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Die Welt leidet unter Fiat-Geld

09.07.2018  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
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Doch wie kann ein freier Markt für Geld entstehen? Im Grunde ist das ganz einfach: Um einen freien Markt für Geld zu schaffen, müssen beispielsweise die Zahlkraftgesetze und die steuerliche Benachteiligung von Gütern, die zu Zahlungszwecken verwendet werden können, abgeschafft werden.

Doch gerade das mag ja kein Staat, werden Sie nun entgegnen! Und damit haben Sie grundsätzlich Recht. Wenn es aber Wettbewerb zwischen Staaten um internationales Kapital und Talente gibt, wenn die Staaten nicht im Gleichschritt marschieren, sondern im internationalen Standortwettbewerb stehen, ändert sich das Bild. Unter diesen Bedingungen kann es für ein Land durchaus sinnvoll sein, alternative Zahlungsmittel zuzulassen und sich dadurch einen internationalen Standortvorteil zu verschaffen.

Ich möchte an dieser Stelle unsere Vorstellungskraft nicht überstrapazieren, sondern nur darauf hinweisen, dass die Bedingungen für die Möglichkeit, dass ein freies Marktgeld spontan entsteht, nicht unerreichbar sind, wenn zwei Hürden überwunden werden.

(1) Die erste Hürde ist ein Erkenntnis- und Aufklärungsproblem: Das Wissen um die schädlichen Folgen des Fiat-Geldes ist bei den Betroffenen in der Regel immer noch nicht allzu groß. Ein Grund ist, dass die moderne Volkswirtschaftslehre keinen Anstoß am Fiat-Geldsystem nimmt. Sie problematisiert nicht die ökonomischen und ethischen Folgen des Fiat-Geldes. Namhafte Ökonomen empfehlen beispielsweise unverdrossen, den Euro zu retten mit neuen Regeln, Gesetzen, Garantien, einem Europäischen Währungsfonds oder einer Bankenunion - obwohl das nur an den Symptomen der Missstände herumkuriert, die Ursachen aber unangetastet bleiben.

Man muss sich in der Tat fragen, ob die vielen “Hauptstrom”-Ökonomen tatsächlich nicht um die Fiat-Geld-Problematik wissen, oder ob sie sie sehr wohl kennen, sich aber scheuen, Ross und Reiter zu nennen, um bei der Politik nicht in Missgunst zu geraten und ihre Karriere zu gefährden. Doch im Zeitalter des Internets, der Social Media bestehen mittlerweile sehr gute Chancen, das Erkenntnis- und Aufklärungsproblem zu lösen: Viele Menschen lassen sich auf diese Weise aufklären über die Defekte des Fiat-Geldes und die Möglichkeiten, es durch gutes Geld zu ersetzen.

(2) Die zweite Hürde ist das Eigennutzproblem. Natürlich halten viele Menschen am Status quo fest - weil sie sich vom Fiat-Geldsystem als begünstigt ansehen, oder weil sie die Vorteile, die ein Wechsel zum freien Marktgeld bringen würde, nicht abschätzen können. Ob sich das Eigennutzproblem politisch lösen lässt, ist fraglich - und das gilt gerade für Volkswirtschaften, in denen der Staat bereits eine große Rolle im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben spielt.

Was es braucht, ist zumindest ein erfolgreiches Referenzprojekt, ein Zahlungsmittel mit einem praktikablen Zahlungsabwicklungssystem, das die Geldverwender als attraktive Alternative zum Fiat-Geld erblicken - weil es zum Beispiel schneller, sicherer und billiger ist. Der Markt bringt bereits solche Angebote hervor. Stichworte sind hier die Blockchain, Cybereinheiten wie Bitcoin & Co sowie goldgedeckte Spar- und Zahlungssysteme.

Derartige Angebote lenken die Geldnachfrage um, vom Fiat-Geld weg, hin zum freien Marktgeld. Das würde anfänglich vermutlich mit Kleinzahlungen beginnen, aber auch das Motiv, die Ersparnisse nicht mehr dem Fiat- Geld anzuvertrauen, sondern auf zum Beispiel Gold und Silber oder auch auf Aktien zu setzen, senkt die Fiat-Geldnachfrage zu Gunsten der Nachfrage nach dem besseren Geld.

Nach und nach kann sich dann auch ein Kredit- und Kapitalmarkt in der neuen Währung herausbilden. Damit wird das Fiat-Geld “diszipliniert”, möglicherweise auch schrittweise aus dem Markt gedrängt. Würde man einen freien Markt für Geld zulassen - hier und jetzt in Europa oder in der gesamten Welt -, so wäre meine Vermutung, dass sehr rasch, vielleicht schon binnen weniger Tage oder Stunden, das Gold - in Form eines digitalen Goldgeldes - zum Grundgeld des monetären Systems gewählt würde.

Wie gesagt, eine persönliche Spekulation, die allerdings auf zeitlose geldtheoretische Überlegungen zurückgreift, und die in einem Zitat von Ludwig von Mises ihre Grundlage finden: "Man hat an der Goldwährung manches auszusetzen gewusst; man hat ihr den Vorwurf gemacht, dass sie nicht vollkommen sei. Doch niemand weiss anzugeben, wie man an Stelle der Goldwährung Vollkommeneres und Besseres setzen könnte."


Vorschläge

Wie sähe denn, konkret gesprochen, ein freier Markt für Geld aus? Hier gäbe es keine Zentralbanken, keine Zinspolitik, keine politische verordnete Geldmengenvermehrung. Banken sind aktiv als Lagerstätten und würden Verwahr- und Zahlungsdienstleistungen für das Grundgeld anbieten. Jeder könnte weiterhin wie gewohnt mit Bargeld, Schecks, Lastschrift, Kreditkarten etc. bezahlen, könnte elektronische Zahlungen per PayPal und anderen Anbietern abwickeln. Es gäbe auch Banken, die Kredite vergeben - indem sie vorhandenes Geld vom Sparer zum Investor weiterleiten. Durch ihre Kreditvergabe würden sie jedoch kein Geld mehr produzieren. Es gäbe weiterhin Aktien- und Anleihemärkte, Derivativmärkte, Märkte für Schuldpapiere.

Die chronische Geldentwertung - die Plünderung der breiten Bevölkerung - wäre gestoppt; Boom und Bust gehörten der Vergangenheit an; die Verschuldung könnte nicht mehr systematisch ausufern; und die Herrschaftsmacht bliebe beschränkt. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen: Es gibt Lösungswege, die vom Fiat-Geld weg und hin zu besserem Geld führen. Und mit den technologischen Neuerungen, die mittlerweile verfügbar sind, sind die Chancen für das Entstehen eines freien Marktgeldes besser denn je.

Was nach wie vor erforderlich ist, das ist die Aufklärungsarbeit: Dass das heutige Fiat-Geld schlechtes Geld ist; dass gutes Geld möglich ist, dass der freie Markt besseres Geld bereitstellt; und dass es keine überzeugenden ökonomischen und ethischen Gründe gibt, warum Staaten und Regierungen die Geldproduktion monopolisieren sollten.

Spätestens im Zuge einer neuerlichen Erschütterung des monetären Systems - und das Fiat-Geld wird sie herbeiführen - wird vermutlich die Suche nach besserem Geld Fahrt aufnehmen - denn dann wird die ökonomische Bereitschaft der Geldnachfrager steigen (weil die Wechselkosten sinken), nach besserem Geld Ausschau zu halten. Wie der Prozess aussehen wird, lässt sich vorab natürlich nicht sagen. Was sich aber schon jetzt sagen lässt, ist das Folgende: Sparer und Investoren sollten nicht darauf vertrauen, dass die Kaufkraft des Fiat-Geldes - ob US-Dollar oder Euro - erhalten bleibt, wie es ihnen von Mainstream-Ökonomen, Zentralbankräten, Regierungsvertretern, dem politischen Establishment erzählt wird.

Schon heute ist das Fiat-Geld ein Verlustgeschäft für die, die ihm ihre Ersparnisse anvertrauen, und die Verluste werden ganz sicher zunehmen, wenn der Währungswettbewerb an Fahrt gewinnt. Und dass der Währungswettbewerb einen Schub erhält, dazu sollten meine Ausführungen einen Beitrag leisten.

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass meine Ausführungen für Sie anregend und auch etwas aufregend waren.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Quelle: Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH



Dieser Vortrag wurde am 14. Juni 2018 im Bayerischen Hof bei den Münchner Wirtschaftsgesprächen, veranstaltet von der Stiftung für Freiheit und Vernunft, gehalten.


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