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Amerikanische Wachstums- und Öl-Illusionen

28.04.2018  |  Prof. Dr. Hans J. Bocker
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China ist kein geographischer Zwerg, wie jedes der 150 von den USA besetzten Länder (oder genauer: moderner Kolonien). Rein geographisch sind die Territorien der beiden Weltmächte in etwa gleich groß. Die Zeiten des blutig niedergeschlagenen Boxeraufstandes und dem stolzen Marschieren westlicher Truppen durch Peking, nebst Absetzen der letzten Kaiserin, sind lange vorbei. China ist zur größten Fertigungs- und Produktionsstätte der Welt herangewachsen, während das größte Finanzzentrum der Welt in New York und London verblieben ist.

Genau hier dürften sich die Führungsrollen zugunsten Chinas umkehren. Kleine Meldungen am Rande verstärken die eher negativen Aussichten für die USA: So gingen die Einzelhandelsumsätze im Februar 2018 im dritten Monat in Folge zurück, diesmal nur um 0,1%. Aber der Konsum trägt zu mehr als einem Drittel zum US-BIP bei. Da scheint eine Maus an der tragenden Stütze zu nagen.

Die Amerikaner kaufen weniger. Und soeben haben sie mit ihren verzinslichen Staatsschulden die 21. Billionen-Grenze nach oben nachhaltig durchbrochen - und die Börsengewinne von etwa 30%, die sich nach Trumps Ankündigungen von der großartigen Steuerreform sowie von dem versprochenen Mega-Billionen-Dollar-Programm mit der Verbesserung der Infrastruktur, ergeben hatten, lösten sich in den letzten Wochen in lauwarme Luft auf, nachdem Trump den großen Handelskrieg mit China ankündigte.

Der lilafarbige Herr gibt, und der noch immer lilafarbige Herr nimmt.

Das Gestöhne an der Wall Street war in allen Medien der befreundeten Länder, einschließlich des deutschen Karnickelzüchter-Bezirks-Blattes und aller Extraausgaben, zu hören bzw. nachzulesen. Man hörte hohe Milliardenbeträge mitsamt den Schleifgeräuschen lautstark in den Abgrund hinunterrauschen. Aber ein Milliärdchen weg, und noch zehn weitere Milliärdchen pro Tag ebenfalls weg, was solls denn schon, die wird die FED in wenigen Tagen in einer Sonderschicht in aller Ruhe nachdrucken.

Und die nicht eben linkslastige Bloomberg-Presse veröffentlichte eine sachliche Berechnung, derzufolge ein Handelskrieg zwischen den USA und China die Weltwirtschaftsleistung um etwa 620 Milliarden $ pro Jahr zurücksetzen würde. Derartiges würden auch Europa und natürlich auch Deutschland nachhaltig zu spüren bekommen. Übrigens, die von Washington erzwungenen Sanktionen gegen Russland kosteten Deutschland bisher 300.000 Arbeitsplätze, während gleichzeitig der amerikanische Handel und die Exporte der Amerikaner nach Russland um 7% zunahmen.

Man haut seine Freunde kaltschnäuzig in die Pfanne. Derartiges nennt man "echte transatlantische Freundschaft". So dürfte es den dummen Deutschen leichter fallen, die von Polen lautstark geforderten 440 Milliarden Euro an Entschädigung zu bezahlen. Deutschland braucht keine Feinde mehr, wenn man schon solche Freunde hat.

Dafür aber hat Russland im 1. Quartal drei Tonnen Gold hinzugekauft. Und aus der Schweiz flossen 66 Tonnen Gold nach China. Die Schweizer wollen gerade eine Volksabstimmungskampagne starten, wonach nur noch die Zentralbank alle Macht in der Finanzwelt haben soll (als ob sie diese nicht schon hätte) und dann wird sich fast alles Alte in Helvetia vergolden, oder zumindest versilbern (selbst abrutschende, bröckelnde Berghänge eingeschlossen). Bis dahin erfreut man sich an einer Super-Aktie, die in jeden Haushalt gehört.

Die Firma hatte zehn Jahre kein Wachstum, wie man dem Internet entnehmen kann, und bei einem KGV von 721 müsste der Aktionär nur 721 Jahre warten, bis er seinen Einsatz zuverlässig zurückerhält. Aber Zuverlässigkeit war schon immer ein Markenzeichen der Schweizer Produkte. Der Name dieses Weltunternehmens beginnt mit "N". Kein Wunder, dass alle Schweizer und alle N-Aktionäre unbedingt 800 Jahre alt werden wollen.

In ein paar Jahren sitzen die Finanzzentren der Welt wahrscheinlich nicht mehr in New York und London, sondern in Peking und Moskau. Und vielleicht werden dann manche arbeitslosen jungen Westler dort um Brot und Arbeit bitten. Dann könnten die Chinesen auch nicht mehr von den "gwello" (Mandarin) oder "lao wai" (kantonesisch zu Deutsch in beiden Sprachen: den "fremden Teufeln") sprechen, denn westliche Hausangestellte sind ja friedlich und dem neuen Arbeitgeber gegenüber dankbar.

Ob im Endkampf um die Weltherrschaft die bankrotten Finanzzentren des Westens oder die hyperaktiven Produktionszentren des Ostens obsiegen, wird sich zeigen. Fest steht heute schon, dass der Versuch, das lästige Russland und das widerborstige China militärisch auszulöschen, wie die Sumpfzecken in Vietnam oder die Wüstenflöhe im Irak, unmöglich ist. Ein solcher Versuch würde dazu führen, dass die USA diese Mächte auf den Weg in den Hades begleitet.

Fest steht auch, dass die Ostmächte den amerikanischen Unilaterismus und den Missbrauch der Macht das Dollars zutiefst verabscheuen. Und sie sind mit diesem Widerwillen nicht allein auf der Welt. Sie werden das globale Währungs- und Handelsgefüge grundlegend verändern, und dabei werden die Edelmetalle eine erhebliche Rolle spielen. Das gemächliche Kreuzen amerikanischer Flugzeugträger in den Grenzgewässern der Russen und Chinesen, so als ob ihnen die Welt alleine gehöre, ist kein Akt der Stärke, sondern provokante Dummheit. Prompt erhöhte Peking gerade nach der letzten Provokation dieser Art seine Rüstungsausgaben um rund 9% und die Ausgaben für Forschung und technische Entwicklung um 10%.

Und damit nicht genug: Die jüngsten Sanktionswarnungen Washingtons beantwortete Peking, indem es rund 17 Milliarden $ in Form amerikanischer Staatsanleihen auf den Markt warf und danach noch 169 Milliarden $ vorerst noch zurück behielt. Damit verblieben weltweit noch ca. 6.250 Milliarden $ Schatzbriefe im Ausland (dummdreister Werbespruch der FED: "Schulden spielen keine Rolle, wir schulden doch alles nur uns selber…") Sollten diese unter der Führung Chinas und Russlands in "unfreundlicher" Weise abgestoßen werden, dürfte es dem Zweigespann FED und Wall Street sehr warm in der Kragenhöhe werden, denn wer sollte diese Mengen kaufen, und womit?

Aber dafür wachsen die Schulden drei Mal so schnell wie die Vermögen. Die jüngste Zinserhöhung der FED wurde in Peking mit verkniffenem Gesicht zur Kenntnis genommen; dies soll der Wall Street neues Geld aus dem Ausland anlocken, aber leider erzeugt sie auch große Kursverluste der bisherigen Schatzbriefhalter - und bei dieser Gruppe steht China an der Spitze der traurigen Pyramide. Weitere Zinserhöhungen wurden von Powell angekündigt, doch dürfte China diese nicht tatenlos abwarten. Die Gefahr hoher Verluste ist einfach viel zu groß.

Im Übrigen sind die Ostländer ebenfalls viel zu groß, um sie selbst nach einem Sieg militärisch zu besetzen und zu verwalten. Ferner lernen Millionen von Chinesen Englisch oder eine andere westliche Sprache, doch wie viele der "fremden Teufel" lernen Mandarin oder kantonesisch?

Will ich ein Land erobern und beherrschen, muss ich zunächst einmal dessen Sprache lernen. Und dessen Kultur verstehen. Mit dem Abfeuern von ein paar Schrotflinten und Sonntagspredigten von den Kanzeln der von Partisanen- durchseuchten Gemeinden ist es niemals getan. Die harte Arbeitsethik, die half, erst das britische Weltreich und danach das US-Imperium aufzubauen, beruhte auf den strengen protestantischen Ethikvorstellungen und strikten moralischen Geboten im Sozialbereich.

Stichworte: Harte Arbeit, niemals aufhören oder nachlassen. Der Tag hat ja mindestens 24 Stunden. Alle Familienmitglieder und die Verwandten arbeiten fleißig zusammen. Alle ziehen am gleichen Strang. Alte oder Behinderte werden nicht in irgendein Heim auf Staatskosten abgeschoben. Die Familie sorgt für sie. Starke Familienverbände arbeiten, bestens synchronisiert, und über Generationen hinweg zusammen. Es wird hart und gnadenlos gespart und sinnvoll gegen Zinsen (versteht sich) investiert. Die chinesische Ethik ist konfuzianistisch und ebenfalls hart und brutal.

Im Westen aber ist von den ursprünglichen protestantisch-ethischen Werten nicht viel übriggeblieben - man wartet auf die Gewerkschaften, den nächsten Wohlfahrtsscheck, den dritten schlecht bezahlten Nebenjob, eine Rentenaufbesserung, einen neuen Tarifvertrag, auf Kindergeld, Schulgeld, Krankengeld, Reisegeld, Trennungsgeld, Schlechtwettergeld, auf ein Stipendium, auf Dieselbeihilfe, auf einen Steuernachlass von 1,03%, auf Krankenkassenrückerstattungen, auf den Brief vom Sozialamt, auf den Bescheid vom Arbeitsamt, auf etwas billigere Rundfunk- und Fernsehgebühren, und auf Hartz 4 oder demnächst auf Hartz 5.

Und fast täglich eine Antragstellung auf irgendeine staatliche Leistung oder einen freien Bezug - in vierfacher Ausfertigung, versteht sich. Und dem Antrag muss man dann natürlich noch mehre Male nachtelefonieren.

In Deutschland nimmt sich der Staat je nach Art der Kalkulation zwischen 57 und 70% der Wirtschaftsleistung - und die Bürger fühlen sich, genau wie in Amerika, froh und glücklich, dass sie dem gottgleichen Vater Staat so viel abliefern dürfen, denn sie erwarten Rente, Arbeitslosengeld, freie Bildung, freie Gesundheitsfürsorge und freie Erziehung, Sonderzahlungen bei Stockschnupfen, und hunderte anderer sozialer Leistungen und staatlicher Förderungen, und "alles umsonst".

Derlei Erwägungen sowie die dazugehörigen Aktionen, sowie ausuferndes Gutmenschentum sind den Chinesen völlig fremd. Was für sie zählt ist erstens die eigene Familie, zweitens hart arbeiten und drittens, wenn irgend möglich, sparen in Form von physischem Gold, meist wiederum in der Variante von Schmuck, was übrigens von der Regierung nachdrücklich gefördert wird. Im Westen wird Gold lächerlich gemacht und der weitere Aufbau von Schulden aller Arten wird von Regierung, Unternehmen, Banken und den Medien nachdrücklich gefördert. Die Steuerbelastung ist in China vergleichsweise minimal. Zwischen 30 und 50% an Steuern und Abzügen, wie im Westen üblich, wären dort weder beschlussfähig, noch durchsetzbar.


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