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Das Goldpreismanagement in Zeiten der Finanzrepression (Teil1/3)

24.08.2017  |  Lars Schall
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Beim nächsten FOMC-Meeting am 17. August 1993 zeigte sich Angell ob der inzwischen beim Goldpreis eingetretenen Entwicklung dann recht glücklich gestimmt: "Ich stelle fest, dass der Goldpreis von 400 Dollar auf 371 Dollar zurückgekommen ist. Das ist wirklich ein Vorgang, der der Bewegung entspricht, die im Anleihemarkt stattfand. Und das hat sehr, sehr gut funktioniert." (36)

Seltsam nur: "die von ihm in der vorherigen Sitzung vorgeschlagene Methode der Zinserhöhung war ja abgelehnt worden." Das kann den Preisrückgang nicht bewirkt haben. Gleichwohl zieht er "die Verbindung (…) zum parallel stattgefundenen Rückgang der Renditen am Anleihemarkt. In der vorherigen Fed-Sitzung hatte er diesen Aspekt nur angesprochen, hier zeigt Angell, dass er den Rückgang der Renditen, also steigende Anleihekurse, für eine Folge des 'Haltens' des Goldes hält." (37)

Wie ist dieses "Halten" des Goldpreises aber zu erklären?


Handelsplatz New York

Seit vielen Jahren ist zu beobachten, dass der Goldpreis häufig während der Handelszeit der New Yorker Rohstoffbörse COMEX fällt - auch wenn sich der Goldpreis an den asiatischen und europäischen Börsen hält oder gar steigt. Typischerweise geht der Goldpreis besonders in den ersten beiden Handelsstunden und in zeitlicher Nähe zum PM-Fixing in London zurück, wo eine Art Weltgoldpreis gesetzt wird. Außerdem verliert der Goldpreis oft, wenn der New Yorker Schlusskurs ansteht. Anhand statistischer Untersuchungen der Kursbewegungen des Goldes im Innertagesverlauf vermag Zufall als Erklärung ausgeschlossen zu werden. Stattdessen lässt sich eine Anomalie nachweisen, namentlich "ein wiederkehrendes kurzfristiges Muster, das weit außerhalb eines markttypischen Verlaufs liegt." (38)

Auf ersten Untersuchungen aufbauend, die von Harry Clawar und Michael Bolser jeweils im Jahre 2000 durchgeführt wurden, (39) ging der Goldmarktanalyst Dimitri Speck in den Folgejahren mit einem verfeinerten Ansatz Zigtausende von Innertagesverläufe des Goldpreises durch, die zusammen nicht nur "eine hohe statistische Signifikanz" aufweisen, sondern auch "eine taggenaue Datierung des Beginns" der Goldkursanomalie erlauben. (40) Etwaige Markteingriffe durch verdeckt getätigte Verkäufe "zielen auf den Kurs, sie müssen sich somit am Kurs bemerkbar machen. Wir messen die Intervention direkt, wenn wir den Kurs betrachten." (41)

Und siehe da: die Schwäche des Goldpreises im Laufe der New Yorker Handelszeit ist ab dem 5. August 1993 nachweisbar. "An diesem Tag begannen die systematischen Interventionen gegen einen festen Goldpreis", urteilt Speck. "Diese werden maßgeblich mit Hilfe des New Yorker Terminmarktes Comex durchgeführt. Seitdem entwickelte sich der Preis dort meist schlechter als zur übrigen Handelszeit. Der 5. August 1993 ist ein Schlüsseltag in der modernen Geschichte des Goldes. An diesem Tag begann die systematische Niederringung des einzigen bedeutenden Wettbewerbers des Papiergeldes." (42)

Verfolgt man die Entwicklung der Interventionen, die seither geschahen, entpuppt sich ihre Intensität zu Beginn als besonders hoch. "Sie waren auch wirksam, denn der Goldpreis fiel nun schnell, nachdem er zuvor gestiegen war. Außerdem waren sie ein zweites Mal ab 1999 besonders stark, nachdem infolge des Washington Agreement on Gold (WAG) Gold sprunghaft stieg. (…) Die Interventionen wurden zudem nach einigen kleineren Anstiegen intensiviert." Ein Vergleich der Goldkursbewegung in New York gegenüber dem Rest der Welt lässt "sehr schön erkennen, dass Goldkursrückgänge in der Regel mit einer in New York beheimateten Schwäche des Goldes im Intraday-Verlauf einhergehen (für diesen Zusammenhang dürfte sich wohl auch nur schwerlich eine Erklärung jenseits von Interventionen finden lassen)." (43)

Der Handelsplatz New York ist für eine US-geführte Manipulation des Goldpreises als Heimspielstätte erste Wahl, weil: "Kursinterventionen müssen wie alles Übrige auch praktisch organisiert werden, und da bietet sich der Heimatmarkt an. Man kennt sich aus, hat Kontakte, und es ist weniger aufwendig, als rund um die Uhr tätig zu sein. Es ist außerdem weniger kostspielig, sich auf Kursmarken wie das Nachmittagsfixing und den Schlusskurs in New York (und des Terminmarktes) zu konzentrieren, an denen sich die Marktteilnehmer orientieren. Diese Kursmarken bleiben in Erinnerung, Handelsentscheidungen werden weit öfter an ihnen orientiert getroffen als an irgendwelchen Kursen zwischendrin." (44)

Ins Auge stechen bei der Intraday-Anomalie die schockartigen Rückgänge des Goldpreises, die aus heiterem Himmel geschehen. Speck: "Immer wieder fällt der Goldpreis wie ein Stein, binnen Minuten um Beträge von 10 Dollar oder mehr. Ohne jeden äußeren Grund wie eine Marktnachricht." (45) Am 5. August 1993 beispielsweise, dem Beginn der systematischen Intervention, fiel der Goldpreis um 8.27 Uhr New Yorker Zeit "in einer schnellen, für Investoren schmerzhaften Abwärtsbewegung. Binnen nur sieben Minuten verlor der Goldpreis 13 Dollar. Einen so plötzlichen und schnellen Rückgang hatte es zuletzt sechs Jahre zuvor, am (…) 27. April 1987, gegeben (bei dem auch einiges auf eine Intervention hindeutet)." (46) Seither gehören schockartige Goldkurseinbußen zum New Yorker Handelsgeschehen.

Stutzig macht obendrein ein Vergleich der Schlusskurse der Jahre 1997 bis 1999 in New York: die Schlusskurse waren "bis auf 1,3 Dollar gleich und betrugen alle drei beinahe genau 288 Dollar! Dies kann nun wirklich kein Zufall mehr sein. Die Spanne engt sich sogar noch weiter ein, wenn man die Jahresschlusskurse des maßgeblichen Frontmonats, des Februar-Kontrakts, an der Comex nimmt", dann nämlich liegt die Differenz gerade noch "bei maximal 0,7 Dollar! Da wird tagaus, tagein über Jahre fleißig gehandelt und eifrig spekuliert, nur damit am Jahresende immer wieder der gleiche Kurs herauskommt, als wären die Preise amtlich fixiert." (47)

Rechnet man die Wahrscheinlichkeit aus, "mit der ein Kurs dreimal hintereinander auf diese Weise den gleichen Wert einnimmt", fällt der Wert marginal aus, sodass "mathematisch und sachlich (…) klar" wird: "es liegt kein normales Marktgeschehen vor. (…) Der ermittelte Wert ist insgesamt gut belastbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Schlusskurse dreier aufeinanderfolgender Jahre so eng beieinanderliegen, wie sie es von 1997 bis 1999 taten, liegt bei oder unter 0,002 Prozent." (48)

Das vorrangige Motiv, um im Jahre 1993 verdeckt aktiv zu werden, bestand darin, dass man die Inflationssorgen einschläfern wollte. Die Federal Reserve steckte in einem Dilemma: sie konnte die Leitzinsen nicht anheben, da ein solcher Schritt die Konjunktur unter Mitleidenschaft gezogen hätte. Ferner sah man sich primär einer von Erwartungen geschürten Inflation gegenüber. Während des FOMC-Treffens im Mai 1993 sagte Alan Greenspan: "Nun denn, das ist eine sehr kritische Periode für uns", und: "Ich denke, wir können ausschließen, dass das übliche Geld- und Kreditphänomen die Inflation vorantreibt."

Fed-Gouverneur Robert McTeer rätselte derweil: "Ich verstehe diese kürzliche Spaltung in der Wirtschaft nicht, bei der die Realwirtschaft nach unten zu driften und zur gleichen Zeit Inflation aufzukommen scheint. Für mich ist das ein Mysterium." Fed-Gouverneur Lawrence B. Lindsey erklärte ihm das Mysterium sodann: "Ich glaube, der Grund, warum wir die höhere Inflation hatten, war von Ihnen, Herr Vorsitzender, gut ausgeführt. Sie basiert auf Erwartungen." (49)

Wenn man die Zinsen nicht anheben wollte, um auf die Inflation einzuwirken, die Inflation aber selbst "Folge einer hohen Inflationserwartung war, konnte die Inflation bekämpft werden, indem man auf die Inflationserwartung Einfluss nahm. Das ,Thermometer‘ war Gold, sein gestiegener Preis signalisierte die Gefahr einer Geldentwertung." Eingriffe im Goldmarkt boten den "Schlüssel zur Lösung dieses Spagats: Wie bekämpft man die Inflation, ohne die Leitzinsen anzuheben und damit die Wirtschaft zu gefährden? Indem man den Goldkurs drückt und den Leuten damit Geldwertstabilität signalisiert." (50)

Über eine geringere Inflationserwartung sind Anleger eher geneigt, in Anleihen zu investieren - was dann wiederum deren Renditen fallen lässt und somit "den Aufwand für den Schuldendienst (insbesondere des amerikanischen Staates) reduziert." (51) Ein weiterer Vorteil: "Im Dreiergespann der Währungen (Gold - Dollar - übrige Währungen) stützt ein schwacher Goldpreis aber auch den Dollar. Der inverse Zusammenhang von Dollar zu Gold ist auch empirisch gut belegt. Ein fester Dollar hat wiederrum weitere Folgen, darunter erneut die Möglichkeit, sich günstig zu verschulden (da kein Währungsrückgang eingepreist werden muss)." (52)

Lesen Sie weiter: Teil 2 und Teil 3 ...


© Lars Schall



Quellenverweise siehe Original-PDF des Artikels zum Download.



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