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Das Goldpreismanagement in Zeiten der Finanzrepression (Teil1/3)

24.08.2017  |  Lars Schall
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Das Motiv des Goldpreismanagements

Die Funktion von physischem Gold als Wertaufbewahrungsmittel, das gehortet wird, bietet an und für sich die Chance, aus dem Finanzsystem auszusteigen. Das Geld wird dem System entzogen und in Gold umgetauscht, woraufhin das Gold bisweilen auf Jahre und Jahrzehnte herumliegt, ohne wieder in Geld umgetauscht zu werden und ins Finanzsystem zurückzukehren. Die Akteure des Finanzsystems mögen Gold von daher eher nicht. Ihre Aufgabe besteht darin, das Geld der Anleger von vornherein innerhalb des Systems zu halten - in Aktien, Anleihen, Devisen, Immobilien und diversen Finanzprodukten. Gold ist ihr Konkurrent.

Zu diesen Akteuren zählt die U.S. Federal Reserve Bank. Der US-Dollar, den sie zusammen mit dem US-Finanzministerium schöpft, korreliert negativ zu Gold: geht der Wert des Dollar nach oben, fällt der Goldpreis - und umgekehrt. Gold ist eine Art internationale Währung, die zur Bewertung anderer Währungen herangezogen wird. Die negative Korrelation zu Gold besteht auch bei Staatsanleihen: das Auf-und-Ab des Goldpreises läuft zumeist in die jeweils gegensätzliche Richtung des Hin-und-Her dieser Staatspapiere. Ein steigender Goldpreis wird an den Finanzmärkten obendrein als Krisenzeichen und Indikator für eine steigende Inflation bzw. Inflationsfurcht gewertet.

Dem Finanzsystem kommt zugute, dass es manchen Akteuren, beispielsweise Versicherungen, von vornherein per Gesetz untersagt ist, Investitionen in Gold tätigen zu dürfen. Stattdessen werden (in einer Manifestation des "Finanzrepression"-Phänomens) die Investitionsgelder in Staatspapiere gelenkt. Der Kauf von Staatsanleihen gilt als "sichere Investition", gerade auch in Zeitläuften der Krise. (23)

Entgegen seines Rufs als "sicherer Hafen" geht der Goldkurs dagegen statistisch belegbar seit den 1990er Jahren im Laufe von Problemphasen an den Finanzmärkten zurück, "als gehörte Gold wie Aktien zu den in Krisenzeiten mit hohen Risiken behafteten Investments." (24) Mit diesem atypischen Verhalten trägt der Goldpreis zur Stabilität in solchen Krisensituationen bei: ein rückgängiger Goldkurs zeigt an, dass die Lage nicht so schlimm sein kann, wodurch Gold "als Krisen-Investment uninteressant" wird, und "die Gelder strömen in die verbleibenden Anlageklassen, insbesondere in die Staatsanleihemärkte.

Anschließend fließen sie auch wieder schneller in die Aktienmärkte zurück. Zudem wird der Eindruck einer unkontrollierten Krise vermieden." (25) Insofern dürften Zentralbanken durchaus "genügend Gründe" besitzen, "sich gerade in schwierigen Marktphasen einen fallenden Goldpreis zu wünschen." (26)

Dem Transkript eines Meetings des Federal Open Market Committee (FOMC) der U.S. Federal Reserve Bank von Mitte Mai 1993 ist zu entnehmen, dass Wayne D. Angell, ein stimmberechtigtes Mitglied des FOMC, den Goldpreis ins Auge fasste, und sagte: "Ich meine nicht, dass wir die Zinssätze um 300 Basispunkte anheben sollten. Wenn wir es aber täten, bin ich ziemlich sicher, dass der Goldpreis sofort beginnen würde, rasch [und stark] [zu fallen]. Es würde so schnell geschehen, dass Sie nur zum Bildschirm gehen und zusehen müssten.

Würden wir die Sätze für Federal Funds um 100 Basispunkte anheben, würde der Goldpreis sicher wieder nach unten gehen, außer die Lage ist schlimmer als ich denke. Wenn wir die Fed-Fund-Sätze um 50 Basispunkte anheben würden, weiß ich nicht, was mit dem Goldpreis passieren würde, aber ich würde es bestimmt gern herausfinden! [Gelächter]" (27)

Wenig später führte Angell zum Goldpreis aus: "Der Preis von Gold wird weitgehend durch das bestimmt, was Leute, die dem Papiergeldsystem nicht vertrauen, als Fluchtweg aus einer Währung nutzen wollen, und sie wollen Sicherheit gewinnen durch den Besitz von Gold." (28) Mit anderen Worten: Gold steht in Konkurrenz zum Kreditgeld. Ferner meinte Angell, der dem Vorstand der Federal Reserve von 1986 bis 1994 angehörte, dass der Goldpreis weniger eine Frage von Produktion und Verbrauch sei, sondern eher eine der Haltung gegenüber der Inflation. Eine Veränderung dieser Haltung bewirke auch eine Veränderung des Goldpreises. (29)

Im selben Meeting legte der damalige Fed-Vorsitzende Alan Greenspan dar: "Meine Neigung heute - und ich bin ehrlich gesagt, höchst neugierig auf die Meinung anderer - wäre, einen Schwenk in Richtung einer restriktiveren Haltung zu machen und die psychologische Wirkung, so gut wir können, zu beobachten. Mit Letzterem meine ich zu sehen, was mit dem Anleihemarkt, den Börsen und dem Goldpreis passiert." Wenig später brachte Greenspan "noch ein anderes Thema" auf die Tagesordnung. "Ich zögere, es zu tun, aber lassen Sie mich einige der Problematiken beleuchten, die hier eine Rolle spielen. Wenn wir es mit Psychologie zu tun haben, kommt den Thermometern, die man benutzt, um sie zu messen, eine Wirkung zu. Ich habe bei Gouverneur Mullins am Rande die Frage aufgeworfen, was passieren würde, wenn das Schatzamt etwas Gold in diesem Markt verkauft.

Es stellt sich hier eine interessante Frage, denn wenn der Goldpreis in diesem Zusammenhang einbrechen würde, wäre das Thermometer nicht nur ein Messinstrument. Es würde prinzipiell die zugrunde liegende Psychologie beeinflussen. Nun, wir haben kein gesetzliches Recht, Gold zu verkaufen, aber ich bin ehrlich ganz einfach neugierig, was die Leute über Situationen dieser Art denken, weil hier etwas Ungewöhnliches in die Politik hineinspielt. Wir bewegen uns nicht einfach im Rahmen der Standardpolitik, bei der die Geldmenge expandiert, die Wirtschaft expandiert und die Fed die Zügel anzieht. Dies ist etwas ganz anderes." (30)

Die Federal Reserve hatte also durchaus ein Auge auf den Goldpreis gerichtet und fragte sich, ob der Goldpreis "die richtigen Signale" an die Marktteilnehmer senden würde - ein Indiz der psychologischen Komponente, die Gold auf den Markt ausübt. Obendrein machte sich Greenspan Gedanken über eine Beeinflussung des Goldpreises: "… was passieren würde, wenn das Schatzamt etwas Gold in diesem Markt verkauft."

Beim nächsten FOMC-Meeting, das Anfang Juli 1993 stattfand, stand Gold abermals zur Diskussion. Greenspan rief Angell zu einem Wortbeitrag auf, als das Gespräch um eine Erhöhung der Leitzinsen drehte. Angell war ein Fürsprecher einer Zinsanhebung. Im Zentrum seiner Überlegungen stand das Phänomen der Inflation und wie man es wirksam bekämpft. In diesem Zusammenhang sprach Angell den Goldpreis an, welcher seiner Meinung nach beispielsweise nicht von der Goldnachfrage in asiatischen Ländern bestimmt werden würde. Stattdessen ließ er seine Kollegen wissen: "Der Goldpreis wird weitgehend von uns bestimmt", und erklärte ihnen weiter:

"Auf viele Dinge, etwa Grundstückspreise, haben die langfristigen Zinsen einen hohen Einfluss. Aber den größten Einfluss auf den Goldpreis stellen die Opportunitätskosten dar, den US-Dollar zu halten." (31) Wer in der Welt anderen Währungen nicht vertraue, könne in den US-Dollar wechseln - wobei der US-Dollar, das machte er mit dem Hinweis auf die Opportunitätskosten klar, im Wettbewerb mit dem Gold steht: ist der Zins bei Investitionen in US-Dollar attraktiv, nimmt die Attraktivität des Goldes ab. (32) "Wir sind in einer Phase", urteilte Angell wenig später, "die von Inflationserwartung geprägt ist, und diese äußert sich im Goldpreis" - der damals gestiegen war. (33)

Dann wies er auf die geringe jährliche Produktion von Gold im Vergleich zum weltweiten Bestand von Gold hin - jenes Stock-to-Flow-Verhältnis, das "eine der Voraussetzungen für direkte Interventionen ist" - nämlich durch Verkauf- und Leihgeschäfte von Gold, das von Zentralbanken gehalten wird. (34) Jedenfalls sagte Angell, dass "eine Menge" des Goldbestandes "von Zentralbanken gehalten" würde. Mit keinem Wort sprach Angell von direkten oder gar systematischen Eingriffen; aber die Möglichkeit, wie man das machen könnte, wenn man denn wollte, stand nun im Raum. Zudem wird in seinen Ausführungen klar, dass ihm der steigende Goldpreis (und die damit einhergehende Inflationsfurcht) ein Dorn im Auge war.

Die leidige Sache mit dem steigenden Goldpreis könne beendet werden, eröffnete er seinen Kollegen dann: "Wir können den Goldpreis sehr leicht halten" - und zwar durch eine Erhöhung der Zinsen. "Wir müssen lediglich hohe Opportunitätskosten bei den Leitzinsen und [bei den Zinsen] der Treasury Bills verursachen, um es unrentabel zu machen, Gold zu halten", denn das Wertaufbewahrungsmittel Gold wirft keine Zinsen ab. (35) Den Effekt erhöhter Zinsen auf den Goldpreis hatte Angell, wie gesehen, schon beim vorherigen Treffen des FOMC im Mai erwähnt. Mit seiner Auffassung, dass für höhere Zinsen zu stimmen sei, stand Angell im FOMC zu der Zeit jedoch alleine da. Zu groß waren unter den anderen stimmberechtigten Mitgliedern die Bedenken, dass die wirtschaftliche Aktivität im Lande durch angezogene Zinsen negativ beeinträchtigt hätte werden können.


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