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Teilen: Strategien & Kunstgriffe der Natur und mehr

05.01.2026  |  Hans Jörg Müllenmeister
Das Ganze und seine Teile

Teilen bedeutet stets, das Ganze neu zu denken. Wir zerlegen, verteilen, schenken, geben weiter – ob Brot, Wissen oder Zuneigung. In der Mathematik ist es der Divisor, der den Dividend in gleiche Anteile zerlegt. Doch die Division durch Null bleibt ein Sprung ins Unbestimmte. Und dennoch: manchmal gebiert Teilung nicht weniger, sondern mehr. Wer Liebe teilt, verdoppelt sie.


Teilung, Trennung, paradoxe Spaltung

Von der Wiege bis zur Bahre begleitet uns das Motiv der Teilung. Schon dem Kind wird die soziale Geste eingeübt: "Ein Löffelchen für Papa, ein Löffelchen für Mama…". Später, in der Kommunion, bricht der Priester die Hostie – Symbol des geteilten Leibes Christi.

Im Alltag teilen wir Autos, Wohnungen, digitale Inhalte. Beruflich begegnet uns die duale Ausbildung, privat das gemeinsame Teilen von Tisch und Bett – bisweilen gefolgt von der bitteren Teilung im Trennungsjahr. Th.S. Lutter sagte dazu: "Gütertrennung ist machbar. In Güte trennen nicht!" Teilung ist also nicht nur Geste der Nähe, sondern auch Erfahrung des Verlusts.


Arglistige Teilung

Doch Teilen kann auch List sein. "Divide et impera" – teile und herrsche – war schon den Römern vertraut. Ludwig XI. von Frankreich perfektionierte diese Strategie im 15. Jahrhundert: Gegner wurden gespalten, Zwietracht gesät, Machtbasen zersetzt.

Auch die Informatik kennt das Prinzip: "Teile und herrsche" als Algorithmus. Komplexe Probleme werden zerlegt, bis sie handhabbar sind. Hier zeigt sich die produktive Seite der Spaltung – Klarheit durch Zergliederung.


Geniale Trennung: der gordische Knoten

Manchmal verlangt ein Problem nicht Geduld, sondern Kühnheit. Alexander der Große durchtrennte den verfluchten Knoten des König Gordios nicht mit Fingerspitzengefühl, sondern mit einem einzigen Schwerthieb. So erfüllte er den Orakelspruch und öffnete sich den Weg zur Herrschaft über Asien. Teilung als radikale Befreiung.


Heikle Trennung des Cullinan‑Diamanten

Auch die Materie selbst stellt uns vor Prüfungen. 1908 stand der Amsterdamer Diamantenschleifer Joseph Asscher sinnend vor dem größten Rohdiamanten der Welt: 3106 Karat, ein Kristall von fast überirdischer Präsenz. Wochenlang studierte er die geheimen Linien der Härte, bis er schließlich die Teilung wagte. Damals gab es noch keine Lasertrennung. Er musste den Rohdiamanten noch von Hand mit Spaltmesser und Hammerschlag spalten. Diamanten besitzen ja eine ausgeprägte Härteanisotropie. (Diamant hat auf der relativen Mohns-Skala immer Härte 10, seine absolute Härte schwankt aber je nach Kristallrichtung zwischen etwa 70 und 150 Gigapascal).

Die Spaltung gelang – nicht durch Zufall, eben durch die innere Gesetzmäßigkeit des Kristalls. Entlang bestimmter Kristallebenen, vor allem den Oktaederflächen, lässt er sich spalten, während andere Richtungen widerstehen. Genau diese Eigenschaft nutzte Asscher – und aus dem einen Stein wurden neun große und 96 kleinere feingeschliffene Juwelen.

Der größte, der "Cullinan I" oder "Große Stern von Afrika", funkelt heute im Zepter des britischen Monarchen. Die Legende erzählt, Asscher sei nach dem Schlag ohnmächtig geworden und habe einen Genever getrunken. Doch die Wahrheit ist nüchterner – und gerade darin liegt die Größe: die Meisterschaft, das Ganze zu teilen, ohne es zu zerstören.


Hochseltene Naturschönheit – die Schönheit des Teilens

Das tiefe Blau des historischen Hope‑Diamanten entsteht dadurch, dass Bor‑Atome die Gitterplätze der Kohlenstoffatome im Diamant‑Kristallgitter teilen. Gerade diese Platzteilung führt zu einer selektiven Absorption bestimmter Lichtwellen und verleiht dem Edelstein seine unverwechselbare blaue Körperfarbe.

Übrigens: Auch in einer Weißgoldlegierung zeigt sich die Macht des Teilens. Hier teilen sich Gold und Silber die metallische Struktur – und Silber bestimmt als Legierungsmetall die helle Körperfarbe des Materials.

So offenbart sich ein gemeinsames Prinzip: Ob im Edelstein oder im Edelmetall, die Schönheit entsteht dort, wo Atome bereit sind, ihren Platz zu teilen. Dieses Teilen ist der Casus knacktus – die entscheidende Ursache, die den Dingen ihre besondere Farbe und Anmut verleiht.


Aktiensplitting – ein optischer Trick des Unternehmens

Teilen ist nicht nur menschliche Geste, sondern auch ökonomisches Kalkül. Beim Aktiensplit vervielfältigt sich die Zahl der Aktien, während Grundkapital und Marktkapitalisierung unverändert bleiben. Der Kurs pro Aktie sinkt, doch der Wert des Gesamtpakets eines Anlegers bleibt derselbe. Psychologisch wirkt die Aktie plötzlich "günstiger" – und öffnet sich damit auch für weniger betuchte Investoren.

Das Gegenteil ist der Reverse Split: mehrere Aktien verschmelzen zu einer, der Preis steigt, und das Papier soll wieder attraktiver erscheinen. Ein Spiel mit Wahrnehmung, nicht mit Substanz. Denn langfristig zählen die Fundamentaldaten, nicht die optische Täuschung.

Apple demonstrierte dieses Prinzip eindrucksvoll: 2014 teilte das Unternehmen seine Aktien im Verhältnis 1:7. Aus einem stolzen Kurs von 646 US‑Dollar wurde ein scheinbar bescheidener Preis von 92 Dollar – und doch blieb der Wert unverändert.

Gold hingegen ist beliebig teilbar, sogar bis in den Nanobereich, aber praktisch schwer zu fassen. Wer bei seiner Bank das exakte Goldäquivalent für einen Euro verlangt, stößt auf die Grenzen der Realität: keine Apothekerwaage, keine Milligramm genaue Ausführung. Ein humorvolles Beispiel dafür, dass Teilung nicht immer praktikabel ist.



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