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Vererbte Inkompetenz: Vom Versagen globaler Institutionen

29.08.2016  |  John Mauldin
"Praktiker, die von sich glauben, sie unterlägen keinerlei intellektuellen Einflüssen, sind gewöhnlich die Sklaven eines längst verstorbenen Ökonomen." - John Maynard Keynes

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Meine Ansichten stimmen nicht oft mit denen von Keynes überein, aber er lässt sich von allen bedeutenden Wirtschaftswissenschaftlern am besten zitieren. Der obenstehende Satz zählt zu seinen besten. Hinsichtlich der verstorbenen Wirtschaftswissenschaftler lag er jedenfalls richtig. Natürlich sprach er von all den anderen verstorbenen Ökonomen, die nicht länger mit den neuen, verbesserten Wirtschaftstheorien Schritt halten konnten. Jetzt fällt seine spöttische Bemerkung auf ihn und seine Anhänger zurück.

In unserer sich rasch wandelnden Welt überleben Theorien und Praktiken oft die Dauer ihrer Nützlichkeit. Gleiches gilt auch für Institutionen, einschließlich derer, die 1944 bei der Konferenz von Bretton Woods gegründet wurden. In unserem heutigen Newsletter wollen wir uns dem Internationalen Währungsfonds und einem vernichtenden Bericht seiner eigenen internen Prüfer widmen. Für diejenigen, die das Handeln des IWF schon seit mehreren Jahrzehnten verfolgen, ist der Bericht wahrscheinlich keine allzu große Überraschung.

Mein Anliegen ist es dabei nicht vordergründig, die Fehler des IWF herauszustellen, sondern darauf hinzuweisen, wo seine Probleme wesentlicher Bestandteil eines größeren Problems sind, welches zahlreiche globale Institutionen betrifft. Während der nächsten weltweiten Rezession wird man erneut auf die gleichen Ansätze zur Problemlösung zurückgreifen, die man auch schon in der Vergangenheit ausprobiert hat und die auf den Theorien verstorbener Ökonomen beruhen - abgerundet mit einem Schuss persönlicher und institutioneller Voreingenommenheit. Die verordneten Mittel gleichen einem Hexengebräu, welches angeblich gut für uns sein soll. Tatsächlich garantiert es aber nur, dass diejenigen die Hauptlast der Auswirkungen tragen müssen, die sie am schlechtesten bewältigen können.

Seien wir großzügig mit der Nachkriegsgeneration. In einer vom Krieg zerrissenen Welt, die sich noch nicht von der 15 Jahre zuvor begonnenen Rezession erholt hatte, schien es sicherlich eine gute Idee gewesen zu sein, die herrschende Wirtschaftsordnung ein wenig aufzumöbeln. In den ersten paar Jahrzehnten machten die Ergebnisse auch einen guten Eindruck. Mit der Hilfe der USA wurden in Europa und Japan gewaltige Projekte zum Wiederaufbau gestartet und in den Vereinigten Staaten erfreute man sich eines rasanten Wachstums und eines Babybooms, der mich und vielleicht auch Sie hervorgebracht hat.

Diese Ära hat uns allerdings auch einige neue Probleme hinterlassen. Was wir heute als Europäische Union bezeichnen, entstand aus der damals von Deutschland und Frankreich ins Leben gerufenen Montanunion, einem Handelsabkommen über Kohle und Stahl. Die europäische Währungsunion ist ein Zweig des gleichen Familienbaums, zu dem auch die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und andere Institutionen gehören. Es ist ein großer, ausladender Baum, der dringend einmal zurückgeschnitten werden müsste.

Wir werden uns heute einen Bericht vornehmen, der nahelegt, dass eine starke Schrumpfung des IWF tatsächlich längst überfällig ist. Diese unschöne Geschichte ist nur einer von vielen Schauplätzen in einem viel größeren Epos, doch sie hilft, zahlreiche globale Ungleichgewichte zu erklären. Lassen Sie uns also am Anfang beginnen.


Sommer in Bretton Woods

Im Juli 1944 wütete der Zweite Weltkrieg noch ungebrochen, doch die Alliierten glaubten den Sieg in Reichweite. Die Vertreter von 44 Nationen kamen daher in einem Hotel in Betton Woods, New Hampshire (oben abgebildet), zusammen, um ein neues globales Währungssystem auszuarbeiten. Man sollte meinen, dass das eine langwierige und komplizierte Aufgabe sei, doch dem war nicht so. Nach drei Wochen war die Konferenz beendet. (Stellen Sie sich einmal vor, wann würde versuchen ein bedeutendes Handelsabkommen innerhalb von drei Wochen zu schließen.)

Zwei Dinge standen bereits vor dem Beginn der Konferenz fest: Es sollte keinen Goldstandard geben und keine völlig freien Wechselkurse. John Maynard Keynes beeinflusste die Konferenz maßgeblich und seine Ansichten zu Gold verbannten das Edelmetall in die Vergangenheit - er war der erste, der es als "barbarisches Relikt" bezeichnete. Das grundlegende Konzept, auf das man sich bei der Konferenz einigte, war ein Hybridsystem mit festen, an den US-Dollar gebundenen Wechselkursen. Der Dollar war dabei wiederum an Gold gekoppelt.

Im Rahmen der Konferenz wurde beschlossen, dass eine Unze Gold einen Wert von 35$ hatte. Die anderen Währungen bekamen gegenüber dem Dollar feste Wechselkurse mit einem Spielraum von +/-1%. So wurde der US-Dollar zur weltweiten Reservewährung.

Es gab in dieser Hinsicht wenig Wahlmöglichkeiten, da die USA den Großteil der globalen Goldreserven besaßen. Hätte man die Währung eines jeden Landes mit einem Goldstandard versehen, hätte das massive deflationäre Auswirkungen gehabt und das Potential des Welthandels und des weltweiten Wirtschaftswachstums ernsthaft eingeschränkt . Beides wurde zu jener Zeit jedoch dringend benötigt.

Was auch immer Sie über die Angemessenheit der Beschlüsse denken mögen - die Festlegung der Wechselkurse auf diese Art machte Zahlungs- und Schuldenkrisen praktisch unvermeidlich. Die Abgeordneten beschlossen in Bretton Woods die Gründung zweier transnationaler Institutionen, die aufkommende Probleme lösen sollten: Den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD). Letzte wurde später in die Weltbank eingegliedert.

Die Aufgabe des IWF bestand im Wesentlichen darin, das System zu schmieren, wenn die Handelsströme dazu führten, dass einzelne Währungen von ihrer Verankerung am US-Dollar wegdrifteten. Das funktionierte auch eine Zeit lang, doch als Präsident Nixon 1971 das "Gold-Fenster" schloss und die Umtauschbarkeit des Dollars in Gold abschaffte, kollabierte das Bretton-Woods-System.

Da die Wechselkurse der Währungen nun praktisch frei schwankten, hatte der IWF seine Existenzberechtigung zum größten Teil verloren. Löste er sich also still und gelassen auf? Natürlich nicht. Wann hat sich eine Bürokratie jemals freiwillig selbst abgeschafft? Die IWF-Mitarbeiter definierten ihre Mission ganz einfach neu. Der Währungsfonds würde von nun an Staaten mit Zahlungsbilanzproblemen Finanzierungshilfen bereitstellen, Ländern in Not Kredite gewähren und zahlreiche wirtschaftliche Forschungsberichte publizieren.

In Erfüllung dieser noblen Mission ließ sich der IWF mit Diktatoren, Menschenrechtsverletzern, korrupten Beamten und allerlei anderen zwielichtigen Charakteren weltweit ein. Manchmal drang die Korruption bis in die Führungsebenen des IWF selbst vor. Die aktuelle geschäftsführende Direktorin Christine Lagarde steht derzeit in Frankreich wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht, die ihre Zeit als französische Finanzministerin zurückgehen.

Die Struktur des IWF ist schon fast ein Garant für die Fehlfunktion der Institution. Die Stimmrechte des Gouverneursrates (Board of Governors) sind nach den Kapitalbeiträgen eines jeden Landes gewichtet, daher geben eine Handvoll großer Staaten den Ton an. Theoretisch könnten sich die kleinen Mitgliedsstaaten zusammenschließen und die Macht mit einer 85-%-Mehrheit an sich reißen. Zu ihrem Unglück entfallen aber 16% der Gesamtstimmen allein auf die Vereinigten Staaten und verschaffen den USA dadurch praktisch ein Vetorecht bei allen ernsthaften Änderungsvorschlägen.

Zudem besteht eine gewaltige Kluft zwischen den Gläubigerstaaten, die große Kapitalmengen beisteuern, aber wenig Geld leihen, und den Schuldnern, die wenig beitragen aber hohe Kredite benötigen. Die Gläubiger wollen strengere Standards für die Kreditvergabe und höhere Zinsen, die Schuldner das Gegenteil. Doch sie sind alle im Board vertreten und sollen sich irgendwie über die Verfahren und Grundsätze des IWF einigen. Das geschieht nur in seltenen Fällen.


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