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Wieso steigen Gold und Anleihen gemeinsam?

12.11.2019  |  John Paul Koning
In einem vorherigen Artikel erwähnte ich, dass bei meinem Einstieg in die Finanzindustrie der Besitzer der Maklerfirma, bei der ich arbeitete, ein eingefleischter Goldenthusiast war. Der Großteil seines Portfolios war in Gold investiert (er besaß sogar eine Goldmine) und er war ein Anhänger des Goldstandards. Wenn der Markt am Ende des Tages zur Ruhe kam, schwelgte er oft in Erinnerungen an die 1970er Jahre, sein Lieblingsjahrzehnt.

Laut den Erzählungen meines Chefs verbrachte er den Großteil der 1970er mit dem Kauf von Goldfutureskontrakten und dem Leerverkauf von Anleihen. Das war eine fantastisch profitable Reihe von Trades, die man damals machen konnte. Da die Inflation die Anleihepreise vernichtete, lohnte sich die Short-Position meines Chefs. Und als Investoren zur Absicherung in Gold strömten, stieg das gelbe Metall von einem zweistelligen Preis auf über 800 Dollar und gab seiner Long-Position Auftrieb. Mit diesen Gewinnen baute er seine Maklerfirma auf.

Dieser Trade war so erfolgreich, dass mein Chef versuchte, ihn in den 1980ern und 90ern zu wiederholen. Ohne großen Erfolg. Bis dahin hatten die Zentralbanker die Inflation größtenteils gebändigt. Ab 1980 würde der Goldpreis für über zwei Jahrzehnte stagnieren. Unterdessen betraten die Anleihepreise einen permanenten Bullenmarkt (siehe Chart unten). Die Verluste von meinen Chef nahmen zu.

Als Gold 2001 schlussendlich einen Boden bildete, begannen die Goldfutureskontrakte meines Chefs sich endlich bezahlt zu machen. "Die 70er sind zurück", würde er hämisch lachend sagen. Doch die andere Seite des Trades, der Leerverkauf von Anleihen, funktionierte nicht. Anstatt zusammenzubrechen, wie sie es in den 1970ern taten, blieben die Anleihepreise stark. Als die Kreditkrise 2008 einsetzte, kehrte der Anleihebullenmarkt mit aller Macht und steigenden Preisen zurück. Wenn er auf seinen Bildschirm starrte, murrte mein Chef finster vor sich hin, da jeder Gewinn in Gold durch einen weiteren riesigen Verlust in seiner Anleihe-Shortposition wettgemacht wurde.


Die wilden Siebziger

Mein Chef war nicht der einzige, der dieses Muster verwirrend fand. Viele Finanzexperten, die in den 1970ern erwachsen wurden, waren verwirrt von den 2000ern. Dieser Jahrgang der Babyboomer neigt dazu, sich sehr auf ein auf Inflation basiertes mentales Modell von Finanzmarktpreisen zu verlassen. Das Modell funktionierte in den 70ern gut und sie haben es nie vergessen.

Es funktioniert folgendermaßen: Ein unerwarteter Anstieg der Inflationsrate treibt den Goldpreis höher und bietet Goldinvestoren ein Maß an Schutz. Doch nicht Anleihen. Die Zinszahlungen und der Nennwert von Anleihen sind festgelegt. Eine unerwartet hohe Inflation bedeutet, dass die Zinsen, die für bestehende Anleihen gezahlt werden, nicht mehr hoch genug sind, um Investoren für ihr Risiko zu kompensieren. Also fällt der Marktpreis der bestehenden Anleihen. Neue Anleihen werden mit höheren Zinssätzen ausgegeben, um den Inflationsanstieg auszugleichen.

Diesem einfachen Modell zufolge steigt der Goldpreis, weil die Inflation steigt. Und wenn die Inflation steigt, sollten die Anleihepreise sinken. "Die Dinger sollten sich nicht zusammen bewegen", würde mein Chef 2010 und 2011 gegen seinen Handelsbildschirm wettern. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Blase platzt!"

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In den 1970ern, dem grau unterlegten Zeitabschnitt, bewegten sich die Preise von Gold und Anleihen in entgegengesetzte Richtungen. In den 2000ern neigten sie dazu, sich zusammen zu bewegen (rosa unterlegte Bereiche), so wie es in den letzten zwölf Monaten der Fall ist.



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