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Die ‘Modern Monetary Theory’ gaukelt Wohlstand vor und schädigt die Volkswirtschaften

03.10.2022  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Die ‘Modern Monetary Theory’ (MMT) verspricht Wachstum und Wohlstand, eine bessere und gerechtere Welt. Doch die MMT steht auf wackeligen Beinen, ihr Befolgen wird für die Volkswirtschaften verheerenden Schaden anrichten.

Frei nach Karl Marx und Friedrich Engel läßt sich sagen: "Es geht ein Gespenst um auf der Welt, das Gespenst der ‘Modernen Monetären Theorie’ (MMT)". In den Vereinigten Staaten ist die MMT - ihre prominentesten Befürworter sind die US-amerikanischen Ökonomen Warren Mosler und Stefanie A. Kelton - vor allem im linken Lager der Demokratischen Partei auf fruchtbaren Boden gefallen.

In der volkswirtschaftlichen Diskussion ist sie hingegen weitgehend auf Kritik und auch auf Ablehnung gestoßen. Die Befürworter der MMT lassen sich dennoch nicht unterkriegen. Da volkswirtschaftliche Theorien, auch wenn sie falsch sind, wirkungsmächtig werden und, wenn sie die Politik beeinflussen, großen Schaden anrichten können, ist es wichtig, sich eingehend mit ihnen auseinanderzusetzen.

Fragen wir zunächst: Was ist "modern" an der MMT? Nun, neu ist sie nicht. Die MMT ist vielmehr eklektisch, ihre Vertreter berufen sich auf viele bekannte Theorieelemente - wie auf Georg Friedrich Knapps "Staatliche Theorie des Geldes" und den damit verbundenen Chartalismus (das heißt die Lehre, wonach vor allem der Staat durch seine Macht Steuern zu erheben und eine Währung zu etablieren, den Wert der Währung garantiert) sowie auf keynesianische und postkeynesianische Elemente und auch auf die Krisentheorie des Ökonomen Hyman P. Minsky.

Das "moderne" an der MMT ist, diese und andere Theorieelemente miteinander zu verknüpfen und sie als ein praktikablen geld-, finanz- und wirtschaftspolitisches Konzept anzupreisen, mit dem sich angeblich drängende Probleme der Zeit - wie zum Beispiel Wirtschaftskrisen, Unterbeschäftigung und Staatsüberschuldung - lösen lassen. Konkret gesprochen besagt die MMT erstens:

Der Staat soll sich fortan von seiner Zentralbank so viel Fiat-Geld sprichwörtlich drucken lassen, wie er für zur Bewältigung seiner Ausgaben braucht. Zweitens: Steuern werden nicht mehr zur Finanzierung des Staatshaushaltes erhoben, sondern nur noch um eine Nachfrage nach dem staatlichen Fiat-Geld sicherzustellen. Drittens: Der Staat betreibt eine kreditfinanzierte Nachfragepolitik, um die Volkswirtschaft auf Vollbeschäftigung zu bringen. Viertens: Sollte es Güterpreisinflation geben, wird sie eingefangen, indem die Staatsdefizite entsprechend verringert und/oder die Geldmenge in den Händen der Privaten per Besteuerung reduziert werden.

Fünftens: Der Staat kontrolliert mit seiner Defizitpolitik den Zins: Gibt er beispielsweise in Phase der Konjunkturschwäche mehr aus, als er an Steuern einnimmt, beschafft er sich den Fehlbetrag durch neu geschaffenes Zentralbankgeld. Das zusätzliche Zentralbankgeld im Interbankenmarkt steigt daraufhin an und senkt den Zins ab - und das wiederum befördert Investitionen, Wachstum und Beschäftigung.

Sechstens: In dem der Staat das Ziel verfolgt, Vollbeschäftigung zu sichern, stabilisiert er die Wirtschaft: Nimmt beispielsweise die Beschäftigung ab, sorgt der Staat mit erhöhten Ausgaben - finanziert durch neu geschaffenes Geld - für eine erhöhte Nachfrage und mehr Arbeitsstellen; überhitzt die Wirtschaft, verringert der Staat die Ausgaben und/oder reduziert die Geldmenge durch Steuererhöhungen und legt sie still.

Weniger bekannt scheint unter den Anhängern der MMT zu sein, daß die grundlegende Idee der MMT geradewegs zu den sozialistischen Denkern Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865) oder dem national-sozialistischen Wirtschaftstheorie-Autodidakten Gottfried Feder (1883-1941) zurückreichen. Ihnen zufolge soll der Staat nicht nur die Hoheit über die Geldproduktion haben, er soll vor allem auch ungehindert Zugang zu neuem Geld bekommen, daß die Zentralbank ihm möglichst zinslos bereitstellt.

Daß das aber auf ein geradezu gefährliches Staatsverständnis hinausläuft, sollte jedem klar sein, der den tieferen Sinn der Forderung "No taxation without representation" versteht: Ihre Beachtung soll bekanntlich sicherstellen, daß die Regierenden nicht ohne Zustimmung an Geld und Eigentum der Regierten kommen; und entsprechend ist die Mißachtung dieser Forderung - wie sie die MMT einfordert - Ausdruck einer tyrannischen Gesinnung.

Zudem ist der Gedanke, der Staat werde die Güterpreisinflation, verursacht durch die staatlich verursachte Geldmengenvermehrung, nicht aus dem Ruder laufen lassen, sie sogar bekämpfen, sollte sie zu hoch ausfallen, völlig realitätsfremd: Es ist absehbar, daß Regierungen sich, wenn sie ungehindert Zugang zur Notenpresse erhalten, immer mehr neues Geld beschaffen, es mit vollen Händen ausgeben, um sich damit die Zustimmung der Regierten zu erkaufen. Gerade in modernen Demokratien sorgen Politiker sich um das Hier und Jetzt, scheren sich wenig um das Morgen. Hochinflation, wenn nicht gar Hyperinflation, werden daher die unausweichliche Begleiterscheinung der MMT sein.

Absurd ist die Vorstellung, der Staat könnte mit seiner Ausgabenpolitik die Konjunktur oder gar die Volkswirtschaft glätten, sie stets auf Vollbeschäftigungskurs halten. Das ist die urkeynesianische Idee der "Globalsteuerung", wie sie vom deutschen Volkswirt Karl Schiller (1911-1994), als er deutscher Wirtschafts- und Finanzminister war, von 1967 bis 1982 in die Tat umgesetzt wurde - und scheiterte.

Der Staat, seine Politiker und Bürokraten, haben schlichtweg nicht das erforderliche Wissen, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun. Zeitliche Verzögerungen, die zwischen Politikmaßnahmen und ihren Wirkungen auftreten, und die sich vorab nicht verläßlich vorhersehen lassen, machen es unmöglich, die gewünschten Politikziele zu erreichen. Die MMT bietet keine Lösung für dieses Problem.

Besonders problematisch ist, daß die MMT dem heute weitestgehend akzeptierten Wissenschaftsverständnis entstammt, nach dem die wissenschaftliche Methode der Naturwissenschaft - also Erkenntnisgewinnung durch Experimentieren - in auf die Ökonomik zu übertragen ist. Die Volkswirtschaft wird so de facto zum Versuchslabor deklariert. Gerade die ökonomischen Theorien, die politisch Verheißungsvolles versprechen - wie zum Beispiel "Durch das Vermehren der Geldmenge steigt der Wohlstand" oder "Negativzinsen fördern Wachstum und Beschäftigung" oder "Schulden sind kein Problem, der Staat soll Kredite aufnehmen" -, haben gute Chancen, politische Zustimmung zu finden, um sie tatsächlich in der Praxis auszuprobieren. Daß die MMT Wissenschaftlichkeit beanspruchen kann, macht sie für Regierungen nur noch attraktiver.

Es mag daher nicht überraschen, daß die MMT gerade im politischen Lager der Kollektivisten-Sozialisten-Marxisten auf große Unterstützung stoßen dürfte. Die "reine", nicht ideologisierte ökonomische Lehre kann nämlich abschätzen, wohin die MMT letztlich führt: Sie befördert das ungehemmte Vordringen des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft zu Lasten der Freiheiten von Bürgern und Unternehmern - also genau das, was linken Eiferern üblicherweise vorschwebt.

Der finanziell allmächtige Staat wuchert aus, treibt Bürger und Unternehmer in seine Abhängigkeit - vor allem auch durch die Nöte und Bedürftigkeit, für die Hoch- oder gar Hyperinflation sorgen werden. So gesehen ist die MMT so etwas wie ein Trojanisches Pferd: eine Theorie, die, unter falscher Flagge in die Praxis umgesetzt, dem Staat zur Allmacht verhilft, Bürgern und Unternehmern monetäres Chaos beschert und dem Sozialismus den Boden bereitet.

Mit einer gewissen Beklemmung muß man feststellen, daß die MMT gewissermaßen das logische Ende vorwegnimmt, auf das die herrschende Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik des Westens ohnehin zusteuert.

Die Staatshaushalte sind seit Jahr und Tag chronisch defizitär. Die Zentralbanken finanzieren die Staatsschulden mit künstlich gesenkten Zinsen und der Ausgabe von immer mehr neuem Geld. Weite Teile der Bevölkerung sowie auch eine wachsende Zahl von Firmen sind in eine immer stärkere Abhängigkeit von der staatlichen Ausgabe- und Versorgungspolitik geraten. Die "grüne Politik", der große geplante Umbau der Volkswirtschaften, bedient sich quasi bereits der MMT:

Um die mit dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verbundenen Kosten vor den Augen der Öffentlichkeit weitestgehend zu verbergen - wie vor allem die Zerschlagung der volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit -, bringen die Staaten gewaltige, mit neuen Schulden und neuem Geld finanzierte Unterstützungspakete auf den Weg. Sie sollen die Konjunkturen vor dem Absturz bewahren, den Fortgang des Wohlstandes vorgaukeln.

Mittlerweile tritt jedoch die dunkle Seite der wachsenden Staatsverschuldung, die von den Zentralbanken à la MMT mit neu geschaffenem Geld bereitwillig finanziert wird, schonungslos zutage - und zwar in Form der Hochinflation. Sie zersetzt nicht nur die Kaufkraft des Geldes, die in Geld gehaltenen Ersparnisse und verarmt weite Teile der Bevölkerung und setzt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit herab.

Und wie schwierig es ist, eine erst einmal in Gang gekommene Hochinflation zu beenden, zeigen unmißverständlich die zögerlichen Zinsanhebungen der Zentralbanken: Man scheut davor zurück, die Kosten der Inflationsbeendigung - eine Stabilisierungsrezession - in Kauf zu nehmen, verhärtet und verschlimmert damit das Inflationsproblem. Die MMT bietet da keine Politikalternative an, die hoffnungsvoll stimmen könnte.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


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