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Der alternative Ausblick

29.12.2019  |  Manfred Gburek
Zu jeder Jahreswende dasselbe: eine Fülle an Prognosen, von A wie Aktien bis Z wie Zinsen – mit nur geringer Nachlese im darauffolgenden Jahr, weil dann herauskäme, dass die Prognostiker wieder mal überwiegend daneben lagen. Also höchste Zeit, grundsätzliche Überlegungen dagegen zu setzen. Denn nur der Umweg über sie führt zu positiven Ergebnissen bei der Geldanlage.

Beginnen wir mit Gold und Silber. Die Preise beider Edelmetalle befinden sich seit mehr als zehn Jahren auf einer Achterbahnfahrt, die Kurse der Minenaktien erst recht. Seit dem Sommer 2019 bereiten vor allem Minenaktien den Anlegern Freude, zum Teil mit Kursverdoppelungen und seit einigen Tagen sogar darüber hinaus. Entscheidende Faktoren für die Hausse waren zunächst Goldkäufe der Zentralbanken, im dritten Quartal Käufe von ETFs (Exchange Traded Funds = börsengehandelte Fonds), außerdem die Senkung der Produktionskosten der Minen sowie deren Konzentration, wie zum Beispiel die Übernahme von Goldcorp durch Newmont und von Detour Gold durch Kirkland Lake.

Solche Faktoren dürften mit Unterbrechungen weiter dominieren, weil allein schon die globalen Niedrig-, Null- bis Negativzinsen für Gold und Silber sprechen. Im Übrigen senden die Minenindizes XAU und HUI positive Signale aus, indem sie im Vergleich zu den Gold- und Silberpreisen per Saldo stärker steigen.

Die gängigen Aktien außerhalb des Edelmetallsektors waren 2019 der große Hit. Doch es galt zu differenzieren: Während ihre Kurse den deutschen Anlegern nur selektiv Freude bereiteten, schossen sie in den USA zum größten Teil durch die Decke.

Interessant sind die wesentlichen Ursachen dieser Auseinanderentwicklung: Der große Schub der amerikanischen Kurse war vor allem, besonders in den vergangenen Monaten, auf Aktienrückkäufe großer Konzerne zurückzuführen. Dagegen hat Deutschland - abgesehen von der steuerlichen Diskriminierung der Aktien - seit vielen Jahren ein seitens der Öffentlichkeit kaum beachtetes Strukturproblem, Stichwort Stakeholder. So nennt man die im weiteren Sinn an einem Unternehmen Beteiligten bzw. Anspruchsberechtigten.

Dazu gehören neben Groß- und Kleinaktionären auch Vorstände, Aufsichtsräte, Arbeitnehmer, Betriebsräte, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, Banken als Kreditgeber und Berater, Fonds, Pensionskassen, Zulieferer, Kunden, Aktionärsschützer und natürlich der Staat, indem er nicht nur Steuern erhebt, sondern auch eine Unzahl an Vorschriften erlässt. Das alles gehört zum Modell Deutschland - ebenso wie die Dominanz des unternehmerischen Mittelstands einschließlich seines nicht allein auf maximalen Gewinn, sondern auch auf sozialen Frieden ausgerichteten Geschäftsmodells.

Wir haben es hierzulande also nach wie vor mit sozialer Marktwirtschaft zu tun, einem nationalökonomischen Modell, das seit den Zeiten von Ludwig Erhard Bestand hat. Nutznießer dieses Modells war über viele Jahre der unternehmerische Mittelstand. Doch schon bei genauerem Hinsehen zeigt sich jetzt: Da gibt es ein Problem, das ist der Übergang von einer Generation zur nächsten.

Es ist zwar schon seit mindestens einem Jahrzehnt virulent, aber in letzter Zeit wächst es über sich hinaus. Froh sein können demzufolge solche Mittelständler, die rechtzeitig den Börsengang gewagt haben, sodass es erst nicht zu größeren Streitigkeiten unter den Erben kommt. Die Mehrheit der anderen muss sich hingegen auf erhebliche juristische Auseinandersetzungen gefasst machen.

Börsennotierte Mittelständler sind zuhauf im MDax, SDax und TecDax vertreten. Es dürfte sich lohnen, mehr als nur einen Blick auf sie zu werfen, weil viele von ihnen über hohe stille Reserven verfügen. Diese führen erfahrungsgemäß zu steigenden Kursen, sobald Großanleger entdecken, dass der Substanzwert einer Aktie höher ist als der Kurswert.

Entsprechende Aktien zu suchen und zu finden, ist Fleißarbeit. Dabei hilft neben der Interpretation von Charts vor allem der Blick in Geschäftsberichte und sonstige Veröffentlichungen unter dem Aspekt Value; so wird der Substanzwert oft von Finanzanalysten umschrieben. Value-Aktien sind derzeit stark im Kommen, nachdem Growth- bzw. Wachstumsaktien als ihre Antipoden etwas in den Hintergrund gerückt sind.

Für die meisten deutschen Anleger bedeutet Substanz: Immobilien. Wenn man Statistiken zu deren Preisentwicklung in Metropolen während der vergangenen zehn Jahre heranzieht, scheinen diese Anleger richtig zu liegen. Doch die Metropolenpreise zeigen ein Zerrbild. Denn erstens sind sie eher die Ausnahme als die Regel, wenn man sie mit den Immobilienpreisen im Ganzen vergleicht.

Zweitens waren die vergangenen zehn Jahre von einem regelrechten Boom geprägt. Und drittens gibt es so viele Immobilienarten, dass sich eine Verallgemeinerung von selbst verbietet. Beispiele: Wohnhäuser, wahlweise zur Eigennutzung oder zur Vermietung, Eigentumswohnungen, Wohn- und Geschäftshäuser, offene und geschlossene Immobilienfonds, Hotel-, Logistik- und sonstige Gewerbeimmobilien, Ferienhäuser, Auslandsimmobilien, Immobilienaktien, Reits, Immobilien entweder als Privat- oder als Betriebsvermögen.

Wer soll da noch durchsteigen? Obendrein werden Immobilien unterschiedlich besteuert; und es bedarf sogar eines auf die Materie hochspezialisierten Steuerberaters oder Wirtschaftsprüfers, damit der Fiskus nicht alles wegsteuert. Die meisten Immobilien sind illiquide, wenn der Zeithorizont sich nicht gerade über ein Dutzend Jahre oder länger erstreckt. Immobilien sind ebenso Spekulationsobjekte wie Aktien, Anleihen, Edelmetalle, Rohstoffe oder Derivate.

Donald Trump hat zeitweise erfolgreich mit Immobilien spekuliert. Aber welcher Bundesbürger hat so viel Chuzpe wie der US-Präsident? Alles in allem: Ein Haus oder eine Wohnung zum Eigenbedarf mag in manchem Fall erstrebenswert sein, doch ein Kauf während des jetzigen Booms sollte im Zweifel mehrfach überlegt werden.

Fazit: Das vor uns liegende Jahr verspricht spannend zu werden. Das gilt im positiven Sinn vor allem für Edelmetalle und Value-Aktien aus MDax, SDax und TecDax, im negativen Sinn für Immobilien und Anleihen. Wichtig, jedoch nicht ganz einfach umzusetzen, ist das richtige Timing. Dazu gehört eine gute Beobachtungsgabe. Aber die kann man sich durch ständiges Verfolgen der relevanten Märkte aneignen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei gburek.eu: Geldflut


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