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Das ganze Ausmaß der globalen Rentenkrise

17.10.2017  |  John Mauldin
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Es gibt andere Studien, die die obenstehenden Zahlen optimistisch wirken lassen. Das Problem der meisten europäischen Staaten besteht darin, dass sie bereits massiv verschuldet sind und hohe Steuersätze haben. Außerdem können sie nicht ihre eigene Währung drucken. Auch viele der privaten Altersvorsorgen in Europa stecken in ernsten Schwierigkeiten. Infolge der niedrigen oder negativen Zinsen sind sie nicht mehr in der Lage, ihr Kapital zu vermehren. Alles in allem werden die Kosten für die Renten und die Gesundheitsversorgung der nicht mehr werktätigen Bevölkerung in ganz Europa dramatisch steigen.

Der neue französische Präsident Emmanuel Macron versucht - das muss man ihm zu Gute halten - die alte Ordnung radikal umzugestalten. In dieser Woche hat er begonnen, das Fundament für eine Vergemeinschaftung aller europäischen Schulden zu legen. Diese würden dann auf der Bilanz der EZB landen, nehme ich an. Sein Plan lässt die nicht gedeckten Zahlungsverpflichtungen jedoch weiterhin außer Acht. Sollen die Länder einfach immer mehr Schulden machen? Mir scheint, dass auch dieser Plan nur das Ziel verfolgt, das Problem noch eine Weile hinauszuzögern. Darin werden die Europäer mittlerweile richtig gut.

Beachten Sie im nächsten Chart die graue Linie, die anzeigt, wie hoch die konventionellen Staatsschulden der einzelnen Länder im Vergleich zum jeweiligen BIP sind. Die Grafik beruht größtenteils auf Daten aus dem Jahr 2006 und selbst damals entsprachen die italienischen Schulden schon fast 150% des BIP. Aktuellere Zahlen wären noch viel erschreckender.

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Ich könnte jetzt weiter auf die spezifischen Rentenprobleme in verschiedenen Ländern eingehen, aber ich denke, dass Sie das Gesamtbild langsam erahnen können. Die Krise ist nicht allein das Resultat einer fehlgeleiteten Politik, auch wenn diese natürlich eine große Rolle spielt. Das Problem ist aber so umfassend, dass es auch für die diszipliniertesten, zukunftsorientiertesten Regierungen und Unternehmen nur schwer zu bewältigen wäre.

Überlegen Sie sich einmal, was genau wir derzeit versuchen. Wir denken, dass die Menschen 35-40 Jahre lang arbeiten und sparen sollten, um sich dann zur Ruhe zu setzen und für weitere 20, 30 oder sogar 40 Jahre den gleichen Lebensstandard zu genießen - obwohl der Anteil der Rentner an der Gesamtbevölkerung wächst und die Zahl der in die Sozialsysteme einzahlenden Arbeitnehmer sinkt. Tut mir leid, aber das ist reines Wunschdenken.

Das ist auch nicht das, was die ursprünglichen Rentensysteme vorsahen. Diese wurden geschaffen, um eine relativ geringe Zahl an älteren Menschen zu unterstützen, die nicht mehr arbeiten konnten. Die Lebenserwartung war damals jedoch so gering, dass die meisten Arbeiter dieses Alter gar nicht erreichten oder nur noch wenige Jahre lebten, nachdem sie in den Ruhestand gegangen waren.

Als Franklin Roosevelt eine soziale Sicherung für Menschen im Alter von über 65 Jahren schuf, betrug die Lebenserwartung in den USA rund 56 Jahre. Wenn das Renteneintrittsalter ebenso schnell gestiegen wäre wie die Lebenserwartung, läge es jetzt bei 82 Jahren. Versuchen Sie mal, das den Wählern schmackhaft zu machen. Generationen von Politikern haben die Bevölkerung nicht nur davon überzeugt, dass die magische Erfüllung ihrer Wünsche möglich ist, sondern dass sie sogar garantiert ist. Viele der Politiker glauben tatsächlich auch selbst daran.

Sie lügen nicht, sondern blenden vielmehr die Realität aus. Sie haben Versprechen gegeben, die sie nicht halten können, und lassen zu, das andere ihr Leben in der Annahme führen, dass das Unmögliche geschehen wird. Wird es aber leider nicht.

Wie können wir uns nun aus diesem Dilemma lösen? Umfassende Veränderungen, die uns alle betreffen, werden unumgänglich sein. Wenn sich die Lebenserwartung, wie ich vermute, schon bald (d. h. innerhalb der nächsten 10-15 Jahre) deutlich verbessert, werden wir in der Lage sein, uns anzupassen, ohne dabei zu viele Abstriche machen zu müssen. Wir werden länger arbeiten und unser Ruhestand wird kürzer sein, aber wir werden diese Zeit mehr genießen können, weil wir gesünder sein werden.

Das ist die Prognose für den günstigsten Fall. Die Chancen für dieses Szenario stehen meiner Meinung nach gar nicht so schlecht, aber um das zu erreichen, wird viel politische und gesellschaftliche Arbeit notwendig sein. Wie wir diesen Prozess bewältigen können, ist die vielleicht wichtigste Frage, die wir uns heute stellen müssen.

Bei all dem habe ich die Komplikationen, die sich im Laufe der nächsten 10-20 Jahre ergeben werden, weil neue Technologien unsere Arbeitsverhältnisse grundlegend ändern, noch nicht mit berücksichtigt. Auch diese Umwälzungen bedeuten, dass sich das Verhältnis von Arbeitnehmern und Rentnern weiter verschiebt. Mark Zuckerberg spricht sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Ich denke, dass das die falsche Herangehensweise ist, denn es liegt in der Natur des Menschen, etwas tun und einen wertvollen Beitrag in der Gesellschaft und im Leben der eigenen Familie zu leisten. Die Realität zeigt jedoch, dass es immer mehr Menschen gibt, für die es schwierig ist, eine solche Arbeit zu finden.

Vielleicht sollten wir über eine bedingungslose Grundbeschäftigung nachdenken. Roosevelt hat eine ganze Generation zum Arbeitseinsatz an öffentlichen Projekten eingeteilt und dem Land so geholfen, die Große Depression zu überwinden. Unsere Welt wird sich zweifellos auf eine Weise ändern, die wir nicht immer verstehen und auf die wir weder psychologisch, noch gesellschaftlich, politisch oder wirtschaftlich vorbereitet sind.

Gleichzeitig haben wir in den USA und in großen Teilen Europas soziale Echokammern entwickelt, in denen wir nur noch mit uns selbst und mit Gleichgesinnten kommunizieren, während wir die andere Seite ignorieren oder verteufeln. Der gesellschaftliche Dialog befindet sich in einer Abwärtsspirale, denn uns ist offenbar die Fähigkeit abhanden gekommen, auf rationale und produktive Weise verschiedener Meinung zu sein - eine Entwicklung, die mir ernste Sorgen bereitet.


© John Mauldin
www.mauldineconomics.com


Dieser Artikel wurde am 30. September 2017 auf www.mauldineconomics.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.



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