren nicht Reparationszahlungen oder Zahlungsbilanzprobleme, die die Hyperinflation ausgelöst haben. Nein, es war die Reichsbank, die die Hyperinflation erzeugte, indem sie für eine nicht enden wollende, sich immer weiter beschleunigende Geldmengenvermehrung gesorgt hatte.


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