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Europa und die drohende Implosion der Rentensysteme

29.06.2018  |  John Mauldin
Der Legende nach hat der italienische Diktator Benito Mussolini immerhin dafür gesorgt, dass die Züge pünktlich fuhren. Andere Quellen besagen jedoch, dass das Eisenbahnsystem auch unter seiner Herrschaft schrecklich unzuverlässig blieb.

Das Gleiche gilt im übertragenen Sinne wahrscheinlich für die vielgepriesenen Sozialsysteme in Europa, Kanada, Australien usw. Diese haben mit Sicherheit vielen Menschen geholfen, aber sie konnten weder die Armut beseitigen noch garantieren, dass sich alle Bürger dieser Staaten unbeschwert zur Ruhe setzen können. Ist es möglich, dass sie die Ausgaben einfach nur in die Zukunft verlagert haben und die Rechnung künftigen Generationen aufbürden? Dieser Frage werden wir im heutigen Beitrag nachgehen, der Teil meiner Artikelserie ist, in der ich die grundlegenden aktuellen Probleme unseres modernen Finanz- und Wirtschaftssystems beleuchte.

Letzte Woche habe ich mich mit den staatlichen Rentenkassen in den USA befasst, die erschreckend unterfinanziert sind und den Arbeitnehmern wahrscheinlich nie die versprochenen Leistungen auszahlen können - zumindest nicht, ohne den Steuerzahlern eine enorme und unliebsame Rechnung vorzulegen. Und da die Steuerzahler im Allgemeinen auch Wähler sind, ist es äußerst zweifelhaft, ob sie gewillt sein werden, diese Rechnung zu begleichen. (Selbst die Schweizer haben gegen eine vergleichsweise sanfte Reform ihres Rentensystems gestimmt, wie wir unten noch sehen werden.)

Leser außerhalb der USA haben angesichts des vorherigen Artikels vielleicht eine gewisse Befriedigung verspürt. Diese verrückten Amis wieder, die ständig über ihren Verhältnissen leben. Sie haben nicht ganz unrecht; wir gehören nicht gerade zu den sparsamsten Völkern der Erde. Allerdings gleicht Ihr Land den Vereinigten Staaten vielleicht mehr als Sie glauben.

Dieser Artikel ist Kapital 7 der wöchentlichen Serie. Hier finden Sie die Links zu den vorhergegangenen Beiträgen:


Nicht existentes Geld

Eine Studie des Weltwirtschaftsforums untersuchte im letzten Jahr die Situation in sechs Industriestaaten (den USA, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden, Japan, Australien und Kanada) und zwei Schwellenländern (China und Indien) und kam zu dem Schluss, dass bis zum Jahr 2050 in den Rentenkassen insgesamt 400 Billionen Dollar fehlen. So viel wäre nötig, um sicherzustellen, dass jede Person im Rentenalter 70% ihres Arbeitslohns erhält, einschließlich aller staatlichen Leistungen, persönlichen Ersparnisse und Arbeitgeberrücklagen.

Das ist eine schwer begreifliche Summe und weit mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung des gesamten Planeten. Allerdings ist der Großteil Europas darin noch nicht einmal berücksichtigt. Wenn es diesen Ländern nicht auf irgendeine Weise gelingt, das nötige Geld aufzutreiben, werden sie die Versprechen, die sie den heutigen Arbeitnehmern gegeben haben, unter Garantie brechen.

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400 Billionen Dollar klingen also nach einer Menge Geld. Sind sie auch. Doch die acht untersuchten Länder haben einer schnellen Berechnung zufolge nur einen Anteil von rund 60% am Bruttoweltprodukt, d. h. wir können getrost weitere 250 Billionen Dollar zum globalen Rentendefizit hinzuaddieren. Der tatsächliche Betrag variiert von Land zu Land und in Abhängigkeit von der demografischen Situation.

In vielen Staaten, wie beispielsweise den USA, umfasst das noch nicht das Gesundheitswesen und andere Sozialausgaben. Im letzten Artikel dieser Reihe werde ich alle Fehlbeträge addieren. Ich habe die Berechnung noch nicht durchgeführt, aber die Gesamtsumme könnte sich auf mehr als 1 Billiarde Dollar belaufen. Das ist eine Eins gefolgt von fünfzehn Nullen. Dabei erwirtschaften wir heute weltweit weniger als 80 Billionen Dollar im Jahr.

Erinnern Sie sich daran, was ich früher in dieser Artikelreihe geschrieben habe: Versprechen wie diese sind Schulden, ob sie nun auf irgendeiner Bilanz auftauchen oder nicht. Sie zu brechen ist gleichbedeutend mit der Erklärung, dass man die eigenen Schulden nicht begleichen kann. Die Gläubiger (Arbeitnehmer) werden das zumindest so auffassen.

Ich hatte zudem darauf hingewiesen, dass die steigenden Lebenserwartungen dieses Problem verschärfen. Ein Alter von 100 Jahren zu erreichen ist heute nicht mehr so bemerkenswert, wie es früher noch war. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Die gute Nachricht ist, dass wir uns im höheren Alter auch einer besseren Gesundheit erfreuen werden als die Generationen vor uns. Wird 80 das neue 50 sein? Wir sollten es besser hoffen, denn wenn die Menschen mit 65-70 Jahren aufhören zu arbeiten, dann sieht es aus mathematischer Sicht ganz düster aus.

Genau das hat auch das Wall Street Journal in dieser Woche auf seiner Titelseite geschrieben. Wir sehen das bereits am Arbeitskräftemangel in der Wirtschaft.


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