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Sind Drohnen die neuen Maschinengewehre? Oder: Das Ende der unipolaren Ära

19.05.2022  |  Sascha Opel
Einen interessanten Report mit einigen Insights lieferte Gaveskal Research in der letzten Woche, den wir Ihnen nicht vorenthalten wollen und daraus zitieren und am Ende ableiten:

"Im Oktober 1893 starteten etwa 6.000 hochdisziplinierte Krieger der Ndebele-Armee von König Lobengula einen nächtlichen Angriff auf ein Lager, das von 700 Polizisten der British South Africa Company (BSAC) in der Nähe des Shangani-Flusses im heutigen Simbabwe besetzt war. Es war ein Massaker. Die Briten der BSAC töteten mehr als 1.500 Ndebele, verloren selbst aber nur vier ihrer eigenen Männer. Eine Woche kam es zur nächsten Konfrontation. Dieses Mal starben 3.000 Ndebele-Krieger und nur ein Brite. Diese extrem einseitigen Siege wurden nicht etwa durch besonderen Mut oder überlegene Disziplin errungen, sondern weil die Briten mit fünf Maschinengewehren bewaffnet waren. Und die Ndebele hatten keine einzige Schnellfeuerwaffe.


Wer militärisch dominant ist, besitzt die Weltleitwährung (und kann die Vorteile daraus nutzen)

Der britische Schriftsteller Hilaire Belloc schrieb damals in "The Modern Traveller": "Was auch immer passiert, wir haben die Maxim-Waffe, und sie haben sie nicht".

Die technologische Überlegenheit der ersten Maschinengewehre ermöglichte es Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Belgien, fast ganz Afrika im 19. Jahrhundert zu unterwerfen. Und dass, obwohl man zahlenmäßig gegen die Zulu-, Derwisch-, Herero-, Massai- und sogar Buren-Streitkräfte unterlegen war. Alle wurden durch die Feuerkraft des Maschinengewehrs gefügig gemacht und unterworfen."

Warum greifen wir diese alten Geschichten auf? Ganz einfach, weil jeder Krieg anders verläuft, neue Waffen und Technologien und mitunter neue globale Machtverhältnisse hervorbringt, die langfristige Auswirkungen auch auf Währungen und die Finanzmärkte haben.

Wir sind überzeugt, dass der Ukraine-Konflikt der Anfang vom Ende der US-Hegemonie und der bislang unipolaren US-Weltmacht sein wird. Es wird vermutlich noch ein paar Jahre oder gar 1-2 Jahrzehnte dauern, bis dies wirklich spürbar sein wird.

Aber was gerade auf den beiden Schlachtfeldern (militärisch und finanziell) passiert, könnte das Ende der US-Vorherrschaft beschleunigen. Warum? Führende militärische Technologie war und ist schon immer ein Dreh- und Angelpunkt des geopolitischen Gleichgewichts gewesen.

Die Dominanz der Militärtechnologie ist auch ein Schlüsselfaktor für die Stärke und Widerstandsfähigkeit einer Reservewährung. Heute ist einer der Hauptgründe, warum China, Taiwan, Südkorea, Japan, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Russland (hier sind die USD eingefroren) und viele andere Länder ihre Reserven in US-Dollar halten, dass die USA weithin als führend bei der Entwicklung und Produktion von intelligenten Bomben, Raketenabwehrsystemen, Kampfflugzeugen, Marinefregatten usw. gelten.

In früheren Weltreichen war es ähnlich. Von den Holländern mit ihrem Gulden, über die Briten mit ihrem Pfund bis hin zu den USA mit ihrem US-Dollar. Immer ging die Dominanz mit einer militärischen und technologischen Überlegenheit einher.

Kurz gesagt, die Überlegenheit der US-Waffen war und ist einer der Hauptgründe für den Status des US-Dollars als Reservewährung der Welt. Einige jüngere Ereignisse werfen jedoch die Frage auf, ob die USA diese Überlegenheit behalten können:

- Im September 2019 zerstörten angeblich von jemenitischen Huthi-Streitkräften eingesetzte Drohnen die Ölverarbeitungsanlagen von Saudi Aramco in Abqaiq.

- Zwischen Ende September und Anfang November 2020 führten Armenien und Aserbaidschan einen Krieg um die Region Berg-Karabach. Der Konflikt endete mit einem nahezu vollständigen Sieg der Aserbaidschaner. Dieses Ergebnis verblüffte die Militärwelt. Beobachter hatten angenommen, dass Armenien mit einer größeren Armee, einer größeren Luftwaffe, moderneren Flugabwehr- und Raketenabwehrsystemen leicht triumphieren würde. Aber alle teuer erworbenen militärischen "Vorteile" Armeniens wurden in den frühen Tagen der Kämpfe schnell von Aserbaidschan mit in der Türkei hergestellten Drohnen zunichte gemacht, die jeweils nicht mehr als 1 Million US-Dollar kosteten.

- Zwischen März 2021 und März 2022 griffen Huthi-Drohnen wiederholt saudi-arabische Ölanlagen an, insbesondere das riesige Terminal in Ras Tanura am Persischen Golf.

- Im Dezember 2021 ermöglichten in der Türkei hergestellte Drohnen der äthiopischen Regierung, in einem bis dahin andauernden Bürgerkrieg das Zünglein an der Waage zu sein.

- Im Januar 2022 trafen erneut Huhti-Drohnen Ölanlagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

FAZ-Artikel (u.a. "200 Euro für Aufklärungsdrohnen, die man im Internet bestellt"): https://www.faz.net/aktuell/wissen/physik-mehr/kriegsdrohnen-luftwaffen-aus-der-bastelkiste-16396337.html


Drohnen für 200 USD oder Kampfjets für 85 Millionen?

Man stelle sich vor, man wäre Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Im Laufe der Jahre haben diese Hunderte von Milliarden US-Dollar ausgegeben, um die modernsten und teuersten Raketenabwehr- und Flugabwehrsysteme aus den USA zu kaufen. Und jetzt kommen relativ billige Drohnen, die diese Verteidigungssysteme auch noch leicht durchdringen. Ziemlich frustrierend.

Was man sich seitdem nicht nur in Saudi-Arabien fragt: Was bringt es uns, 85 Millionen US-Dollar für einen F-35 US-Kampfjet an Lockheed oder 200 Millionen US-Dollar für ein Flugabwehrsystem auszugeben, wenn diese nicht vor Angriffen schützen und die andere Seite zu einem Bruchteil der Kosten Drohnen aus der Türkei bezieht (oder für 200 Euro im Internet bestellt), die uns erheblichen Schaden zufügen?

Diese Entwicklung in der Kriegsführung ist eine Erklärung für die beeindruckende Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Armee. Als die russischen Truppen in die Ukraine einmarschierten, war die allgemeine Meinung, dass die ukrainischen Streitkräfte vor dem russischen Militärmoloch irgendwann zusammenbrechen würden.

Aber nach der Zahl der zerstörten Panzer zu urteilen, liegt dies vermutlich daran, dass die Russen die Auswirkungen von Drohnen nicht ausreichend in ihre militärische Perspektive einbezogen haben. Es mag verfrüht sein, zu diesem Schluss zu kommen. Aber aus der Ferne zu urteilen, scheint es, dass billige türkische Drohnen dazu beigetragen haben, das Schlachtfeld zwischen David gegen Goliath zu ebnen. Dies erklärt vermutlich auch, warum das US-Militärhilfepaket für die Ukraine, das Biden jüngst ankündigte, 700 Switchblade-Drohnen umfasste.

Diese sind überraschend billig - die Switchblade 300 soll angeblich nur 6.000 US-Dollar kosten. Im Wesentlichen handelt es sich um Einweg-Kamikaze-Drohnen. Offenbar fliegen diese schneller als die türkischen Bayraktar-TB2-Drohnen, die die Ukrainer, wie zuvor die Aserbaidschaner, mit so verheerender Wirkung eingesetzt haben.

Es deutet zudem vieles darauf hin, dass die Switchblades in der Lage sind, der Luftverteidigung auszuweichen, die Russland über seine Truppen versucht hat, aufzubauen. Vor dieser Lieferung in die Ukraine durfte bislang nur Großbritannien Switchblades kaufen.


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