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Finanzmärkte gelassen - Fed erhöht - EZB macht Kosmetik - Habeck und das Gas ...

16.06.2022  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,0447 (05:24 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,0360 im US-Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 134,41. In der Folge notiert EUR-JPY bei 140,42. EUR-CHF oszilliert bei 1,0398.

An den Finanzmärkten wurden die Entwicklungen der letzten 24 Stunden mit einem hohen Maß an Gelassenheit aufgenommen. Die Divergenz der Notenbankpolitik Fed/EZB hat zumindest kurzfristig keine Verwerfungen zur Folge gehabt. Aktienmärkte schlossen auf erhöhten Niveaus. Kapitalmarktzinsen kamen zurück (Bunds 1,64%, Treasuries 3,33%). Gold befestigte sich ausgehend von niedrigen Niveaus. Krypto-Anlagen zerlegt es weiter. Der Euro zeigte sich von der stabilen Seite.


US-Zinserhöhung um 0,75% - eine Spur „Paul Volcker“

Die US-Notenbank hat das Niveau des Leitzins um 0,75% von bisher 0,75% - 1,00% auf 1,50% - 1,75% erhöht. Mehr noch wurden die Projektionen für den Leitzins per 2022 von 1,9% auf 3,4%, für 2023 von 2,8% auf 3,8% und für 2024 2,8% auf 3,4% angehoben. Langfristig geht man in der US-Notenbank davon aus, dass der Leitzins bei 2,5% (bisher 2,4%) verankert sein würde. Der Notenbankpräsident Powell machte klar, dass die Bekämpfung der Preisinflation im Vordergrund stehe. Er sehe die Wirtschaft als widerstandsfähig an.

Kommentar: Jerome Powell lieferte gestern eine Spur des „Paul Volcker“-Ansatzes. Stabilität, Preisstabilität stehe auf der Agenda. Er lieferte die vom Markt am Ende erwartete Zinserhöhung. Die Prognoseanpassungen der zukünftigen Zinsschritte wirkt forsch. Damit sollen die Fehler des „zu lang zu tief“ der Vergangenheit kaschiert werden. Powell bezeichnete die Wirtschaftslage als widerstandsfähig.

Das klingt so rosig wie die Inflationsprognosen der US-Notenbank im letzten Jahr, die sich als grob fehlerhaft erwiesen haben. Fakt ist, dass die Belastungsszenarien für den US-Konsum, der die US-Wirtschaft maßgeblich trägt, durch Kaufkraftverluste zunehmen. Fakt ist, dass der Immobilienmarkt Fissuren zeigt. Fakt ist, dass der festere USD Exportchancen einschränkt. Fakt ist andererseits, dass die US-Militärindustrie reüssiert.

Powell lieferte, um Glaubwürdigkeitsdefizite zu nivellieren, das ist anzuerkennen. Powell kann mit dieser Zinspolitik aber nicht die Ursachen der Inflation neutralisieren, denn die liegen maßgeblich in der Geopolitik. Das vergaß er wohl im Rahmen "politischer Korrektheit", mitzuteilen.



EZB macht Kosmetik

Die Ankündigung einer außerordentlichen Sitzung gestern früh klang verheißungsvoll. Klänge können täuschen. Sie haben getäuscht. Werfen wir einen Blick auf die getroffenen Entscheidungen: Die EZB will bei der Wiederanlage der Gelder aus Anleihefälligkeiten des PEPP-Programms die höher verschuldeten Ländern zu Lasten der geringer verschuldeten Länder stärker alimentieren. Darüber hinaus wurden zuständige Ausschüsse beauftragt, ein neues Werkzeug gegen ein Auseinanderlaufen der Renditen von Staatsanleihen (Fragmentierung) in der Eurozone zügig fertigzustellen.

Kommentar: Es gibt ein Problem. Die EZB ist weit hinter der Kurve in der Akzeptanz der Realität. Messbar ist das an dem historisch hohen negativen Realzins. Während die US-Notenbank, die Bank of England und auch die Bank of Canada beginnen, sich dieser unbequemen Realität zu stellen, indem sie den Zinserhöhungsmodus starteten, verweigert sich die EZB anscheinend so lange es geht.

Gestern verpasste die EZB eine Chance bestehenden Glaubwürdigkeitsdefiziten entgegen zu wirken. Der beste Weg der Fragmentierung der europäischen Kapitalmärkte entgegen zu wirken, ist Glaubwürdigkeit herzustellen. Damit will ich nicht die getroffenen Maßnahmen per se diskreditieren. Die sind durchaus angebracht. Sie hätten aber von einem ersten Zinsschritt flankiert sein sollen.

Die Bank of Japan, die noch renitenter an der Zinspolitik von gestern festhält, erntet durch brachialen JPY-Verfall, der die importierte Inflation erhöht. Will die EZB auch diese Karte spielen? Der Euroverfall der letzten Monate hat den Inflationsdruck bereits erhöht, nicht ermäßigt. Gestern früh setzte ein kleiner Adler zum Flug an, was landete sah nicht wie ein Adler aus. Mehr gibt es nicht zu sagen.



Moskau und Peking verstärken wirtschaftliche Kooperation

Die Ukraine-Krise führt zu Entwicklungen, die dem Westen nicht schmecken können. Nach einem Telefonat zwischen Xi und Putin hieß es gestern, dass Russland und China ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs vertiefen wollen. Das gelte für die Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, Finanzen, Industrie, Verkehr als auch anderen Sektoren.

Ich erlaube mir anzumerken, dass andere Sektoren im militärischen Bereich angesiedelt sein könnten. Beide Seiten stellten fest, dass die unrechtmäßige Sanktionspolitik des Westens die Weltwirtschaft eingetrübt und die Zusammenarbeit der beiden Großmächte forciert habe.

Am Rande sei bemerkt, dass Südafrika nun auch Interesse am günstigen russischen Öl hat. Der Westen hat offenbar nur Lust auf teures Öl, um der eigenen Industrie und den Menschen zu nutzen?

Kommentar: Die Welt fragmentiert sich zusehends in zwei Lager. Ein Lager, das nicht sanktioniert, weil es erkennt, dass es um US-Interessen der Geopolitik geht. Dieser Teil genießt in den "Terms of Trade" Vorteile. Der andere Teil, hat offenbar Lust,, sich international Nachteile zu verschaffen.


Klartext

Deutschland steht im Zentrum des westlichen Energiedilemmas. Da soll wegen der Moral „autoritäres Gas“ aus Russland durch "autoritäres Gas" aus Katar ersetzt werden. Herr Habeck redet von Abkommen mit Katar. Katar verwies zurecht darauf, dass es kein Abkommen sei, sondern ein unverbindliche Absichtserklärung. Habeck redet von Abkommen und suggeriert damit Lösungen des Problems, die keine Lösungen sind, sondern lediglich potentielle Möglichkeiten. Gestern fand das Ganze noch einmal statt mit Israel und Ägypten. Auch das sind nicht bindende Absichtserklärungen.

Wir leben in einem energetischen Zeitalter. Die Versorgung mit Energie ist so wesentlich wie das Blut, das in unsere Adern zirkuliert. Womit spielt unsere Politik? Ich diskutiere mit meiner lieben Frau Conny aktuell den Begriff "Fassungslosigkeit": Mehr gibt es nicht zu sagen.


Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden:

Eurozone: Handelsbilanz kollabiert und markiert historischen Rekord

Laut Eurostat stellte sich per Berichtsmonat April in der saisonal bereinigten Fassung ein Handelsbilanzdefizit in Höhe von 31,7 Mrd. EUR ein. Der Vormonatswert wurde von -17,6 auf -17,8 Mrd. EUR revidiert. Der nachfolgende Chart belegt die historisch prekäre Situation. Geopolitik hat ihren Preis.

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Die Industrieproduktion nahm im Monatsvergleich um 0,4% (Prognose 0,5%) nach zuvor -1,4% (revidiert von -1,8%) zu. Im Jahresvergleich ergab sich ein Rückgang um 2,0% (Prognose -1,1%) nach zuvor -0,5% (revidiert von -0,8%). Die Devisenreserven sanken per Berichtsmonat Mai von zuvor 1.144,2 auf 1.108,3 Mrd. EUR. In Frankreich stellte sich die Preisinflation der Verbraucher per Mai laut finaler Berechnung auf 5,8% (vorläufiger Wert und Prognose 5,8%).


USA: Ein durchwachsenes Bild

Der von der MBA berechnete Hypothekenmarktindex stieg in der Berichtswoche per 10. Juni von zuvor 288,4 auf 307,4 Punkte. Der New York Fed Manufacturing Index legte per Juni von zuvor -11,6 auf -1,2 Punkte zu (Prognose 3,0). Die Importpreise nahmen per Mai im Monatsvergleich um 0,6% (Prognose 1,1%) nach zuvor 0,8% (revidiert von 0,6%) zu. Im Jahresvergleich kam es zu einem Anstieg um 11,8% nach zuvor 12,5%.

Die Einzelhandelsumsätze sanken per Mai unerwartet im Monatsvergleich um 0,3% (Prognose +0,2%) nach zuvor 0,7% (revidiert von 0,9%). Im Jahresvergleich kam es zu einer Zunahme um 8,09% nach zuvor 7,82% (revidiert von 8,19%). Die Lagerbestände stiegen per April im Monatsvergleich um 1,2% (Prognose 1,2%) nach zuvor 2,4% (revidiert von 2,0%). Der NAHB Immobilienmarktindex sank per Juni von zuvor 69 auf 67 Zähler (Prognose 68).

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den USD gegenüber dem EUR favorisiert. Ein Überschreiten des Widerstandsniveaus bei 1.0870 - 1.0900 neutralisiert den positiven Bias des USD.

Viel Erfolg!


© Folker Hellmeyer
Chefvolkswirt der Netfonds Gruppe



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