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Die kommende Schuldenkrise wird jeden treffen

04.07.2018  |  Mark J. Lundeen
- Seite 5 -
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"Wie bist du bankrott gegangen?" fragte Bill. "Auf zwei Arten", sagte Mike. "Zuerst allmählich, und dann ganz plötzlich." - Ernest Hemingway, "The Sun Also Rises", 1926

Ich habe das obenstehende Zitat von Hemingway auch bei anderen Autoren schon gesehen, wenn sie die Zahlungsfähigkeit von Einzelpersonen oder ganzen Staaten diskutieren. Personen und Institutionen können de facto jahrelang insolvent sein, ohne dass ihnen ihre prekäre Lage wirklich bewusst ist. Und dann geht es eines Tages ganz schnell.

Zu Beginn sind sie schuldenfrei, dann beschließen sie, ihren Konsum mit Hilfe eines kleinen Kredits etwas zu erhöhen. Dieser Kredit ermöglicht beispielsweise den Kauf eines Autos oder Hauses, das allein mit dem Gehalt und den Kapitalerträgen nicht zu finanzieren wäre. Wenn die Regierung am Anleihemarkt Schulden aufnimmt, um ein großzügigeres Sozialleistungspaket verabschieden zu können oder Wählerstimmen zu kaufen, ist das damit vergleichbar.

Kredite zu Konsumzwecken werden in guten Zeiten aufgenommen, dann aber von den Schuldnern jahrelang hinter sich hergeschleppt wie ein toter Gaul - möglicherweise bis zum Ruhestand. Es lohnt sich nur selten. Oft wachsen die Schulden im Laufe der Zeit, da der Trend mittlerweile dahin geht, die Kredite nur noch zu bedienen und immer wieder zu verlängern. Doch dann kommt schließlich der Tag, an dem die Annahmen, die man bei der Aufnahme des Darlehens gemacht hat, nicht mehr gültig sind. Das Einkommen sinkt aus dem ein oder anderen Grund und plötzlich ist die Bedienung der Schulden nicht länger möglich.

Früher, vor sehr langer Zeit, sahen sich Schuldner teilweise gezwungen, den Kreditgebern ihre Kinder zu verkaufen. Heute leben wir jedoch in aufgeklärten Zeiten und die Schuldner dürfen typischerweise fast alles behalten, was sie mit dem Geld der Gläubiger gekauft haben, während man den Kreditgebern bei den Insolvenzverhandlungen sagt, sie sollen sich "hinsetzen und den Mund halten". Genau das ist den Anleihebesitzern von General Motors 2009 bei der "Umstrukturierung" des Unternehmens passiert. Das einzige, was damals umstrukturiert wurde, war allerdings das Anlagevermögen der Gläubiger.

Für die meisten Menschen hört es sich wahrscheinlich ganz gut an, dass die Lasten auf die Kreditgeber abgewälzt werden. Dabei ist ihnen aber wahrscheinlich nicht bewusst, dass der Tag kommen wird, an dem das System die Lasten auch auf ihre Rentenfonds, Banken und Lebensversicherungen übertragen wird. Wenn wir die weitreichenden Konsequenzen der Zahlungsausfälle bedenken, die unserem schuldendurchtränkten Finanzsystem drohen, wird schnell deutlich, dass davon jeder Einzelne auf die eine oder andere Weise betroffen sein wird.

Ich erwähne das als Einleitung für die folgenden beiden Beiträge, die ich in den Finanzmedien gelesen habe. Der erste behandelt die anstehende Fusion der amerikanischen Telekommunikationskonzerne AT&T und Comcast. Wenn dieser Zusammenschluss genehmigt wird, wird das den beiden Gesellschaften nach Angaben der Wall Street den zweifelhaften Ruhm einbringen, die am höchsten verschuldeten Unternehmen der Welt zu sein.

Zuerst beunruhigte mich diese Nachricht. Doch dann ging ich nach draußen. Die Sonne schien, der Himmel strahlte in wundervollem Blau, ich hörte die Bienen summen und meine beiden Katzen schliefen sicher und wohlbehalten auf der Terrasse. Wenn diese Fusion, die zur Folge hätte, dass die Schulden der beiden Unternehmen auf eine Höhe anwachsen, die bei einer Rezession womöglich ihren Untergang bedeutet, den staatlichen Regulatoren ebenso gleichgültig ist wie meinen Katzen, warum sollte ich mich dann darum kümmern?

Dann las ich den folgenden Artikel, in dem berichtet wird, dass sich die US-Unternehmensschulden mittlerweile auf mehr als 6 Billionen Dollar belaufen, und begann zu verstehen, warum das niemanden beunruhigte. Die US-Unternehmen verfügen angeblich auch über "Barmittel in Höhe von 2,1 Billionen Dollar, um diese Schulden zu bedienen".

"Nach Angaben von S&P Global hat die Schuldenlast der US-Unternehmen die Rekordsumme von 6,3 Billionen Dollar erreicht. Die gute Nachricht ist allerdings, dass die Unternehmen gleichzeitig auch über Barmittel in Höhe von 2,1 Billionen Dollar verfügen, mit denen sie diese Schulden bedienen können." - CNBC, 27. Juni 2018

Das ist tatsächlich eine gute Nachricht, wenn sie wahr ist. Aber ist sie das? Die von der Fed gemeldete Umlaufgeldmenge beläuft sich nach Angaben der aktuellen Ausgabe von Barron's auf nur 1,66 Billionen Dollar. Es ist also vollkommen unmöglich, dass irgendjemand über 2,1 Billionen Dollar in bar verfügt. Was die US-Unternehmen tatsächlich haben, sind kurzfristige Schulden in Höhe von 2,1 Billionen Dollar, auch wenn diese von Standard & Poor's zweifellos alle mit AAA bewertet sind. Sämtliche Bareinlagen, über die diese Unternehmen vielleicht tatsächlich verfügen, sind zudem bei einer mit toxischen Derivaten infizierten Wall-Street-Bank hinterlegt. CNBC möchte uns allerdings glauben machen, dass die Dinge kaum besser stehen könnten - ich gehe also davon aus, dass sie sich bald verschlechtern werden.

Wie viel der 2,1 Billionen Dollar "in bar" sind in Wirklichkeit Schuldverschreibungen von AT&T und Comcast? Diese Anleihen sind nur deswegen so gut wie Bargeld, weil die Unternehmen ihre Schulden bedienen, d. h. weil sie die Renditen regelmäßig zahlen können. Dazu werden sie fraglos auch dann noch in der Lage sein, wenn sie infolge der Fusion weitere Schulden in Milliardenhöhe aufnehmen. Aber unkritisch davon auszugehen, dass die beiden "höchstverschuldeten Unternehmen der Welt" ihren Schuldendienst angesichts der drohenden Umwälzungen in der Wirtschaft auch in den kommenden Jahren noch problemlos leisten können, ist eine riskante Annahme.

Das Gleiche gilt für zahlreiche andere US-Unternehmen genauso - große, bekannte Unternehmen, die ihre Bilanzen in den letzten Jahren mit Schulden überladen haben, um Dividendenausschüttungen oder ihre Aktienrückkäufe zu finanzieren.

Ich weiß nicht, welches Ereignis letztlich der Auslöser sein wird. Vielleicht wird es eher ein politisches als ein wirtschaftliches Ereignis sein; vielleicht wird es eher international als hausgemacht sein. Doch ich kann den Tag kommen sehen, an dem die Umsätze zahlreicher Unternehmen zusammen mit der Wirtschaft einbrechen und der generierte Cashflow nicht mehr reicht, um die Schulden zu bedienen.

Diese Unternehmen werden keinen vollständigen Schuldenschnitt erhalten. Aber es wird sich herausstellen, dass ihre Schuldverschreibungen am Anleihemarkt ebenso wenig liquide sind, wie es die hypothekenbesicherten Wertpapiere 2008 waren. Dann werden die Unternehmensanleihen nicht mehr als Barmitteläquivalente gelten und den Gläubigern wird man einmal mehr sagen, dass sie sich hinsetzen und den Mund halten sollen.

Ja, ich mag Gold und Silber gerade heutzutage besonders, denn in unserer mit Schulden gesättigten Welt, in der jederzeit umfassende Zahlungsausfälle drohen, sind sie die einzigen Vermögenswerte ohne Gegenparteirisiko.


© Mark J. Lundeen



Dieser Artikel wurde am 01.07.2018 auf www.gold-eagle.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.


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