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G7: "Wertepolitik first" = inflationär / Ökonomische Überlegungen werden durch "Werte" ersetzt

29.06.2022  |  Sascha Opel
Jahrzehntelang hat die Globalisierung für deflationäre Tendenzen gesorgt. Logisch, wenn die teuere Produktion in Hochlohnländern des Westens, zuerst nach Osteuropa, und dann nach China, Bangladesh oder Vietnam ausgelagert wurde, konnte alles immer billiger produziert werden. Billige Arbeitskräfte gab es schließlich ebenso im Überfluß, wie (günstige) Transportrouten und Rohstoffe.

Politische Umstände spielten keine Rolle, solange die Emerging Markets nicht aufbegehrten und Ihre Rolle als "Fabrik für die Welt" (insbesondere China) brav mitspielten. Dies änderte sich vor allem durch Donald Trump und seine "America First"-Politik, welche im Kern darauf abzielte, die nach China verlorenen US-Jobs zurück in die USA zu holen.

Abgesichert sollten diese durch hohe Zölle gegen die chinesischen Waren werden. Somit ein "Decoupling" von China stattfinden, welches inzwischen selbst imperiale Wirtschaftspläne in Afrika und Asien ("Seidenstraßenprojek") verfolgt. Diese Idee von Trump haben die Demokraten unter Joe Biden dankend aufgenommen. Auf dem G7-Gipfel im beschaulichen Schloss Elmau wurde in diesen Tagen klar, dass aus "America First" nun "Demokratie first", oder "gemeinsame Werte FIRST" geworden ist.

Es zählt nicht mehr der ökonomische Gedanke (wo kann man sich billige Energie, billige Produktion, günstige Rohstoffe, billige Arbeitskraft sichern), sondern wo teilt man gemeinsame "Werte".

"Decoupling" an sich ist bereits hochinflationär. Kommt nun noch die Abschneidung eines des größten Rohstofflieferanten der Welt (Russland) von westlichen Märkten hinzu, weil man nicht mehr die gleichen Werte teilt, erklärt sich die hartnäckige Preissteigerung fast schon von selbst. Würde China als "Fabrik für die Welt" ähnlich behandelt werden, wie jetzt Russland, würden im Rest der Welt Chaos ausbrechen.

Dieser Spagat dürfte den G7 bewusst sein, weshalb man hinter den Kulissen heftig im künftigen Umgang mit Russland-Unterstützer China streitet. Zudem plant man ein 600 Milliarden USD-Unterstützungsprogramm für die Emerging Markets, um ein "Konkurrenzangebot" zum chinesischen Seidenstraßenprojekt aufzubauen.

Damit will die "Wertegemeinschaft" diejenigen Länder ins Boot holen, welche bislang noch nicht von China eingenommen wurden.


600 Milliarden USD gegen die chinesische Seidenstraße

Mehr Infrastrukturmaßnahmen bedeuten "übersetzt" stets, "Abhängigkeiten" durch Investitionen (Verschuldungen) schaffen. Riesige Infrastrukturmaßnahmen fördern zudem den Rohstoffverbrauch und somit die Nachfrage nach allen möglichen Rohstoffen. Die neue westliche Wertegemeinschaft will sich dadurch natürlich auch den Zugriff auf Rohstoffe sichern, die durch den Wegfall Russlands, welches von der Wertegemeinschaft ausgeschlossen wurde (bis Putin stirbt und ein neuer "werteorientierter" Nachfolger gefunden ist?), nun dringend ersetzt werden müssen.

Die durch Corona extrem ausgeweiteten Geldmengen und Konjunkturstützungspakete treffen bereits jetzt nun auf ein begrenztes Angebot an Waren und zunehmend fehlenden Arbeitskräften. Ohne China würde sich dies noch extrem verstärken.

Wer soll denn - wenn wir wichtige Produktionen zurück nach Europa holen - die Maschinen und Produktionsabläufe ausführen, wenn schon heute tausende Mitarbeiter im Bodenpersonal an Flughäfen fehlen, Bäckereien wegen Nachwuchsmangel schließen, LKW-Fahrer in Speditionen ebenso Mangelware sind, wie Servicekräfte in der Gastronomie oder Pflegekräfte?

Gabor Steingart schreibt heute im Pioneer Briefing: "Im Zuge des Ukraine-Krieges kippte auch Europa ins Lager der neuen Antiglobalisierungsbewegung. Wirtschaft findet nicht mehr in der Wirtschaft statt, sondern soll nun in werteorientierten Kreisläufen organisiert sein.


Slowbalisation

Slowbalisation heißt das Konzept, das diesen Namen wiederum dem niederländischen Zukunftsforscher Adjiedj Bakas verdankt:

• Nicht mehr der niedrigste Preis zählt, sondern die geringste politische Abhängigkeit. Nicht mehr Freiheit, sondern Sicherheit zuerst, lautet die Parole.

• Man will den Handelspartner nicht mehr beglücken, sondern benutzen. Der Gegenüber ist jetzt nicht mehr Partner, sondern Rivale.

• Diversity gilt innerhalb der Firma. Aber ansonsten achtet man jetzt auf einen ideologischen Reinheitsgrad innerhalb der Wertschöpfungsketten.

Dieser Trend zur Slowbalisation ist international, aber er ist nicht rational. Hier sind die fünf Argumente, die gegen eine Abkehr vom bisherigen Freihandel sprechen.

1. Die einzigen wirklichen Opfer des Freihandels sind diejenigen Staaten, die nicht an ihm beteiligt sind. Seit 1990, als mit dem Zerfall der Sowjetunion eine Phase beschleunigter Globalisierung begann, wurden 1,2 Milliarden Menschen aus der Armut befreit. Die vergessenen Staaten Afrikas oder Asiens waren nicht länger vergessen.

2. Eine Abkehr von ökonomischen Effizienzkriterien bei der Standortwahl und den Einkaufsbedingungen führt unweigerlich zur Politisierung der Wirtschaftsbeziehungen. Der bisherige Grundsatz, alle Investoren sind gleich, gilt nicht mehr. Damit wirkt die Politik als Preistreiber. Die Phase von global fallenden Preisen, die insbesondere im Flugverkehr, bei Mobiltelefonen, im Lebensmittelmarkt und im Fahrzeugbau zum Massenwohlstand beitrugen, dürfte damit beendet sein. Der Preis wird jetzt zur politischen Steuergröße.

3. Wenn das Primat der Politik künftig den Wirtschaftskreislauf dominiert, dürfte es über kurz oder lang zu gravierenden Fehlsteuerungen kommen. Die Politik kann nicht anders, als ihre ökologischen, sozialen und standortpolitischen Kriterien einzuführen und nach Möglichkeit durchzusetzen. Im besten Falle werden die Produkte und Dienstleistungen ökologischer, sozialer und nationaler - aber in jedem Fall werden sie teurer.

4. Die Bastard-Ökonomie, die sich im Zuge der Finanzkrise auf den Finanzmärkten durchsetzte - als Staaten die Banken und die Banken die Staaten retteten und wenn beide nicht weiter wussten, ging man zur Notenbank - weitet nun ihre Einflusssphäre aus. Der Bastard hat den Finanzdistrikt verlassen.

5. Damit ändert sich auch die Laufrichtung der nationalen Wirtschafts- und Finanzpolitiken. Drei Jahrzehnte lang war man bemüht, Freihandelsabkommen zu unterzeichnen und die Barrieren für den globalen Handel in Richtung der Nulllinie zu senken. Jetzt haben der Zoll- und der Steuerpolitiker ihren großen Auftritt. Die amerikanischen Importe aus China verteuern alle Waren und Dienstleistungen, Trump erhöhte den Sonderzoll für Wareneinfuhren von zehn auf 25 Prozent. Das führte zu einer der größten Steuererhöhungen seit Jahrzehnten: Fast 80 Milliarden Dollar mussten die Amerikaner durch die Erhebung von Zöllen zusätzlich zahlen.

Fazit: Die Welt dürfte unter diesem neuen Regime des "political trade" keine friedlichere werden. Der Dollar und die Energiewirtschaft, die High Tech Industrie und das Rohstoffgewerbe werden nun weaponized, wie die Amerikaner sagen. In diesen Tagen erfährt der Militärstratege Carl von Clausewitz seine Übersetzung ins Ökonomische: Wirtschaft wird zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Es gibt zunächst keine Toten, nur viele Opfer. Vorneweg: der Wohlstand der Massen. (Quelle: Pioneer Morning Briefing)


Unsere Einschätzung:

Dem ist nichts hinzuzufügen. In diesem toxischen Cocktail, der aktuell seine Entfaltung an den Märkten entfaltet, muss man als Anleger die jahrzehntelange "Friedensdividende" mit einem "Kriegsrisiko" neu denken und einpreisen. Dies passiert bereits schrittweise in allen Anlageklassen. Wir sind weiter davon überzeugt, dass Gold und Rohstoffe in dieser Phase besser abschneiden werden, als die allermeisten anderen Anlageklassen.


© Sascha Opel
Rohstoffraketen.de - Auszug aus dem deutschsprachigen Börsenbrief für Rohstoff-, Gold- und Minenaktien



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