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Diesmal hatte Keynes Recht

25.09.2019  |  John Mauldin
"Praxisorientierte Männer, die glauben, sie seien ausgenommen von jeglichem intellektuellen Einfluss, sind üblicherweise die Sklaven irgendeines verstorbenen Volkswirtschaftlers. Verrückte in Autoritätspositionen, die Stimmen aus dem Nichts hören, leiten ihren Wahnsinn von irgendeinem akademischen Schreiberling ab, der vor einigen Jahren gelebt hat." - John Maynard Keynes.

Ich beginne mit diesem Keynes-Zitat, da es - obwohl es der Wahrheit entspricht - nicht weit genug geht. Das Problem sind nicht einfach verstorbene Volkswirtschaftler oder "Schreiberlinge, die vor einigen Jahren gelebt haben." Wir befinden uns im Griff von Volkswirtschaftlern, die eine große Macht besitzen und weit von ihrem Tod entfernt sind. Ob sie tatsächlich Stimmen aus dem Nichts (oder Twitter) hören, das kann ich nicht sagen, doch sie sind tatsächlich Verrückte in Autoritätspositionen.

Nicht alle Volkswirtschaftler fallen in diese Kategorie. Viele verschaffen uns nützliche Einblicke oder sind im schlechtesten Falle nur nutzlos. Sie geben nicht vor, dass sie die menschliche Natur ändern oder das Unausweichliche aufhalten können. Leider glauben einige Volkswirtschaftler, dass sie genau das tun können. Schlimmer ist hingegen, dass sie sich in Positionen befinden, von denen aus sie Chaos anrichten können; und das tun sie auch.

Am letzten Wochenende erhielt ich zwei E-Mails, in denen mir Artikel über die Profession des Volkswirtschaftlers nahe gelegt wurden. Ich erhielt diese innerhalb weniger Minuten und von zwei verschiedenen Leuten, die sich gegenseitig nicht kennen. Das erschien mir wie ein sonderbarer Zufall, ermutigte mich jedoch zum Schreiben.

Bitte beachten Sie, dass ich nicht mit allem zustimme, was in den Artikeln geschrieben steht, die ich heute beschreiben werde. Nichtsdestotrotz sind sie wichtig, da sie versuchen, das Problem, das Keynes identifiziert hat, zumindest zu beschreiben und möglicherweise zu lösen. Wir müssen sie ansprechen, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Wir können nicht einfach unseren Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass sich das Problem von selbst lösen wird.

Die gesamte Schuldenblase, die Angst um Einkommens- und Reichtumsungleichheit sowie ein wachsendes Defizit werden nach der nächsten Rezession schlimmer werden und das fehlende wirtschaftliche Verständnis seitens der Wähler wird sich rächen. Es ist besser, es jetzt anzusprechen, während wir noch immer handeln und vielleicht noch einige Dinge ändern können.


Falsche Annahmen

Der erste Artikel handelt von einem TED-Talk im Juli 2019 von Nick Hanauer, einem selbsternannten "Plutokraten", der mehrere Unternehmen gründete und verkaufte. Er ist nun ein Risikokapitalinvestor. Hanauer sitzt politisch gesehen zu meiner Linken, doch seine Gedanken erinnern mich ein wenig an Ray Dalio und, wie Sie sehen werden, einige Befürworter der neokeynesianischen "neuen Volkswirtschaftslehre."

Hanauers aktueller TED-Talk trägt den Titel "Das dreckige Geheimnis des Kapitalismus - und ein neuer Weg vorwärts." Er beginnt damit, die Ausweitung des Ungleichheitsproblems zu beschreiben, das wir zuvor angesprochen haben, und fokussiert sich dann auf das, was er für das Problem hält: neoliberale Volkswirtschaftslehre.

Volkswirtschaftslehre wurde als die düstere Wissenschaft beschrieben, und das aus gutem Grund, da sie - egal wie weitverbreitet sie gelehrt wird - gar keine Wissenschaft ist; trotz all der umwerfenden Mathematik. Tatsächlich schlussfolgerte eine zunehmende Zahl an Akademikern und Experten, dass die neoliberale Volkswirtschaftstheorie gefährlich falsch liegt und dass die heutigen zunehmenden Krisen wachsender Ungleichheit und politischer Instabilität das direkte Resultat von jahrzehntelanger schlechter Wirtschaftstheorie sind.

Wir wissen, dass die Volkswirtschaftslehre, die mich so reich gemacht hat, nicht nur falsch, sondern rückständig ist. Denn es stellt sich heraus, dass nicht Kapital für Wirtschaftswachstum sorgt, sondern Menschen. Und es ist nicht Selbstinteresse, das das Wohl der Allgemeinheit unterstützt, sondern Wechselseitigkeit. Und es ist nicht der Wettbewerb, der unseren Wohlstand generiert, sondern Kooperation.

Wir sehen nun, dass eine Volkswirtschaftslehre, die weder gerecht noch inklusiv ist, niemals in der Lage sein wird, das hohe Niveau an gesellschaftlicher Kooperation zu erhalten, die notwendig dafür ist, dass die moderne Gesellschaft florieren kann.


Ich weiß, das sind Kampfbegriffe für die meisten Verteidiger des freien Marktes, doch hören Sie mir zu. Hanauer gibt drei falschen Annahmen die Schuld am elenden Zustand der modernen Volkswirtschaft.

Erstens: Es stimmt nicht, dass der Markt ein effizientes Gleichgewichtssystem ist. Sie haben vielleicht von einem anderen Artikel von mir gehört, in dem ich beschreibe, wie unsere äußerst komplexe, moderne Volkswirtschaft alles andere als ein Gleichgewicht ist. Es ist ein wachsender Sandhaufen, dessen Kollaps sicher ist. Wie Hyman Minsky schrieb: Stabilität verursacht Instabilität.

Wenn Sie denken, wie das allzu viele Volkswirtschaftler tun, dass Sie eine Wirtschaft in Richtung eines Gleichgewichts bewegen können, dann helfen Sie schlicht und ergreifend nur dabei, den Sandhaufen größer zu machen; sodass dessen letztlicher Zusammenfall noch volatiler ist. So kommt es zu Krisen wie im Jahr 2008 und wie wir sie im Laufe der Zeit erneut erleben werden.

Die zweite falsche Annahme lautet: Preis ist immer mit dem Wert gleichzusetzen. Das ist das Herz der effizienten Markthypothese, dass Aktienkurse immer alle verfügbaren Informationen widerspiegeln. Das ist offensichtlich nicht der Fall, da wir sowohl überbewertete als auch unterbewertete Märkte gesehen haben.

Tatsächlich gibt es von Volkswirtschaftlern geführte Institutionen wie die Federal Reserve, die sicherstellen, dass Preise nicht dem Wert entsprechen. Sie verzerren die Preise absichtlich und beginnen dabei mit dem wichtigsten: der Preis des Geldes, was wir als "Zinsen" bezeichnen; das führt zu allerhand schädlichen Auswirkungen (und oftmals Vorteile für diejenigen, die Assets bereits besitzen).

Die dritte falsche Annahme geht davon aus, dass Menschen rationale Maschinen sind, die ihre Nützlichkeit maximieren und immer zuerst auf ihre eigenen Interessen achten. Das ist einfach nicht wahr. Menschen sind soziale Tiere und wir werden, unter den richtigen Umständen, unsere eigenen Interessen für andere opfern. Soldaten springen nicht heroisch auf Granaten, weil sie selbstsüchtig sind. Eltern und Freunde opfern oftmals etwas für ihre Kinder und Freunde. Die Leute akzeptieren geringere Erträge, um in Möglichkeiten zu investieren, die ihrer Ansicht nach die Welt verbessern, oder verhalten sich im allgemeinen Interesse, jedoch entgegen ihres eigenen. Das passiert ständig.


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