Edelmetalle – Ohrfeige zum Jahreswechsel
15:36 Uhr | Florian Grummes
1. Rückblick - Silber´s Höhenflug und plötzlicher Absturz
Silber in US-Dollar, Tageschart vom 31. Dezember 2025. Quelle: Tradingview
Das vierte Quartal und insbesondere die letzten Wochen des Jahres 2025 standen ganz im Zeichen von Silber, das nicht nur Gold, sondern nahezu alle anderen Anlageklassen deutlich übertraf. Am gestrigen Montag, den 29. Dezember, erreichte der Silberpreis unmittelbar nach Handelseröffnung mit 84,03 USD ein neues Allzeithoch, bevor er im Tagesverlauf dramatisch um 16,07% auf 70,52 USD einbrach.
Diese scharfe Korrektur folgte auf eine atemberaubende Rally in den Wochen zuvor: Seit dem letzten markanten Tiefpunkt bei 45,55 USD am 28. Oktober hatte Silber innerhalb von zwei Monaten um +84,48% zugelegt. Neben klaren Überhitzungstendenzen dürften vor allem Gewinnmitnahmen und erhöhte Margin-Anforderungen den plötzlichen Preisrückgang ausgelöst haben.
Chinas Eingriff und der geopolitische Wendepunkt
Hinter der kurzfristig enormen Volatilität verbirgt sich jedoch ein tiefergehender struktureller Wandel: China hat den engen globalen Silbermarkt erschüttert, indem es Silberexporte ab dem 1. Januar 2026 einer staatlichen Genehmigungspflicht unterstellt – ein geopolitischer Schachzug mit potenziell weitreichenden Folgen.
Mit der Neuklassifizierung von Silber als strategisches "Dual-Use"-Material signalisiert Peking, dass Silber nicht nur ein Industriemetall, sondern auch ein sicherheitsrelevanter Rohstoff ist. Der Schritt erinnert stark an Chinas Vorgehen bei den seltenen Erden vor rund einem Jahrzehnt, als Exportquoten ebenfalls zur Stärkung der heimischen Industrien und zur Erhöhung der globalen Abhängigkeit führten.
Eine neue Machtlogik in den Edelmetallmärkten
Da China den größten Teil der weltweiten Silberverarbeitung kontrolliert, verschafft diese neue Regelung dem Land eine erhebliche Machtposition in der Lieferkette – besonders in Anbetracht der stark steigenden Nachfrage aus den Bereichen Solarenergie, Elektromobilität, Halbleiter und Verteidigungstechnologie.
Diese Entwicklungen spiegeln sich bereits in den Marktpreisen wider: Der Preisunterschied zwischen physischem Silber in Shanghai und Papierkontrakten an der COMEX lag zuletzt bei rund 6 US Dollar pro Unze – ein Aufschlag, welcher auf deutliche Knappheiten im physischen Markt hinweist.
Gold hingegen zeigte sich in den letzten Wochen etwas zurückhaltender und folgte dem Silberpreis lediglich. Dennoch gelang auch hier mit 4.550 USD am 1.Weihnachtsfeiertag ein neues Allzeithoch. Zum Wochenauftakt rutschten die Notierungen gestern aber ebenfalls stark in den Keller. Erst bei 4.302 USD wurde der Tiefpunkt gefunden (-5,41%), von dem sich der Goldpreis aber aktuell schon wieder schnell um über 100 USD erholt hat.
Insgesamt haben die letzten Wochen des Jahres 2025 eine klare Trennung zwischen Papier- und physischen Edelmetallmärkten offengelegt und die geopolitische Bedeutung der Edelmetalle als auch der Rohstoffe erneut unterstrichen. Die Silber Hausse ist damit weit mehr als eine Preisspekulation – er ist ein Ausdruck der neuen Machtlogik einer multipolaren Weltwirtschaft, in der Kontrolle über Gold Vertrauen und über Silber Einfluss bedeutet. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Chinas Schritt eine kurzfristige Marktverzerrung bleibt oder den Beginn einer langfristigen strukturellen Neubewertung für eines der wichtigsten Industriemetalle unserer Zeit markiert.
2. Chartanalyse Gold in US-Dollar
a. Wochenchart: Wochenkerze mit bärischem Umkehrmuster?

Gold in US-Dollar, Wochenchart vom 31. Dezember 2025. Quelle: Tradingview
Seit dem markanten Dreifachboden bei 1.615 USD im Herbst 2022 kennt der Wochenchart im Grunde genommen nur den Weg nach oben. Zwar kam es rückblickend immer wieder zu mehrwöchigen und auch mehrmonatigen Konsolidierungsphasen, per saldo steht aber ein fulminanter Anstieg von fast 300% innerhalb von etwas mehr als 3 Jahren zu Buche!
Ausgehend vom neuen Allzeithoch bei 4.550 USD deutet sich nun in Verbindung mit dem scharfen Rücksetzer seit Montagmorgen erstmals in diesem phänomenalen Aufwärtstrend ein sogenanntes "bärisches Engulfing-Muster" an. Dieses zweikerzige Umkehrmuster entsteht, wenn der Körper der zweiten (roten) Kerze den der vorherigen grünen vollständig umschließt und damit ein mögliches Ende des Aufwärtstrends signalisiert.
Es tritt typischerweise nach längeren Anstiegsphasen auf und zeigt, dass die Käufer an Einfluss verlieren, während die Verkäufer zunehmend an Stärke gewinnen. Sollte es den Bullen bis zum Wochenschluss am Freitag nicht gelingen, das Bild zu verbessern, würde sich die Wahrscheinlichkeit einer Abwärtsumkehr deutlich erhöhen.
Im ungünstigsten Fall könnte nun die gesamte Aufwärtsbewegung von 1.615 USD bis 4.555 USD korrigiert werden. Dann wären potenzielle Kursziele bis in den Bereich um ca. 3.500 USD denkbar. Hier verlaufen sowohl die mittlere Trendlinie des übergeordneten Aufwärtstrendkanals als auch das untere Bollinger Band (aktuell 3.369 USD). Zudem hatte der Goldpreis in diesem Bereich bereits in diesem Jahr etwa vier Monate konsolidiert.