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Der "Mega-Bail-Out": Wie die Weltwirtschaftskrise bekämpft wird

27.03.2020  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Die Nachfrage nach physischem Gold explodiert: Anleger suchen Schutz vor der anrollenden Weltwirtschaftskrise, vor allem auch vor ihrer Bekämpfung durch eine neue Geldflut. Denn die Staaten und ihre Zentralbanken gehen "all in". Das ist zwar kein gutes Omen für den Geldwert, aber es könnte den "System-Crash" doch noch einmal vertagen - vor allem wenn der“ Lockdown“ ein baldiges Ende hat.

"Kein Übel ist so groß, dass es nicht von einem neuen übertroffen werden könnte." - Wilhelm Busch

Der "Run" in das physische Gold

Gold ist das ultimative Zahlungsmittel, der "sichere Hafen". Das zeigte sich aktuell wieder einmal in aller Deutlichkeit. Die Erschütterungen an den weltweiten Finanzmärkten haben die Nachfrage nach physischem Gold in die Höhe schnellen lassen. Gleichzeitig hat der vielerorts befohlene "Lockdown" die Produktion und Logistik von physischen Edelmetallen zu Engpassfaktoren werden lassen.

In der Schweiz haben die vier Raffinerien (zwei im Tessin, zwei in der Romandie) inzwischen geschlossen. Der grenzüberschreitende Handel von Münzen und Barren ist unterbrochen. Prägeanstalten in den USA, Kanada oder Südafrika haben die Arbeit eingestellt. Der Knappheitseffekt hat längst alle bedeutenden Goldhandelsplätze wie London, New York und Shanghai erreicht.

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Quelle: Refinitiv, Degussa; Berechnungen Degussa. (1) Bis einschl. 26. März 2020.


Die Knappheit des physisch verfügbaren Goldes hat dazu geführt, dass die Preisdifferenz zwischen "Papiergold" im Future-Markt und dem Goldpreis im Spot-Markt außergewöhnlich stark angestiegen ist. Am 24. März 2020 handelte der April-Future an der COMEX bei 1.660,2 USD/oz, während der Papiergold-Spotpreis bei 1.610,0 USD/oz lag - eine Preisdifferenz von sage und schreibe gut 50 USD/oz.

So etwas hat es bislang noch nicht gegeben, so die Reaktion erfahrener Goldhändler. Ein Grund für diese Entwicklung mag sein, dass der ausgetrocknete physische Markt diejenigen Akteure in die Future-Kontrakte treibt, die sich gegenwärtig händeringend Zugriff auf physisches Material sichern wollen. Dafür sind sie bereit, einen hohen Preisaufschlag zu bezahlen.

Nicht auszuschließen ist auch, dass der Zufluss in Gold-ETFs andauert, und die Gold-ETF-Emittenten nicht mehr an ausreichendes physisches Material kommen und daher ihr Eindeckungsrisiko im Future-Markt mit kurzen Lieferterminen absichern - und die steigende Nachfrage nach Long-Gold-Future-Positionen treibt den Papiergoldpreis. Das würde auch erklären, warum am 25. März die April-Futures teurer handelten als die Juni- und August-Futures:

Die starke Nachfrage durchbrach sogar den typischerweise vorherrschenden "Contango", dass also die Lieferung von Gold üblicherweise in fernerer Zukunft teurer ist, als wenn es im Kassamarkt oder in naher Zukunft gekauft wird. Bleibt der physische Goldmarkt "eingefroren", könnte der Contango natürlich auch noch fernere Liefertermine erfassen.

Blickt man durch den "Sondereffekt" hindurch, reflektieren die Papiergoldmärkte letztlich vor allem auch die Erwartung eines künftig weiter steigenden Goldpreises - nach dem Motto: Wenn das physische Material knapp wird, dann wenigstens die Möglichkeit nutzen, per Termin an das gelbe Metall zu gelangen, um an der erwarteten Goldpreissteigerung teilzuhaben. Das erscheint vor allem vor dem Hintergrund der weltweiten Problemlage plausibel: Denn das ungedeckte Papiergeldsystem ist nämlich wieder ins Wanken geraten.


Das ungrdeckte Papiergeldsystem wankt

Die Sorge vor den Folgen des Corona-Virus (COVID-19) hat weltweit zu einem Nachfrage- und Angebotsschock geführt: Die Güter- und Dienstleistungsnachfrage kollabiert, und weil die internationalen Produktions- und Wertschöpfungsketten ebenfalls ins Stocken geraten, kann auch die bisherige Produktionsleistung nicht mehr aufrechterhalten werden. Viele Regierungen haben die Entscheidung getroffen, weite Teile des Wirtschaftslebens "herunterzufahren", um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Ein solcher Stillstand ("Lockdown") ist überaus folgenschwer: Der damit verbundene Produktionseinbruch übertrifft alles, was sich in bisherigen Wirtschaftskrisen zugetragen hat.

Vor allem aber das ungedeckte Papiergeldsystem, das man weltweit vorfindet, gerät unter dem Nachfrage- und Produktionseinbruch ins Wanken, und das kann für die Weltwirtschaft letztlich fatale Folgen haben; die Börsen geben bereits einen Vorgeschmack darauf (wie die nachstehende Abbildung zeigt). Ob in den USA, Europa, Asien oder Lateinamerika: Überall operiert man mit ungedeckten Papiergeldsystemen. In einem ungedeckten Papiergeldsystem weiten die Zentralbanken, in enger Kooperation mit den Geschäftsbanken, die Geldmenge per Kreditvergabe aus. Das ist Geldmengenvermehren aus dem Nichts: Neues Geld wird in Umlauf gegeben, das durch keinerlei "echte Ersparnis" gedeckt ist.

Dass solch ein ungedecktes Geldsystem unweigerlich für Krisen sorgt, ist Ökonomen nur zu gut bekannt. Vor allem kann das Schuldgeldsystem eines nicht vertragen: einen Rückgang der Einkommen, einen Verfall der Güterpreise. Dann nämlich tritt die Überschuldung von Firmen, Haushalten und vor allem der Staaten zutage, fliegt der ganze Papiergeldschwindel auf. Und das ist auch der Grund, warum die Staaten mit ihren Zentralbanken jetzt stärker denn je in das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem eingreifen.

Die Zinsen werden so weit wie noch möglich gesenkt, um die Schuldenpyramide vor dem Einsturz zu bewahren. Und strauchelnde Staaten und Banken versorgt die Zentralbank bei Bedarf mit unbegrenzten Geldspritzen. Doch anders als noch in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 steht mittlerweile auch die Privatwirtschaft im Feuer: Firmen und privaten Haushalten droht der Bankrott. Und weil die Lage so bedrohlich ist, gehen die Regierungen und ihre Zentralbanken "all in": Sie schnüren großangelegte Rettungspakete (die natürlich letztlich die Steuerzahler bezahlen), um die heranrollende Weltwirtschaftskrise abzuwehren.



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