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Inflation - Die zwei Seiten der Medaille

04.05.2019  |  Dr. Keith Weiner
In unserem letzten Artikel haben wir geschrieben, dass die steigenden Preise nicht Ursache eines fallenden Dollar sind. Es ist nicht so, als könne man weniger mit dem Dollar kaufen. Stattdessen werden die Produzenten dazu gezwungen, mehr und mehr Zutaten zu verwenden, die für den Verbraucher nicht nur nutzlos, sondern auch vollkommen unsichtbar sind.

Beispielsweise müssen Produzenten von Milchprodukten ihren Mitarbeitern behindertengerechte Toiletten zur Verfügung stellen. Der Produzent mag Ihnen nun weniger Milch im Tausch gegen Ihre Dollar aushändigen, doch stellt Ihnen zeitgleich Mitarbeiter zur Verfügung, die behindertengerechte Toiletten benutzen können. Sie mögen das zwar nicht zu schätzen wissen, doch diese Zutat befindet sich nun in Ihrer Milch.

Auf Twitter verteidigte jemand die Quantitätstheorie des Geldes auf diese Weise: Inflation (d.h. monetäre Entwertung) wird ausgeglichen, indem man sein Unternehmen nach China auslagert, wo es keine Umweltschutzbehörde gibt. In anderen Worten: Die chinesische Regierung zwingt seine Produzenten nicht dazu, derartig nutzlose Zutaten zu ihren Produkten hinzuzufügen, wie es die US-amerikanische Regierung tut.

Dieser Typ meinte, dieser Kommentar hätte unser Argument widerlegt. Doch tatsächlich wurde es dadurch verstärkt.

In einem vorherigen Artikel über Keiths Theorie über Zinsen und Preise spricht er darüber, eine Jeans von Levis im Jahr 2013 für 5 Dollar weniger zu kaufen, als er für dieselbe Jeans vor 30 Jahren bezahlt hat, im Jahr 1983. Diejenigen, die der Inflationstheorie Nachdruck verleihen, behaupten oftmals, dass die offiziellen Inflationszahlen der Regierung eine Lüge sind. Die echte Inflationsrate, so sagen sie, sei viel höher.

Okay, nehmen wir an, die tatsächliche Inflationsrate betrüge 10% im Jahr. Wäre das korrekt, dann hätte man eine 50-Dollar-Jeans 1983 im Jahr 2013 für 872 Dollar kaufen können (und heute für mittlerweile 1.545 Dollar). Offensichtlich ist der Wert der Jeans nicht einmal annähernd so hoch.

Der Twitter-Typ behauptet, dass der Preis aufgrund regulatorischer Arbitrage nicht derartig hoch sei.

Doch ist es plausibel, dass regulatorische Arbitrage eine 17-fache Preiszunahme in eine Preiskürzung von 10% verwandeln kann? Dass man ein Produkt im Wert von 872 Dollar für 45 Dollar kaufen kann? Offensichtlich nicht.

Sein Kommentar bestätigt unseren Punkt sogar, dass die US-Regierung die Produzenten dazu zwingt, nutzlose Zutaten zu verwenden. Wenn Sie ein Land finden, in dem die Liste nutzloser Zutaten nicht sonderlich lang ist, dann könne Sie Jeans für 10% weniger produzieren, lagern und vertreiben als vor 30 Jahren.

Vorherrschend betrachtet man die Volkswirtschaftslehre aus der Perspektive der neoklassischen Schule. Diese Schule versucht Angebot und Nachfrage mit Keynesianischen Ideen zu vermählen. Bei Geld ist der Konsens klar. Er ist vollkommen unumstritten (mit Ausnahme unserer kleinen Runde). Die Quantitätstheorie des Geldes besagt, dass der Wert einer Währung invers proportional zur Anzahl an Einheiten ist; also Wert = 1/n.

Diese Ideen basieren auf dem Modell von Angebot und Nachfrage. Wenn die Währungsmenge steigt (ohne Rücksicht auf die Art und Weise, den Mechanismus), dann fällt der Preis. Und der Preis des Geldes wird in Bezug auf Verbrauchergütern festgelegt. Der Dollarpreis entspricht also beispielsweise 1/Milch.

Dieses Modell folgt einer derartigen Schlussfolgerung:
  • 1. Wenn die Gesamtmenge der Dollar zunimmt, dann besitzen die Leute mehr Dollar.
    • a) Ja, es gibt Haarspaltereien wie der Erstzugang zu neu gedruckten Dollar
    • b) Und was, wenn der Dollar in x Waren oder y Güter fließt?
  • 2. Wenn die Leute mehr Dollar besitzen, als sie möchten, dann kaufen sie mehr Waren.
  • 3. Wenn dieselben Waren von mehr Leuten gekauft werden, dann steigen die Preise.
  • 4. Institutionen kaufen Verbrauchergüter, wenn ihre Portfolioallokation zu Dollar zu hoch ist.

Um all diese Prämissen zu widerlegen, könnte man ganze Essays schreiben. Doch unser Punkt ist heute, dass jeder - von den fanatischen Befürworter der Fed bis hin zu deren lautstarken Feinden - die grundlegende Idee akzeptiert (vielleicht mit etwas Kritik).

Der zweitschwerste Schritt ist die Anzweiflung der vorherrschenden Meinung. Man wird sich (anfänglich zumindest) sicherlich keine Freunde machen, wenn man aufsteht und meint, dass "der Kaiser ja keine Kleidung trage." Man wird einem Sperrfeuer an Kritik gegenüberstehen - die auch von respektablen Personen dieses Themengebiets stammen wird. Mögliche Zuhörer haben ihren Geist vor Ihren Ideen verschlossen, auch wenn sie die zu debattierende Problematik nicht verstehen. Sie wissen nur, dass der Konsens und äußerst respektierte Personen gegen Ihre Idee sind und das reicht ihnen.

Doch das ist nur der zweitschwerste Schritt, den die Herausforderung der Quantitätstheorie des Geldes mit sich bringt. Der schwerste Schritt ist hierbei, die Weltanschauung zu verändern. Das ist der Grund, warum die Menschen so hart daran arbeiten, etwas Offensichtliches nicht zu sehen. Trotz des deutlichen Anstiegs der Dollarmenge sind die Preise nicht gefolgt.

In der Wirtschaft herrscht eine Anspannung zwischen fallenden Zinsen und zunehmenden nutzlosen Zutaten.

Die Kombination aus fallenden Zinsen und zunehmenden nutzlosen Zutaten drückt etwas anderes nach unten: die Profitmargen.

Es gibt einen einfachen Grund dafür, warum es so schwer ist, zu akzeptieren, dass man die Geldpolitik mithilfe der fallenden Zinsen betrachten sollte. Die Quantitätstheorie ist das vorherrschende Paradigma. Sie ist so tief verwurzelt, dass man großen Mut und großen kognitiven Aufwand benötigt, um eine andere Weltanschauung in Betracht zu ziehen. Es ist deutlich einfacher, immer stärker nach Zeichen für die prognostizierte Inflation Ausschau zu halten und nach Ausreden zu suchen, warum die Prognosen nicht eingetreten sind.

Ein Leser hat darauf hingewiesen, dass die zunehmenden Kosten, die den Produzenten aufgedrängt werden, nicht direkt zu steigenden Preisen führen. Damit liegt er absolut richtig. Jeder, der das in Frage stellt, sollte hergehen und sich ein teures neues Auto kaufen und seinen Chef dann um eine Gehaltserhöhung bitten, um die höheren monatlichen Lebenshaltungskosten zu decken.

Doch die meisten Unternehmen können es nicht lange hinnehmen, ein Produkt mit Verlust zu verkaufen. Der marginale Produzent wird also letztlich aus dem Geschäft aussteigen. Hier ein Gedankenbeispiel: Ein beliebtes Stadtviertel innerhalb einer großen Stadt trifft Unternehmen mit einem dreigliedrigen Konzept: (1) höhere Mindestgehälter; (2) Einschränkungen, wo LKWs entladen werden dürfen; und (3) verpflichtende Zahlung doppelten Lohns nach Mitternacht, plus verpflichtende, vierstündige Schichten, in denen drei Angestellte arbeiten müssen.


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