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Globales Helikoptergeld: IWF schafft 650 Mrd. USD neue "SDR"

28.08.2021  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Die Aufstockung der Sonderziehungsrechte (SDR) des IWF kann man als eine Ausweitung von "globalem Helikoptergeld" interpretieren.

In der Öffentlichkeit wurde nicht viel Aufhebens gemacht, als bekannt wurde, dass der Gouverneursausschuss des Internationalen Währungsfonds (IWF) am 2. August 2021 beschlossen hatte, die Sonderziehungsrechte (englisch: Special Drawing Rights (SDR)) um 650 Mrd. US-Dollar aufzustocken und an die 190 Mitgliedsländer des IWF entsprechend ihren Quoten (die den Kapitalanteil eines Mitgliedlandes am IWF beziffern) zu verteilen. Die Länder der G7 erhalten SDR im Betrag von 280 Mrd. US-Dollar, 230 Mrd. US-Dollar erhalten die aufstrebenden Volkswirtschaften. Es war die bislang größte Aufstockung der SDR.

Der IWF finanziert sich durch Beiträge, die ihm von seinen Mitgliedsländern bereitgestellt werden, und die diese als Währungsreserven ausweisen können. Benötigt ein Land Fremdwährungen, weil es Zahlungsbilanzprobleme hat, kann es sich an den IWF wenden, der dann die Rolle eines "Vermittlers" einnimmt. Er gewährt dem Land den benötigten Fremdwährungsbetrag, und das Nehmerland überträgt dafür im Gegenzug den entsprechenden Betrag in eigener Währung an den IWF.

Wenn das Land den Fremdwährungsbetrag am Laufzeitende zurückzahlen muss, dann wird "zurückgetauscht": Das Land erhält seine eigene Währung vom IMF gegen Hingab des Fremdwährungsbetrages zurück. Während der Laufzeit der IWF-Finanzhilfe muss das Nehmerland eigene Währungsbeträge nachschießen, wenn die Währung gegenüber der Fremdwährung abwertet. Dadurch wird ein möglicher Verlust in der Bilanz des IWF vermieden. Der IWF stellt für derartige Finanzhilfen keine Zinsen, sondern nur Gebühren (die unabhängig sind vom Kreditrisiko des Schuldners) in Rechnung.

Die wichtige Frage an dieser Stelle ist nun: Woher kommen die Fremdwährungsbeträge, die der IWF bereitstellt? Bei einer entsprechenden Anfrage eines Landes nach, sagen wir, US-Dollar oder Euro, wendet sich der IWF an seine Mitgliedsländer (beispielsweise an die Vereinigten Staaten von Amerika oder an Deutschland) mit der Aufforderung, einen entsprechenden Betrag bereitzustellen.

In dem Fall beispielsweise, in dem ein Land US-Dollar wünscht und der IWF sich an die USA wendet, stellt die US-Zentralbank den gewünschten US-Dollar-Betrag zur Verfügung. Dann wird der US-Dollar-Betrag sprichwörtlich "aus dem Nichts" neu geschaffen; es handelt sich so gesehen um neues Geld, das quasi aus einem Helikopter abgeworfen und in die Weltwirtschaft eingespeist wird (man kann daher die SDR durchaus als "globales Helikoptergeld" bezeichnen).

Denkbar ist allerdings auch, dass eine Zentralbank Teile ihrer Fremdwährungsreserven am Markt verkauft und den erlösten Geldbetrag an den IWF überweist. Nehmen wir an, der IWF fordert die Deutsche Bundesbank auf, US-Dollar bereitzustellen. Die Bundesbank kann US-Dollar selbst nicht schaffen, sie kann aber Teile ihrer US-Staatsanleihen am Kapitalmarkt verkaufen. Die auf diesem Wege erhaltenen US-Dollar überweist sie dann an den IWF. Diese Transaktion verändert die ausstehende US-Dollar-Geldmenge nicht. Würde der IWF hingegen die Bundesbank anfragen, einen Euro-Betrag bereitzustellen, so könnte die Bundesbank diese "aus dem Nichts" selbst schaffen.

In Notsituationen, in denen viele Länder in Finanzprobleme geraten, und in der die Nachfrage nach den großen Währungen US-Dollar, Euro & Co steigt, ist allerdings fraglich, ob der Verkauf von Währungsreserven durch die Zentralbanken in größerem Umfang überhaupt möglich und gangbar ist. Denn ein zusätzlicher Verkaufsdruck in den Kreditmärkten würde absehbar die Krisenlage noch verschärfen. So gesehen würde man von Seiten des IWF vermutlich gerade in Krisenzeiten auf diejenigen Länder zugehen, die den gewünschten (Fremd-)Währungsbetrag selber ("aus dem Nichts") produzieren können.

Die SDR sind zwar kein Geld. Sie stellen jedoch, wie bereits gesagt, einen Anspruch auf US-Dollar, Euro & Co dar. So gesehen kann die Aufstockung der SDR auch als eine Art Ausweitung von "globalem Helikoptergeld" interpretiert werden. In jedem Fall zeigt die Ausgabe von neuen SDR, dass man weltweit weiterhin - und vermutlich stärker denn je - auf die Ausgabe von neuem Geld setzt, um Krisen zu verhindern, beziehungsweise wenn sie entstehen, sie mit Ausgabe von neuem Geld in den Griff bekommen will; das ist ein geradezu sicherer Weg in die Inflationierung.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


Literatur: Deutsche Bundesbank, Der internationale Währungsfonds in einem veränderten globalen Umfeld, Monatsbericht September 2012, S. 63-77. | Deutsche Bundesbank, Finanzierung und Repräsentanz im Internationalen Währungsfonds, Monatsbericht März 2010, S. 53-67. | Deutsche Bundesbank, Potenzielle finanzielle Risiken beim Internationalen Währungsfonds, Monatsbericht September 2005, S. 77-92.


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