Suche
 
Folgen Sie uns auf:

Schöne neue Welt der Energie‑Fülle Wäre das ohne Silber denkbar?

07:31 Uhr  |  Hans Jörg Müllenmeister
Der Tag, an dem der Widerstand fällt

Der Tag könnte kommen, an dem die Menschheit den elektrischen Widerstand überwindet – jenen unscheinbaren, aber allgegenwärtigen Gegner, der jedes elektrische Signal bremst und jede Leitung erwärmt. Es wäre der Tag, an dem ein neues Material – geboren aus Forschung, Mut und vielleicht einem Funken Zufall – die Energie befreit von Verlust, Hitze und Verschwendung.

Ein Raumtemperatur‑Supraleiter: ein Stoff, der der Elektrizität nicht länger Fesseln anlegt, sondern ihr Flügel verleiht. Ein Material, das bedeutender sein könnte als jene Metalle, die frühere technische Revolutionen getragen haben.

Damit stellt sich die eigentliche Frage: Was geschieht mit einer Menschheit, der Energie plötzlich nahezu nichts mehr kostet?


Epoche‑prägende Materialien

Die Geschichte kennt Momente, in denen ein einziges Material genügte, um die Welt neu zu ordnen. Bronze. Eisen. Und Silizium, das Element des ersten Transistors. Nicht die Seltenheit bestimmter Stoffe prägt eine Epoche, sondern jene Eigenschaft, die zur rechten Zeit neue Möglichkeiten eröffnete.

Auslöser der jüngsten Revolution war ein geniale Denker: Georg Boole, der die Logik in die Form von 0 und 1 goss. Jahrzehnte später fand dieser abstrakte Weg ihren Weg in die Praxis – in Silizium. Und dahinter stand Claude Shannon, der eigentliche Dolmetscher, der die boolesche Algebra in der Sprache der Digitaltechnik umsetzte.

Vielleicht stehen wir heute an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter – einem Zeitalter der technologischen "Widerstandslosigkeit", in dem die Supraleitung bei Raumtemperatur den Strom wie lautlose Flüsse trägt und die Gesetze der Energie neu gezeichnet werden. In den Laboren glüht die Suche nach jener geheimnisvollen Legierung, die dem elektrischen Strom keinen Widerstand mehr entgegensetzt. Diese Suche erinnert an historische Zeiten, als Alchemisten in ihren Kammern den Stein der Weisen erträumten, der das Unedle in Gold verwandeln sollte.


Silber und die neue Bedeutung von Wert

In einer Welt perfekter Leitfähigkeit würde Silber seinen technischen Vorrang verlieren. Nicht seinen Glanz als Edelmetall, aber seine Rolle als strategischer Rohstoff. Die Leitfähigkeit, die es einst zum König der Elektronik machte, verblasste gegenüber einem Material, das Strom ohne jeden Verlust führt.

Doch vielleicht ist dies nur ein Symbol für einen tieferen Wandel:

• dass Wert nicht länger aus Knappheit entsteht, sondern aus Nützlichkeit,
• dass Fortschritt nicht mehr bedeutet, mehr zu verbrauchen, sondern weniger zu verlieren,
• dass Reichtum nicht in Metallen liegt, sondern in Möglichkeiten.

Einschub für humorvolle Physik‑Freaks: Silber ist der beste elektrische Leiter, den wir kennen – supraleitend, also ohne Widerstand wird es jedoch nie, selbst wenn man Silber bis auf wenige Kelvin über dem absoluten Nullpunkt abkühlt. Ganz anders Quecksilber: Das kippt bereits bei rund 4,2 Kelvin in den supraleitenden Zustand und war das Metall, an dem Heike Kamerlingh Onnes diesen Effekt erstmals nachwies.

Der Holländer war dafür geradezu prädestiniert – welches Land bringt sonst Käse hervor, der Löcher hat, also praktisch Leerstellen ohne Beißwiderstand? Nobelpreisträger Onnes lieferte jedenfalls den entscheidenden Impuls für eine Forschung, die uns vielleicht eines Tages nahezu verlustfreie Energie bescheren könnte.


Die Energiewelt im neuen Gleichgewicht

Mit einem solchen Material würde die Menschheit ihren größten elektrischen Gegner überwinden: den Verlust. Stromnetze würden nicht mehr glühen wie überlastete Drähte, sondern schweben wie Adern aus Licht. Städte könnten Energie speichern wie ein Herzschlag, ohne dass Wärme entweicht. Rechenzentren würden nicht mehr brummen, sondern flüstern – denn ihre Hitze wäre Geschichte.

Und dann, im Verbund mit der Kernfusion, diesem künstlichen Stern auf Erden, entstünde ein neues Zeitalter: Energie, die nicht erkämpft, sondern geerntet wird. Energie, die nicht knapp, sondern selbstverständlich ist. Energie, die nicht zerstört, sondern ermöglicht.


Die Befreiung der Energie aus ihrem "dogmatischen Schlummer"

Heute verlieren wir weltweit rund ein Drittel der erzeugten elektrischen Energie durch Wärmeverluste in Leitungen, Chips, Transformatoren und Maschinen. Ein Supraleiter würde diese Verluste gar nicht erst entstehen lassen – wie ein Schreibfehler, der sich ohne Radiergummi selbst korrigiert.

Stromnetze könnten sich über Kontinente spannen, ohne dass Energie unterwegs "verdampft". Städte würden Energie speichern wie ein lebendiger Organismus, ohne dass Wärme entweicht.

Rechenzentren, die Kathedralen der digitalen Ära, würden nicht länger brummen und glühen, sondern kühl und still arbeiten, als wären sie aus Luft gebaut.


Können Supraleiter KI‑Rechenzentren revolutionieren?

Gewiss – denn Supraleiter besitzen zwei nahezu magische Eigenschaften:

• keinen elektrischen Widerstand,
• besondere magnetische Effekte, die extrem effiziente Schaltungen ermöglichen.

Damit ließen sich Chips entwickeln, die kaum Wärme erzeugen, Schaltkreise, die in atemberaubender Geschwindigkeit arbeiten, und Kühlsysteme, die nur noch einen Bruchteil der heutigen Energie benötigen.


Bewerten 
A A A
PDF Versenden Drucken

Für den Inhalt des Beitrages ist allein der Autor verantwortlich bzw. die aufgeführte Quelle. Bild- oder Filmrechte liegen beim Autor/Quelle bzw. bei der vom ihm benannten Quelle. Bei Übersetzungen können Fehler nicht ausgeschlossen werden. Der vertretene Standpunkt eines Autors spiegelt generell nicht die Meinung des Webseiten-Betreibers wieder. Mittels der Veröffentlichung will dieser lediglich ein pluralistisches Meinungsbild darstellen. Direkte oder indirekte Aussagen in einem Beitrag stellen keinerlei Aufforderung zum Kauf-/Verkauf von Wertpapieren dar. Wir wehren uns gegen jede Form von Hass, Diskriminierung und Verletzung der Menschenwürde. Beachten Sie bitte auch unsere AGB/Disclaimer!




Alle Angaben ohne Gewähr! Copyright © by GoldSeiten.de 1999-2026.
Die Reproduktion, Modifikation oder Verwendung der Inhalte ganz oder teilweise ohne schriftliche Genehmigung ist untersagt!

"Wir weisen Sie ausdrücklich auf unser virtuelles Hausrecht hin!"