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Die Inflation ist schon unterwegs

24.01.2021  |  Manfred Gburek
Von der breiten Öffentlichkeit unbeachtet kam es am 19. Januar zu einer Sensation am europäischen Anleihenmarkt: Der französische Staat besorgte sich dort mal eben 7 Milliarden Euro; er hätte sogar mehr als das Zehnfache haben können, so viel Nachfrage gab es. Der Deal gipfelte in der geplanten Laufzeit: gut 50 Jahre.

Was verheißt uns das? Ganz einfach: Staaten greifen zurzeit so tief wie möglich in den Schuldentopf, dabei machen es ihnen die kaum vorhandenen Zinsen besonders leicht. Große Konzerne folgen ihnen - allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie in ihren Geschäftsberichten viele Seiten lang auf Risiken hinweisen, während Staaten so tun, als seien sie über alle Zweifel an ihrer Bonität erhaben.

Dass gerade Frankreich auf den Fünf-Jahrzehnte-Langläufer setzt, wird umso verständlicher, je mehr man in das eine oder andere Detail geht. So sind zum Beispiel französische Großbanken als Kreditgeber besonders umfangreich in Italien engagiert. Da erscheint es opportun, ein Sicherheitsnetz zu spannen, das auch den Staat - in diesem Fall den französischen - einbezieht.

Oder nehmen wir ein übergeordnetes Motiv: Da Gemeinschaftsanleihen der Euroländer bereits eine ausgemachte Sache sind, ist es aus französischer Sicht naheliegend, auch den reichen Nachbarn Deutschland auf dem Umweg über solche Anleihen anzuzapfen, um den eigenen Banken etwas Gutes zukommen zu lassen und so das gerade wieder mal in einer Regierungskrise steckende Italien weiter zu stützen.

Das alles ist im Grunde nicht neu. Diesen Eindruck vermittelte auch EZB-Chefin Christine Lagarde bei der jüngsten Ratssitzung am vergangenen Donnerstag. Sie redete um den sprichwörtlichen heißen Brei herum, sodass am Ende die Erkenntnis übrig blieb: Viel über Finanzierungsrisiken (Lagardes aus dem Nichts geschöpfter Begriff) und die angeblich immer noch nicht anspringende Inflation schwadroniert, aber konkrete Schritte zur Geldpolitik in die Zukunft verschoben.

Zuletzt haben sich viele Anleger aus gegebenem Anlass gefragt, was es mit der Inflation wirklich auf sich hat. Während aus der EZB verlautet, bis auf Weiteres bleibe diesbezüglich alles beim Alten, sieht die Realität bereits ganz anders aus: Rohstoffpreise und Frachtraten gehen durch die Decke, Container werden zur Mangelware, und die Inflationserwartungen nehmen Fahrt auf. Wer es nicht glauben mag, sei auf die Preise von Kupfer, Nickel, Eisenerz und einer ganzen Reihe weiterer Rohstoffe verwiesen.

Mittlerweile müssen sogar Autokonzerne und ihre Zulieferer vorübergehend Werke schließen, weil wichtige Komponenten entweder irgendwo auf dem Ozean unterwegs sind oder erst noch über die sogenannte Seidenstraße zwischen China und Europa gefahren werden. Ein noch größeres Übel besteht darin, dass hier und da auf einmal die versprochenen Impfstoffe ausbleiben. Das bedeutet: Jeder ist sich selbst der Nächste, besonders während der jetzigen Pandemie.

Die Auswirkungen all dessen auf die kommende Inflation sind in ihrer Höhe nicht berechenbar. Gewiss ist allerdings, dass sie kaum noch zu stoppen sind. Dazu passt eine Grafik des Global Fund Manager Survey, die der Börsendienst www.wellenreiter-invest.de in der vergangenen Woche veröffentlicht hat. Ihr zufolge notieren die Inflationserwartungen auf einem Allzeithoch. Dazu sei ergänzend angemerkt, dass inflationsindexierte Bundesanleihen bereits aktuell auf Spitzenniveau notieren.

In den vergangenen Jahren hat das Thema Inflation kaum noch jemanden vom Hocker gerissen. Man vertraute überwiegend den offiziellen Daten - ungeachtet dessen, dass die sogenannte Asset Inflation (Anstieg der Aktien- und Anleihenkurse, der Immobilien- und Edelmetallpreise) die Geldentwertung widergespiegelt hat, nur halt unter anderen als den üblichen Vorzeichen. Man muss sich übrigens fragen, warum Immobilien in der Inflationsrate für Deutschland wie auch für die Eurozone ebenso unterrepräsentiert sind wie Aktien. Über die passende Antwort diskutieren Volkswirte zwar immer wieder von Neuem, aber bisher ohne Erfolg.

Einer, der sich wenigstens die Mühe gemacht hat, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, ist der in den 60er Jahren aktiv gewesene Volkswirtschafts-Professor Günter Schmölders. Für ihn stand ein Begriff besonders im Mittelpunkt: Geldillusion. Zitat: "Die Geldillusion ist nichts anderes als der Glaube der Bürger der Währungsgemeinschaft an ihr Geld. Die Geldillusion unterliegt, wie alle anderen sozialpsychischen Phänomene, nicht linearen quantitativen Gesetzmäßigkeiten, sondern den biologischen Gesetzen der Reizschwelle."

Die Kernfrage, die sich dazu aus aktueller Sicht aufdrängt: Liegt eine solche Reizschwelle im Hinblick auf die Inflation schon hinter uns oder noch vor uns? Da es hier um ein quantitativ nicht zu erfassendes Phänomen geht, sind wir auf bestimmte Indikatoren angewiesen, die uns der Antwort näher bringen - womit wir wieder bei steigenden Rohstoffpreisen und Frachtraten, Lieferengpässen in der Autoindustrie und bei der Asset Inflation angelangt sind.

Viel spricht dafür, dass es zu der hier beschriebenen Entwicklung kommen wird. Also heißt es jetzt: Vor allem Zwischentöne in wirtschaftsrelevanten Medien verfolgen, mehr auf das Sentiment in Sachen Geld als auf nackte Zahlen achten, den eingangs skizzierten Anleihenmarkt ins Visier nehmen und im Zuge der Geldillusion auf Gold und Silber setzen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei www.gburek.eu: Tückische Informationsflut


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